08.11.12

Wiederaufbau

Stadtschloss-Fundament auch nach 300 Jahren noch intakt

Rund 3000 Pfähle sorgten für die Standfestigkeit des Berliner Schlosses. Für den Neubau werden sie entfernt - und erstaunen die Experten.

Von Isabell Jürgens
Foto: dapd

Schwerstarbeit: Mit großen Baggern werden die Pfähle aus der Erde gezogen
Schwerstarbeit: Mit großen Baggern werden die Pfähle aus der Erde gezogen

Ganz vorsichtig packt der 29 Tonnen schwere Bagger mit seinem Doppelgreifer das obere Ende des Holzpfahles. Nur wenige Sekunden später ist einer der rund 3000 historischen Holzstämme, auf denen einst das Berliner Schloss gegründet wurde, dem Erdreich entrissen. Wie schwarze Zahnstocher im XXL-Format liegen bereits rund 300 der fast durchweg gut erhaltenen Gründungspfähle auf einem Haufen.

Drei Meter unter Straßenniveau haben Arbeiter in dieser Woche damit begonnen, mit schwerem Gerät die mehr als 300 Jahre alten Stämme zu ziehen. "Die Arbeiten kommen gut voran", sagte Manfred Rettig, Chef der Stiftung Berliner Schloss-Humboldtforum am Mittwoch auf der Baustelle. Noch bis Ende des Jahres werde es voraussichtlich dauern, sämtliche Pfähle zu ziehen. Bevor im kommenden Mai der Grundstein für den Wiederaufbau des Schlosses gelegt werden kann, müssen alle Stämme entfernt und durch einen tragfähigen Baugrund ersetzt werden.

Auf den ersten Blick wirken die 2,5 bis zehn Meter langen Holzpfähle, als hätten sie die Jahrhunderte völlig unbeschadet überstanden. "Doch sie einfach im Boden zu belassen und auf ihnen das neue Schloss zu errichten, ist viel zu riskant", sagte Rettig.

Stämme gefährden den U-Bahnbau

Die unterirdischen Holzpfähle gerade im Bereich des früheren Münzturmes müssen aber nicht nur entfernt werden, weil sie möglicherweise dem Gewicht des neuen Schlosses nicht gewachsen wären – sie könnten auch der Tunnelbohrmaschine für die U5 gefährlich werden. Die BVG wird gleich nach Abschluss der Gründungsarbeiten für das Schloss noch im Frühjahr 2013 mit dem Schildvortrieb für die neue Tunnelröhre beginnen. Unangetastet bleibt lediglich die Betonwanne, die einst für den Palast der Republik gegossen wurde. "Diese werden wir als Betonsohle stehen lassen und überbauen", so Rettig.

Dass der Untergrund ein schwieriger ist, sei jedoch von Anfang an bekannt gewesen und in die Zeit- und Kostenkalkulation eingeflossen. Schließlich wolle man kein Debakel erleben, wie es seinerzeit dem barocken Schlossbaumeister Andreas Schlüter beschieden war. Dieser war vom König entlassen worden, nachdem der von ihm geplante, mehr als 100 Meter hohe Münzturm an der Nordwestecke des späteren Schlosses sich bedrohlich neigte und schließlich abgerissen werden musste. Der Turm war dem morastigen Baugrund zum Opfer gefallen, der auch heute noch den zahlreichen Baustellen in Mitte Probleme bereitet.

Kiefernpfähle für die Standfestigkeit

Um diesem Schicksal zu entgehen, ließ sein Nachfolger Eosander von Göthe für den Aufbau des nach ihm benannten Eosanderflügel des Schlosses gleich ein ganzes Raster von dicht nebeneinander in das Erdreich gerammten Kiefernpfähle errichten, die mit einem aufliegenden Balkenrost noch zusätzlich verstärkt und mit elf Zentimeter dicken Eichendielen belegt wurde.

Diese Schlossgründung, die die Bagger auf dem Schlossplatz in der Nordostecke nun freigelegt haben, beeindruckt durch ihre akkurate Ausführung und den guten Zustand. "Unsere Altvorderen haben diese Gründungstechnik schon vor 300 Jahren perfektioniert", sagte der Grabungsleiter des Landesdenkmalamtes, Michael Malliaris. Doch neben den Kieferpfählen von Göthes habe man auch noch weitere ausgegraben, die vermutlich dem Turm sowie noch älteren Vorgängerbauten zuzuordnen sind, schätzen die Experten.

Wiederverwendung ausgeschlossen

Die gezogenen historischen Gründungspfähle des Schlosses sind nicht wiederzuverwenden. Das vollkommen feuchte Holz würde bei Lagerung an der Luft reißen. "Einige Pfähle werden wir jedoch aufbewahren", so der Archäologe. Sie sollen auf Alter, Herkunft und Baumart untersucht werden.

Für den überwiegenden Teil der alten Pfähle ist jedoch ein wenig rühmliches Ende vorgesehen: Die Stämme werden zur Verwertungsanlage RWG 1 nach Ruhleben gebracht und dort fachgerecht entsorgt. 65 Euro kostet es nach Auskunft der Stiftung, einen Pfahl zu ziehen und zu entsorgen. Bei der großen Anzahl der Pfähle kommen allein für diese Maßnahme 190.000 Euro zusammen. Insgesamt jedoch wird die Summe, die für die Gründung des Schlosses aufgebracht werden muss, bei mehr als zehn Millionen Euro liegen. Denn wo das Holz entfernt wurde, muss der Untergrund anschließend mit Kies und Sand aufgefüllt werden, um den Boden tragfähig zu machen.

21,2 Millionen Euro Spenden

Die zehn Millionen für das feste Fundament sind nur ein kleiner finanzieller Teil des 590 Millionen Euro teuren Mammutprojektes. Der Bund trägt einen Anteil von 478 Millionen Euro, das Land Berlin 32 Millionen Euro. 80 Millionen Euro sollen über Spenden finanziert werden. Nach Auskunft der Spendenuhr in der Humboldt-Box, dem Schloss-Informationszentrum neben der Baustelle, sind bislang 21,2 Millionen Euro an Spenden eingegangen. Läuft alles wie geplant, wird nach der Grundsteinlegung im Mai kommenden Jahres 2014 mit den Hochbaumaßnahmen begonnen. Anfang 2018 könnte der Bau dann fertig sein.

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