14.11.12

Frostiges Wetter

Berlin rüstet sich für den Wintereinbruch

Es wird kalt in der Hauptstadt. Die Bahn schützt ihre Weichen, die BSR rüstet Streufahrzeuge um und im Zoo übernachten die Kängurus im Stall.

Von Thomas Fülling und Tanja Laninger
Foto: dapd

Besenrein: Mit Räummaschinen wie diesem Arbeitsfahrzeug vom Typ BaMoWag will die Deutsche Bahn ihre Gleistrassen schneefrei halten
Besenrein: Mit Räummaschinen wie diesem Arbeitsfahrzeug vom Typ BaMoWag will die Deutsche Bahn ihre Gleistrassen schneefrei halten

Der Schnee fehlt. Aber der Frost ist schon da. In der Nacht zu Mittwoch herrschten am Stadtrand – von Eiskeller bis Erkner – minus vier Grad, sagt Thomas Globig vom Wetterdienst Meteomedia. Das werde auch in den nächsten Nächten so bleiben. Berliner Winterdienstfirmen fahren größtenteils noch zur Probe ihre Einsatzorte ab, aber einige sind durchaus schon im echten Einsatz: Sie streuen Splitt oder Sand auf Brücken. Wie also bereiten sich Berliner Institutionen auf den Winter vor – selbst wenn tagsüber die Sonne scheint und die Quecksilbersäule im Thermometer auf mehr als zehn Grad steigt?

Bahn

"Bei so einem Wetter mag man gar nicht an Eis und Schnee denken", sagt Heino Ressel. Doch genau das ist der Job des Eisenbahners in der orangefarbenen Warnweste. Ressel ist Bereichsleiter bei der Netzsparte der Deutschen Bahn (DB Netz) und soll als "Winterkoordinator" dafür sorgen, dass der Schienenverkehr in der Region auch bei Eis und Schnee nicht zusammenbricht.

Eine Herausforderung, denn die Erfahrungen der Berliner in den letzten Jahren sind alles andere als gut. Weil Strecken eingeschneit und Weichen zugefroren waren, mussten Fahrgäste insbesondere bei der S-Bahn chaotische Zustände ertragen. Teilweise über Stunden bibberten sie auf zugigen Bahnsteigen, weil die Züge unterwegs steckengeblieben waren. Kaum besser war es den Fernreisenden ergangen. Reihenweise kam es zu Ausfällen und teils stundenlangen Verspätungen.

Derlei Szenarien sollen sich für die Fahrgäste im diesem Winter nicht wiederholen, versprechen die Bahn-Manager. Der staatseigene Konzern hat dazu kräftig in neue Technik und zusätzliches Personal investiert. So sind inzwischen 90 Prozent der insgesamt mehr als 4000 Weichen im Schienennetz der Region mit Heizungen ausgestattet, die ein Einfrieren verhindern sollen. Zudem sollen bis zum Jahresende knapp 800 für den Zugverkehr besonders bedeutsame Weichen eine Abdeckung erhalten, die das Eindringen von Schnee und Eis in die sensible Mechanik verhindert. Solche Weichen befinden sich etwa im Bereich Südkreuz, am Bahn-Knoten Wustermark und am Bahnhof Spandau, hinter dem zum Beispiel die wichtigen Bahntrassen nach Hamburg und Spandau abzweigen. Rund drei Millionen Euro lässt sich die DB Netz AG das Umrüstprogramm kosten. Rund 300 Weichen haben bereits die Schutzabdeckungen, allerdings erst 50 bei der besonders frostanfälligen S-Bahn.

"Wir haben immer dann ein Problem, wenn über Nacht plötzlich zehn Zentimeter Schnee und mehr fallen", sagt Marko Dörschel, Instandhaltungschef bei DB Netz. Um vor plötzlichen Witterungsumschwüngen gefeit zu sein, wurde ein Wetterdienst vertraglich verpflichtet, der zwei Mal täglich ortsbezogene Vorhersagen mit einem Vorlauf von bis zu fünf Tagen macht. Schneit es dann erst einmal, sollen 2738 Räumkräfte dafür sorgen, dass die Gleise weiter befahrbar bleiben. Rund 2000 Mitarbeiter kommen von externen Firmen. Damit diese – wie etwa vor zwei Jahren – im Einsatzfall nicht nur auf dem Papier stehen, hat die Bahn die Verträge mit mehreren "schwarzen Schafen" aufgelöst. "Wir sind für den Winter gut gerüstet", ist sich Bahn-Koordinator Ressel sicher. Und wie sieht es bei anderen Einrichtungen aus?

BSR

"Wir können sofort vom Laub in den Winter gehen", versichert Bernd Müller von den Berliner Stadtreinigungsbetrieben (BSR). Bei den aktuellen Nachttemperaturen um null Grad stehen spezielle Kontrollfahrten auf dem Plan. "Ab fünf Uhr morgens fahren Mitarbeiter exponierte Stellen ab", so Müller. Besteht Reifansatz und Rutschgefahr, rücken Streufahrzeuge aus. Als wetteranfällig gelten der Autobahnabschnitt am ehemaligen Flughafen Tempelhof, die 932 Meter lange Rudolf-Wissell-Brücke sowie die Zufahrten zum Jakob-Kaiser-Platz in Charlottenburg, die Autobahnzufahrten um Dreilinden von der Potsdamer Chaussee, das Schöneberger Kreuz, die Schwarze Brücke in Pankow sowie verschiedene Brücken über Bahngleisen.

Gasag

Sprecher Klaus Haschker ist gelassen. "Der Erdgasspeicher in Charlottenburg ist angefüllt. Wir haben die Mengen, die wir brauchen, im Sommer eingekauft und können damit die Verbrauchsspitzen gut abdecken." Die Füllmenge beträgt 135 Millionen Kubikmeter Gas. Sie sei, so Haschker, noch in keinem Winter komplett verbraucht worden. Der Speicher dient nicht zur Grundversorgung, sondern sein Inhalt soll zusätzlichen Bedarf abdecken.

BVG

Auch die Berliner Verkehrsbetriebe sind vorbereitet. Sprecher Klaus Wazlak: "Wir sind noch bei jedem Wetter gefahren." Nur frischer Schneefall bremse Busse aus. Indirekt – weil dann alle Autofahrer automatisch langsamer fahren. Zudem könne feuchter, frischer Schnee durch Autoreifen in die Weichen gedrückt werden. Sie lassen sich dann nicht mehr schalten und müssen gereinigt werden. Seit 2010 steht gesetzlich fest, dass die BVG die Bushaltestellen beräumen müssen – und nicht Hauseigentümer. "Seitdem gibt es keine Probleme", sagt Wazlak.

Schneeräumer

Berliner Winterdienstfirmen takten derzeit ihre Touren ein und machen nächtliche Probefahrten. Und sie bestreuen seit dem 1. November Brücken, wie Katja Heers sagt. Die Rechtsanwältin sitzt dem Berliner Verband gewerblicher Schneeräumbetriebe vor, die für Firmen, Behörden und Privatleute die Wege frei halten.

Hausbesitzer

"Hauseigentümer haben hoffentlich schon Verträge mit Räumungsfirmen abgeschlossen – sonst müssen sie selbst fegen", sagt Dieter Blümmel vom Verband Haus und Grund. In Berlin ist das Streuen von Salz verboten, abstumpfende Mittel wie Splitt oder Sand sind erlaubt. Blümmel rät dazu, das eigene Dach zu inspizieren – mit dem Fernglas. "Man sollte ausschließen, dass irgendwo Wasser eindringen kann und bei Unsicherheit den Dachdecker beauftragen."

Präsident

Hausherr ist auch der Bundespräsident. Im Schloss Bellevue wurde bereits die Heizungsanlage fachmännisch überprüft und auf dem Gelände die Vorräte an Streugut aufgefüllt. Stauden und Rosen werden abgedeckt, die Bewässerungsanlagen sind entlüftet und ausgeschaltet. Die Brunnen im Präsidentengarten am Südflügel sind bereits geleert und werden nun gereinigt.

Weihnachtsmärkte

Schulungen gab es für die Mitarbeiter von Käthe Wohlfahrt. Sie tragen bei Wettereinbrüchen – wie alle anderen Weihnachtsmarktteilnehmer auch – besondere Verantwortung für die Fläche vor dem Stand. "Wir müssen Sand oder Kies, Schneeräumer und Besen vorrätig halten", erklärt Sprecherin Felicitas Höptner. Ob am Opernpalais oder Gendarmenmarkt – die Firma ist ab 26. November auf fünf verschiedenen Märkten vertreten.

Botanischer Garten

"Wir hatten schon Frost und waren vorbereitet – uns ist das Wetter somit egal", sagt Nils Köster, Kustos für tropische und subtropische Pflanzen im Botanischen Garten in Dahlem. Alle nicht frostharten Pflanzen wurden inzwischen mit Gabelstaplern in Überwinterungshäuser gebracht. Dazu gehören die großen Dattelpalmen und Oleander. Einige eingeräumte kleinere Olivenbäume sind noch im Mittelmeerhaus zu sehen.

Zoo

Auch Tiere werden eingewintert, sagt Kurator Ragnar Kühne vom Zoo. Dazu gehören Vögel aus dem Sumpfvogelpanorama wie Rote Sichler, Löffler, Rosa und Brillenpelikane. Viele sind im Wirtschaftshof im Winterquartier und erst ab Frühjahr für Besucher wieder zu sehen. Säugetiere wie Wasserschweine und Kudus, Säbelantilopen und die Roten Riesen (Kängurus) dürfen bei Frostgefahr nachts nicht mehr raus.

Wetter

Wie der Winter wirklich wird, weiß niemand, betont Thomas Globig vom Wetterdienst Meteomedia: "Alle Aussagen dazu sind nicht seriös." Einziger Hinweis: mit einem sehr milden November steige die Wahrscheinlichkeit für einen in der Temperatur durchschnittlichen oder unterdurchschnittlichen (also kalten) Winter. Auch ohne Stürme und Glatteis und Schnee bleibe es in den nächsten Tagen so kalt wie momentan: tagsüber von zwei bis neun Grad, nachts am Stadtrand minus vier Grad. "Frühmorgens", sagt Globig, "gibt es also wieder was zu kratzen auf der Autoscheibe".

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