06.06.09

Berlin-Debatte

Der Wind des Wandels weht in Berlin besonders stark

Krise? Finanzkollaps? Bankrotte Banken? Die alten und neuen Berliner sind so schell nicht aus der Ruhe zu bringen - auch nicht durch das Gerede vom Niedergang. Die deutsche Hauptstadt setzt in schwierigen Zeiten auf neue Ideen. Denn die östlichste Stadt Westeuropas ist eine Kreativmaschine.

Von Axel Wallrabenstein
Foto: M. Lengemann
M. Lengemann
Axel Wallrabenstein in seiner Wohnung in Berlin Kreuzberg

Achtung, Sie betreten den kreativen Sektor. Mondlandung, das Attentat auf JFK oder der 11. September. Wer die Zeitwenden der Weltgeschichte miterlebt hat, weiß auch nach Jahrzehnten noch genau, wo er war, als "es" passierte. Um herauszufinden, welche Spuren der 9. November 1989 im Gedächtnis der Stadt hinterlassen hat, genügen schon ein paar simple Fragen im Freundes- und Bekanntenkreis:

Wo warst du, als Schabowski "Soweit ich weiß, unverzüglich" murmelte? Wo warst du, als die ersten Trabis über den Kudamm fuhren? Und womit warst du beschäftigt, als sich an der Bernauer Straße "wildfremde Menschen weinend in den Armen lagen?"

Im Gegensatz zu anderen Großereignissen der Weltgeschichte muss man sich bei Fragen nach dem Mauerfall auf Kritik, Ahnungslosigkeit und tiefe Ergriffenheit gefasst machen. Hier ein paar ausgewählte Reaktionen:

"Uff Arbeit, die ick damals noch hatte."

"Bernauer Straße? Ist das nicht da, wo die Townhouses stehen?"

"Also, ich lag mir mit wildfremden Menschen weinend in den Armen."

Die Kurzumfrage liefert eine erstaunliche Erkenntnis: Berlin beschäftigt sich nicht mit sich selbst, weil die Berliner zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Das Sinnieren über Ost-West-Gegensätze überlassen die Bewohner der Hauptstadt gerne denen, die sich gerade in einer Tarifauseinandersetzung oder im Wahlkampf befinden, oder denen, die täglich eine Zeitung vollschreiben müssen.

Mitten im kreativen Sog

Der Rest der Stadt hat Wichtigeres zu tun. Zwar sind die Aktivitäten dieses neuen Berlins nicht immer sozialversicherungspflichtig, dennoch haben die Menschen im Ost- und Westteil der Stadt einen kreativen Sog entstehen lassen, der sich weit über die Grenzen Berlins herumgesprochen hat.

Wenn der Wind des Wandels aufkommt, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen, sagt ein chinesisches Sprichwort. Es ist beruhigend, dass unsere Stadt voll von solchen Windmühlen ist. Es sind die Cafés und Klubs, die Galerien und Theater, die Zeitungen und Fernsehsender, die Lebenskünstler und die Internetunternehmer, die zeigen, dass diese Stadt bereit für Neues ist.

Das zeigt sich besonders im Internet, das bekanntlich auch nicht in WorldWideWest und WorldWideOst unterscheidet. 70 Prozent der Berliner sind online. Einige von ihnen beweisen dabei, dass man in Berlin auch sexy sein kann, wenn man erfolgreich ist. Der internationale Kongress Re:publica ist dafür ein Beispiel oder auch das Kreuzberger Unternehmen Allmaxx.de. Das junge Unternehmen steht beispielhaft für ein Berlin, das auf eigene Ideen setzt anstatt auf staatliche Infusionen. Allmaxx.de bietet, passend zur allgemeinen Finanzsituation, Rabattangebote für Studenten. Die Macher haben klein angefangen. Doch mit Kreativität, Mut und Bescheidenheit hat sich das Unternehmen von Anfang an aus der Liga der Internetklitschen ohne Gegenwart und Zukunft verabschiedet. Im Gegensatz zu vielen Online-Großprojekten etablierter Unternehmen arbeitet Allmaxx.de profitabel und beschäftigt mittlerweile 40 Mitarbeiter.

In jedem Kiez blüht was anderes

Übrigens: Die Windmühlen des Wandels entstehen nicht nur an den etablierten Hotspots in Mitte, Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Kreuzberg. Das neue Berlin lässt sich keine Kreativquartiere zuweisen, ganz gleich ob sie in Ost oder West stehen. So wächst Neues in Neukölln, Schöneberg und Weißensee und führt zum Beispiel dazu, dass die Studenten der Universität der Künste nur einen Steinwurf vom totgesagten Bahnhof Zoo unterrichtet werden. Übrigens, eine der renommiertesten Designagenturen Deutschlands hat sich nicht etwa im coolen Friedrichshain, sondern in Charlottenburg niedergelassen – einem Stadtteil, der bei hippen Neu-Berlinern lange Zeit als Vorhof zum Altersheim verschrien war.

Hier zeigt sich wieder einmal, dass die Berliner Kieze und Bezirke ihre Grabredner gerne Lügen strafen und einfach machen, was sie wollen. Ob die Wurzeln dieser Entwicklung im Osten oder Westen liegen oder ob es die hassgeliebten Neu-Berliner sind, die Veränderungen in der Stadt vorantreiben, lässt sich Gott sei Dank nicht mehr auseinanderklamüsern.

Finanzkrise? Alles schon da gewesen

Fest steht: Circa 230.000 Berliner arbeiten im Kreativbereich. Für Film und Fernsehen, Verlage, Radiosender, Redaktionen, Agenturen, Architekturbüros, Platten- und Modelabel, Galerien und Museen. Daran hat auch die weltweite Krise wenig geändert. Finanzkollaps? Bankrotte Banken? Alles schon da gewesen, denkt sich der Berliner und wendet sich dem zu, was er am besten kann: der Bonbonproduktion mit zweifelhaften Zutaten. Besonders diejenigen, die in ihrem ersten Leben in Hamburg, New York, Paris oder Paderborn gelebt haben, wissen zu schätzen, mit welcher sturen Wurstigkeit sich die westlichste Stadt Osteuropas gegen den so oft verheißenen Untergang stemmt.

Kann ja so schlimm nicht sein, wenn sich sogar Brad Pitt in Noto (North of Torstraße) für ein Haus interessiert und uns bei unserem Lieblingsfranzosen die Plätze vor der Nase wegschnappt.

20 Jahre nach dem Fall der Mauer hat sich Berlin zu einer der lebendigsten und lebenswertesten Städte der Welt entwickelt. Darauf können sich zumindest die meisten der 3,5 Millionen Menschen einigen, die hier leben. Vielleicht sollten wir die Eingangsfrage "Wo warst du vor 20 Jahren?" jetzt im Sinne Berliner Kreativität und Schaffenskraft erweitern: Berlin, wo bist du wohl in 20 Jahren?

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Shitstorm Helene Fischer macht ihre Fans mit VW-Spot wild
Neuer Geldschein Das ist die neue 10-Euro-Banknote
Supermodel-Battle Wer sieht im Bikini besser aus?
Internethändler Amazon-Mitarbeiter streiken für mehr Geld
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Kriminalität

Geldtransporter am Apple Store überfallen

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote