09.11.12

Oranienstraße

Mord in Kreuzberg - Kinder fliehen in Panik zu den Nachbarn

Am Mittwoch erschießt Attila U. seine Frau und sich selbst. Das Motiv: Offenbar wollte er Deutschland verlassen, seine Frau weigerte sich.

Von Peter Oldenburger und Steffen Pletl
Foto: Steffen Pletl

In der Nacht: Mitarbeiter der Gerichtsmedizin kümmern sich um den Leichnam
In der Nacht: Mitarbeiter der Gerichtsmedizin kümmern sich um den Leichnam

Ein Beziehungsdrama schockiert Kreuzberg. Ein gerade erst volljähriger junger Mann und seine beiden kleinen Schwestern müssen ihr künftiges Leben als Waisen meistern. Weil ihr Vater sich in einer für ihn anscheinend ausweglosen Situation sah, wurde er zum Mörder. Der 40-Jährige erschoss die eigene Frau und Mutter seiner Kinder und richtete sich anschließend selbst.

Beinahe hätte der Schütze, der sich nach Informationen von Morgenpost Online die Schusswaffe illegal besorgt haben muss, die Bluttat überlebt. Ein Rettungssanitäter konnte den Mann, der als Taxifahrer arbeitete, zunächst noch reanimieren. Doch nach der Einlieferung ins Krankenhaus am Friedrichshain erlag auch der Familienvater noch am Mittwochabend seinen schweren Verletzungen.

In Berlin nie richtig heimisch

Wie Morgenpost Online erfuhr, könnte sich ein schon länger schwelender Streit um die Zukunft der fünfköpfigen Familie auf schreckliche Weise entladen haben. Im Umfeld wurde davon berichtet, dass Attila U. seine Zukunft in seiner türkischen Heimat in der anatolischen Region Kayseri gesehen habe. Nach Informationen von Morgenpost Online war der 40-Jährige auch nach zwei Jahrzehnten in Berlin offenbar nie richtig heimisch geworden.

Seine Frau Turna wollte indes auf keinen Fall in die 300 Kilometer südwestlich von Ankara gelegene Stadt umsiedeln. Wie ihre in Berlin geborenen und aufgewachsenen Kinder wollte die Frau den angestammten Kreuzberger Kiez nicht verlassen. Zudem soll es wegen der Eifersucht des 40-Jährigen öfter zu Streitigkeiten zwischen den Eheleuten gekommen sein, erfuhr diese Zeitung aus dem Umfeld der Familie.

Spurensicherung in der Kreuzberger Wohnung dauert Stunden

Die Polizei ermittelt nun die genauen Umstände der Tat und versucht Klarheit über das Motiv zu bekommen. Die Tathintergründe waren am Donnerstag noch unklar. Zu klären ist, wie es zu dem Drama gekommen ist und wie sich die Tat konkret abgespielt hat. Unklar ist auch, ob die Kinder den Streit nur gehört haben oder gar Augenzeugen geworden sind. Die genaue Rekonstruktion des Tatgeschehens beschäftigt jetzt die 2. Mordkommission des Landeskriminalamtes.

In der Nacht waren Kriminaltechniker für Stunden mit der Sicherung von Spuren beschäftigt. Gleichzeitig befragten Kriminalbeamte in dem fünfgeschossigen Haus Nachbarn sowie Angestellte einer Gaststätte im Erdgeschoss des Gebäudes. Auch am Donnerstagvormittag wurde die Spurensuche der Kriminaltechniker fortgesetzt.

Zwei Schüsse in den Oberkörper

Am Donnerstag gab die Staatsanwaltschaft erste Ermittlungsergebnisse bekannt. Die Sofortobduktion habe ergeben, dass die Frau von zwei Schüssen einer Faustfeuerwaffe im Oberkörper getroffen wurde, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner. "Danach schoss sich der Mann drei Mal in die eigene Brust", so Steltner. Zum Hintergrund hieß es lediglich, das Tatmotiv dürfte im persönlichen Bereich liegen.

In der Wohnung der Familie U. im dritten Obergeschoss an der Oranienstraße 162 war es am Abend zu einer Auseinandersetzung zwischen den Eheleuten gekommen. Nachbarn berichteten, sie hätten einen lautstarken Streit vernommen, der plötzlich eskalierte. Schüsse seien zu hören gewesen, sagten Anwohner am Abend übereinstimmend. Die 39 Jahre alte Turna U. wurde tödlich getroffen. Momente später seien weitere Schüsse gefallen – Attila U. hatte die Waffe gegen sich selbst gerichtet.

Kinder fliehen und alarmieren die Polizei

Die entsetzten Kinder flohen in Panik in die Wohnung der Nachbarn. Die riefen sofort die Polizei. Die Feuerwehr wurde um 21.58 Uhr mit dem Einsatzbefehl "Schusswechsel mit Schwerverletzten" alarmiert. Vier Minuten später trafen die Einsatzkräfte in dem Wohnhaus ein, das sich auf halbem Weg zwischen dem Moritzplatz und der Oranienplatz befindet. Ein Notarzt konnte nur noch den Tod der 39-Jährigen feststellen. Der mutmaßliche Schütze konnte dagegen zunächst noch wiederbelebt werden und wurde mit Blaulicht und Martinshorn ins Krankenhaus gefahren.

Die Polizei fand den 18-jährigen Sohn und seine zehn und zwölf Jahre alten Schwestern in der Nachbarwohnung vor. Sie seien unverletzt, aber schwer traumatisiert, könnten das Geschehen noch gar nicht fassen, so ein Polizeisprecher am Abend.

In der Nacht ist Wehklagen zu hören

Sehr schnell verbreitete sich die Nachricht von dem Verbrechen in der Nachbarschaft. Vor dem Haus spielten sich in der Nacht ergreifende Szenen ab, lautes Wehklagen war zu hören. Tränen flossen. Verwandte des Ehepaares, die ganz in der Nähe leben, nahmen die Kinder schließlich vorläufig bei sich auf.

Vor dem Mehrfamilienhaus hatten sich unmittelbar nach der Tat zahlreiche Schaulustige versammelt. Die Polizei rückte zusätzlich mit zwei Mannschaftswagen an, um zu verhindern, dass die Einsätze der Rettungskräfte und der Kriminalpolizei behindert wurden.

Die Familie U. war in der Nachbarschaft vielen bekannt. Ein Anwohner berichtete, noch am Abend gegen 19 Uhr habe er die Familie beim Einkauf in einem nahe gelegenen Supermarkt gesehen. Für ihn habe überhaupt nichts auf eine ungewöhnliche oder angespannte Situation hingedeutet, sagte der Mann sichtlich schockiert.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Infizierte Pfleger Bentley darf leben - Hund hat kein Ebola
Sonnenfinsternis "Man muss das sehen, um es zu glauben!"
Terror in Kanada Überwachungskameras zeigen Angriff auf Parlament
Gasexplosion Explosion verwüstet ganze Straße in Ludwigshafen
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Trend

Die schönsten Fotobomben der Stars

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote