12.11.12

BBU-Chefin Kern

Wie Berlin mit dem Wohnungsmangel umgehen will

Billige Mieten sind in Berlin schon jetzt Mangelware, sagt BBU-Chefin Kern. Ihre Forderung: Ein intelligentes Neubauförderprogramm muss her.

Foto: David Heerde

Märkisches Viertel: Laut Verbandschefin fehlt es in Berlin besonders an kleineren, preisgünstigen Neubauwohnungen
Märkisches Viertel: Laut Verbandschefin fehlt es in Berlin besonders an kleineren, preisgünstigen Neubauwohnungen

Berlin wächst. Der neuen Bevölkerungsprognose zufolge, die der Senat am 20. November vorstellen will, soll die Einwohnerzahl bis 2030 um 250.000 auf 3,75 Millionen Menschen steigen. Maren Kern, Chefin des Verbandes Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) hält deshalb das Regierungsprogramm der rot-schwarzen Koalition – 6000 neue Wohnungen pro Jahr in dieser Legislaturperiode – für nicht ausreichend. Im Gespräch mit Isabell Jürgens fordert sie von der Politik ein intelligentes Neubauförderprogramm.

Morgenpost Online: Frau Kern, ist die Bevölkerungsprognose eine schlechte Nachricht für Berlins Mieter?

Maren Kern: Zunächst einmal ist es eine wirklich gute Nachricht für Berlin, die uns stolz machen sollte. Wer hätte noch vor fünf Jahren geglaubt, dass unsere Stadt einmal so viele Menschen aus dem Bundesgebiet und dem Ausland anlocken wird? Es ist auch eine gute Nachricht, weil das Bevölkerungswachstum mit der guten wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt und dem Abbau der Arbeitslosigkeit einhergeht. In Bezug auf die Mieter in der Stadt könnte man jedoch sagen, Berlins Entwicklung ist alarmierend positiv. Denn die Konkurrenz um das bereits heute knappe Angebot an preiswerten Mietwohnungen wird weiter zunehmen.

Morgenpost Online: Das klingt vor allem nach guten Zeiten für Ihre Mitglieder, oder?

Maren Kern: Der Wohnungsleerstand bei unseren Mitgliedsunternehmen ist bereits in den vergangenen Jahren enorm zurückgegangen, liegt in diesem Jahr bei nur noch 2,6 Prozent und wird vermutlich im kommenden Jahr weiter nur noch 2,3 Prozent betragen. Das geht schon in Richtung Wohnungsknappheit. Aufgabe der Wohnungsunternehmen ist die Vermietung, natürlich würden wir deshalb auch gern noch mehr Wohnungen vermieten. Damit die Wohnungsbaugesellschaften und Genossenschaften jedoch in die Lage versetzt werden, selbst zu bauen, brauchen wir bessere Rahmenbedingungen. Und die muss die Politik erst noch schaffen.

Morgenpost Online: Der Regierende Bürgermeister hat in dieser Woche verkündet, dass die Zahl der Baugenehmigungen in den ersten drei Quartalen dieses Jahres um fast 20 Prozent auf 6700 gestiegen ist. Beweist das nicht, dass die Rahmenbedingungen stimmen?

Maren Kern: Genehmigt ist aber noch längst nicht gebaut. Wir haben nachgerechnet und herausgefunden, dass gut ein Fünftel der zwischen 2004 und 2011 genehmigten Neubauwohnungen nicht errichtet worden sind. Darüber hinaus ergab die Auswertung, dass die neu gebauten Wohnungen in Berlin eher groß sind, nämlich gut 125 Quadratmeter, verteilt auf durchschnittlich vier Zimmer. Benötigt werden aber vor allem kleine und vor allem preiswerte Wohnungen. Das Gros des Neubaus findet derzeit im hochpreisigen Eigentumsbereich statt. Deshalb besteht für den BBU kein Zweifel daran: Für Berlin ist die Zeit eines Neubauprogramms für Mietwohnungen gekommen.

Morgenpost Online: Wie viele Wohnungen müssten denn jedes Jahr gebaut werden?

Maren Kern: Der Senat müsste seine Zielvorgaben annähernd verdoppeln. Die im Regierungsprogramm vereinbarten 6000 Wohnungen im Jahr reichen definitiv nicht aus. Der Bedarf liegt bei mindestens 10.000, eher noch 12.000 Wohnungen im Jahr. Und damit der Neubau auch denen zugute kommt, die nur über geringe Einkommen verfügen, müsste zumindest ein Teil dieser Wohnungen in irgendeiner Form gefördert werden, damit sie günstig vermietet werden können. Mieten um die sechs Euro pro Quadratmeter sind im freifinanzierten Wohnungsbau beim besten Willen nicht möglich. Mehr können sich aber viele Berliner nicht leisten.

Morgenpost Online: Berlin wächst schon seit ein paar Jahren kräftig, 2011 um rund 40.000 Einwohner, dieses Jahr werden es wohl wieder so viele. Haben nicht auch die Wohnungsunternehmen Mitschuld an der Wohnungsknappheit, weil sie den Trend verschlafen haben?

Maren Kern: Ein klares Nein. Wir haben als erste vor zweieinhalb Jahren darauf hingewiesen, dass wir auf eine Knappheit zusteuern. Damals hatten wir eine Leerstandsstudie erstellt und öffentlich präsentiert, obwohl das eigentlich gar nicht unsere Aufgabe ist. Die Studie hat klar belegt, dass die enormen Leerstandszahlen, die die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung damals immer noch kommuniziert hat, längst nicht mehr der Realität entsprachen. Wir warnten, dass bei uns tatsächlich nur noch 3,5 Prozent der Wohnungen frei verfügbar waren. Die damalige Senatorin Ingeborg Junge-Reyer hielt jedoch unbeirrt an einer Leerstandsquote von 5,5 Prozent und 100.000 leer stehenden Wohnungen fest. Wir sind froh, dass wir jetzt mehr Gehör finden.

Morgenpost Online: Und wer soll den Neubau bezahlen?

Maren Kern: Ohne eine kräftige Beteiligung des Landes wird es nicht gehen. Wir gehen von einem Bedarf von mindestens 450 Millionen Euro in den nächsten zehn Jahren aus, die Bereitstellung kostengünstigen Baulands noch nicht mit eingerechnet. Es wäre auch schon sehr hilfreich, wenn Berlin die ihm vom Bund für die Wohnungsbauförderung bereit gestellten Mittel in Höhe von jährlich rund 31 Millionen Euro tatsächlich für die Neubauförderung verwenden würde. Derzeit fließen diese Mittel aber noch in alte Verbindlichkeiten des Landes. Außerdem brauchen die Menschen auch mehr Unterstützung bei individuellen Mietzahlungsproblemen, also eine bessere Subjektförderung.

Morgenpost Online: Neben dem Mangel an Fördermitteln bereitet auch die mangelnde Akzeptanz von Bauvorhaben in der Bevölkerung Probleme.

Maren Kern: Allerdings. Da kann man sich nur wundern, wie heftig sich manche dagegen wehren, dass bei ihnen im Umfeld gebaut wird. Selbst da, wo es reichlich Platz gibt, wie etwa auf dem Tempelhofer Feld, gibt es enorme Widerstände. Dabei sind die 4600 Wohnungen, die nach aktuellen Planungen des Senats insgesamt am Rande dieser Riesenfläche entstehen könnten, eigentlich sehr wenig. Warum nicht doppelt so viele? Das würde Sinn machen, der Platz ist da und die gute Infrastruktur auch. Überhaupt sollte in Betracht gezogen werden, wieder attraktive, urbane Großsiedlungen zu bauen. Nur mit der Schließung von ein paar innerstädtischen Baulücken wird das Angebotsproblem nicht zu lösen sein.

Morgenpost Online: 50 Jahre nach dem Bau der Gropiusstadt fordern Sie ernsthaft wieder den Bau von Großsiedlungen?

Maren Kern: Warum nicht? Ganz abgesehen davon, dass das Negativ-Image längst Geschichte ist, müssen die neuen Siedlungen ja nicht nur in Hochhäusern errichtet werden. Die Berliner Gartenstädte der 20er-Jahre etwa könnten, gerade auch mit den platzsparenden Grundrissen ihrer Wohnungen, ein Vorbild sein. Als Großsiedlung gilt übrigens alles mit mehr als 2000 Wohnungen. Es müssen ja nicht gleich 20.000 sein.

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