09.11.12

Energieversorger

Warum die Gasag in Berlin gegen den Trend die Preise senkt

Rund 100.000 Kunden haben dem Unternehmen seit 2006 den Rücken gekehrt. Nun will das Unternehmen aufholen - durch Preissenkungen.

Von Hans Evert
Foto: DAPD
Der Berliner Energiekonzern Gasag senkt seine Gaspreise zum 1. Januar 2013 um gut drei Prozent
Der Berliner Energiekonzern Gasag senkt seine Gaspreise zum 1. Januar 2013 um gut drei Prozent

Der Zeitpunkt könnte kaum besser sein. Mitten im Gezänk um Energiepolitik und steigende Preise verkündet Deutschlands größter kommunaler Gasversorger eine Reduzierung. Die Gasag senkt mit Beginn des kommenden Jahres die Preise um gut drei Prozent.

Konkret verringert sich der Preis je Kilowattstunde um 0,238 Cent, wie das Unternehmen mitteilte. Von der Reduzierung profitieren Kunden des Grundversorgungstarifs ("Berlin Komfort") sowie der Vertragsvarianten "Gasag Aktiv" und "Gasag Profi".

Für Kunden, die einen Tarif mit zeitlich begrenzter Preisgarantie abgeschlossen haben, ändert sich vorerst nichts.

Die Preissenkung ist Teil einer größeren Offensive, in Berlin Kunden zurückzugewinnen. Erfolge dieser Art kann die Gasag gut gebrauchen. Derzeit hat der ehemalige Gasmonopolist rund 500.000 Kunden, davon rund 480.000 Privatkunden. Bedeutet: Rund 100.000 Menschen haben der Gasag seit 2006 den Rücken gekehrt, was auch an den Preisen lag. Nun will das Unternehmen aufholen. Helfen soll dabei die neue Freiheit bei der Preisgestaltung.

Preissenkungen bei Berliner Konkurrenz erwartet

Nach Darstellung der Gasag wirken sich die Preise wie folgt aus: Wer jährlich 12.000 Kilowattstunden verbraucht, hat eine jährliche Ersparnis von rund 29 Euro. Bei 20.000 Kilowattstunden gehen im Jahr die Kosten um knapp 50 Euro zurück, bei 35.000 Kilowattstunden um mehr als 80 Euro.

Jürgen Scheurer vom Verbraucher-Portal Verivox erwartet, dass das die Konkurrenz in Berlin ebenfalls zu Preisreduzierungen animieren dürfte. "Gerade Anbieter mit einer Discount-Strategie werden wohl die Preise senken", sagte Scheurer. Insgesamt gibt es in Deutschland eher eine Tendenz zu teurerem Gas.

Laut Verivox haben in den vergangenen Wochen 24 Unternehmen Preiserhöhungen angekündigt, elf erfreuten ihre Kunden mit billigerem Gas. Lange Zeit konnte die Gasag nur eingeschränkt auf dem Gasmarkt konkurrieren. Mit Lieferanten wie E.on Ruhrgas und Gaz de France (GDF) waren langfristige Verträge abgeschlossen. Darin war eine Bindung des Gaspreises an die Erdölnotierungen vorgeschrieben – für die Gasag ein regelrechter Knebel. In den vergangenen Jahren wurde Erdöl immer teurer und damit auch, mit gewissem Zeitabstand, das Gasag-Gas. Für den 1. Januar 2011 verkündete das Unternehmen ein Preisplus von 13 Prozent, für den Jahresbeginn 2012 waren es knapp acht Prozent. Im Vergleich dazu ist die jetzige Preissenkung natürlich gering. Allerdings ist der Symbolwert nicht zu unterschätzen.

Weg vom Ölpreis

Mit den neuen Lieferverträgen entgeht die Gasag dem Diktat des Ölpreises. Die neuen Konditionen sehen keinerlei Bindung an den Erdölpreis mehr vor. "Die Vorteile, die sich aus den verbesserten Lieferverträgen ergeben, können wir an die Kunden weiterreichen", sagte der neue Gasag-Vorstandschef Stefan Grützmacher. Der Manager ist seit wenigen Wochen im Amt und brütet derzeit über einer Zukunftsstrategie für das Unternehmen.

Dass das Unternehmen nun ohne die Fesseln schlechter Lieferverträge agieren kann, erleichtert seinen Einstieg. Viel zu tun hat er bei der Gasag dennoch. Der Versorger versucht seit Jahren, sich vom Gasgeschäft unabhängiger zu machen. Die Gründe dafür sind recht einfach. Zum einen sorgt die harte Konkurrenz speziell im Berliner Gasmarkt für geringe Gewinnspannen. Zum anderen aber geht der Verbrauch an Wärmeenergie insgesamt zurück.

Gedämmte Fassaden und moderne Heizkessel sorgen für Verbrauchssenkung. Gleichzeitig rangelt die Gasag noch mit Vattenfall im Wärmemarkt. Der schwedische Energiekonzern, gleichzeitig mit rund einem Drittel an der Gasag beteiligt, investiert derzeit kräftig in das Berliner Fernwärmenetz. Harte Konkurrenz kombiniert mit sinkender Nachfrage – mittelfristig stellt sich für die Gasag die Frage nach dem Geschäftsmodell. Eine befriedigende Antwort darauf gibt es bislang nicht.

Raus aus der Regionalnische

Ausprobiert hat das Unternehmen schon einiges. Zusammenfassen lassen sich die vielen Aktivitäten so: raus aus der Regionalnische und Einstieg in neue Geschäftsfelder. So verkauft das Unternehmen schon seit geraumer Zeit an Gewerbekunden im ganzen Land sein Gas. Unlängst gelang den Berlinern dabei ein Coup, als sie die Ausschreibung für die Gasversorgung der Hansestadt Hamburg gewannen. Für zwei Jahre wird die Gasag öffentliche Bauten und die Gebäude landeseigener Betriebe mit Gas versorgen. Darunter ist beispielsweise auch der Hamburger Hafen.

Doch in anderen Feldern, beispielsweise dem Stromgeschäft, sind noch keine vergleichbaren Erfolge bekannt. Künftig will das Unternehmen noch stärker die Ökokarte spielen. Entsprechend verstärkt werden derzeit Marketingbemühungen, um etwa den hauseigenen Biogastarif zu vermarkten. Zudem bietet das Unternehmen eine Art Finanzierung für moderne Heiztechnik an.

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