Online-Marktplatz

DaWanda eröffnet Laden in Berlin

DaWanda ist Deutschlands größter Online-Marktplatz für Selbstgefertigtes. Jetzt hat das Unternehmen einen eigenen Laden.

Foto: Amin Akhtar

Mit einem Nilpferd fing alles an. Klein und kuschelig war es und von Hand genäht. Anfang Dezember 2006 ging das Hippo als erstes Produkt über den virtuellen Ladentisch des Internet-Verkaufsportals "DaWanda". Inzwischen sind zwei Millionen Produkte dazugekommen. Spielsachen, Kleidung, Schmuck, Accessoires für Küche, Bad und Haustier, sogar Möbel und Delikatessen gibt es hier. Hauptsache in Handarbeit hergestellt. Das Etikett "mit Liebe gemacht", das selbst gemachten Erzeugnissen stets anhaftet, findet sich im Firmenslogan "Products with love" wieder.

DaWanda wurde vor sechs Jahren von Claudia Helming und Michael Pütz in Berlin gegründet, ein klassisches Start-up. Eine Handvoll Mitarbeiter gaben Designern und Bastlern die Möglichkeit, ihre Produkte im Internet zu verkaufen. Ähnlich wie auf Ebay können Verkäufer kostenlos einen Shop auf DaWanda eröffnen und ihre Produkte gegen eine Gebühr von je 10 bis 30 Cent einstellen.

Bei DaWanda macht die Quantität den Umsatz

Von jeder Transaktion bekommt DaWanda fünf Prozent des Verkaufserlöses. Da sich die Preise meist im ein- und zweistelligen Euro-Bereich bewegen, sind das keine hohen Beträge. Aber die Quantität macht den Umsatz. Der lag im vergangenen Jahr bei 4,5 Millionen Euro, für dieses Jahr strebt Geschäftsführerin Claudia Helming fast das Doppelte an.

Aus dem kleinen Start-up ist inzwischen ein internationales Unternehmen geworden. Anfang des Jahres ist DaWanda von Mitte in ein großes Loft in Charlottenburg gezogen, mit mehr Platz für die insgesamt 150 Mitarbeiter. Nicht alle sitzen in Berlin.

DaWanda wird 2012 erstmals keinen Gewinn schreiben

Seit diesem Sommer gibt es DaWanda mit eigenen Standorten auch in Polen, Spanien, Italien, Frankreich und den Niederlanden. Diese Investitionen gilt es erst einmal zu verkraften, daher wird DaWanda in diesem Jahr erstmals keinen Gewinn schreiben.

"Wir sind inzwischen Marktführer in Deutschland und Europa", sagt Claudia Helming. Marktführer, das heißt vor dem Konkurrenten Etsy. Etsy, 2005 gegründet, ist in den USA die Nummer eins, seit zwei Jahren gibt es auch eine Niederlassung in Berlin. Unternehmen wie DaWanda und Etsy machen sich die Do-it-yourself-Welle zunutze. Selbstgemachtes ist angesagt. 2006 stand dieser Trend noch am Anfang. "Und wir haben mit dazu beigetragen, dass sich diese kleine Keimzelle weiterentwickeln konnte", sagt Claudia Helming selbstbewusst.

Legendärer Bastelabend

Die Idee zu ihrem Unternehmen entwickelte sich im Verlauf eines Abends. Nach ihrem Studium der Romanistik und Touristik war die Niederbayerin in Internet-Unternehmen als Beraterin tätig, unter anderem bei lastminute.com. 2005 arbeitete sie zusammen mit ihrem Geschäftspartner Michael Pütz in Moskau. Weihnachten stand vor der Tür. Die beiden wollten Geschenke kaufen, fanden aber nichts Schönes.

"Dann kam dieser legendäre Bastelabend", erzählt Helming, der als Geburtsstunde von DaWanda gilt. Zusammen mit Pütz bastelte sie Matrjoschkas. "Die waren aber so hässlich, dass wir sie nicht verschenken konnten." Dafür kam ihnen eine Idee: "Das können andere viel besser als wir – die müssen wir an den Markt bringen."

Ein Jahr Vorbereitung, dann ging DaWanda an den Start. Bis heute ist Claudia Helming für den kaufmännischen Bereich und das Marketing zuständig, Michael Pütz für die Technik. Zum Plüsch-Hippo gesellten sich schnell weitere Produkte. So viele, dass man als Kunde schnell den Überblick verliert.

DaWanda heißt "Die Einzigartige"

Auch an Verkäufer sind die Anforderungen gestiegen: Wer heute als Neuling bei DaWanda eine Chance haben will, muss den Namen des Portals wörtlich nehmen. "DaWanda", ein afrikanischer Vorname, heißt "Die Einzigartige". Alleinstellungsmerkmale machen heute den Erfolg von DaWanda-Verkäufern aus. "Wer Schlüsselanhänger aus Filz anbieten will, wird es schwer haben", sagt Claudia Helming. Mehr Luft gebe es in den Bereichen Mode und Living.

Gerade auch bei Produkten für Kinder sind immer wieder neue Ideen gefragt. Zum Beispiel Handwerkszeug zum Kuscheln. Als Anja Pilzner vor zwei Jahren eine Tochter bekam, wunderte sie sich, wie viel Plüschiges es für Mädchen und wie wenig es für Jungs gibt. Sie begann, Bohrmaschinen, Sägen, Hammer und Baufahrzeuge zum Kuscheln zu nähen. Seit vier Monaten gibt es das Label "Jungs & Söhne" nun auf DaWanda und hat schon reichlich Käufer gefunden.

"Knuschels" aus bunten Stoff-Applikationen

Den Einstieg erleichtert hat der 34-Jährigen, die eigentlich Museumskunde studiert hat, dass ihre Schwester Janine Sommer bereits seit vier Jahren mit ihrem Label "Knuschels" auf DaWanda etabliert ist und beide jetzt gegenseitig auf ihre Produkte verweisen. Die "Knuschels" sind Tiere aus bunten Stoff-Applikationen. Im Sortiment sind inzwischen mehr als 20 Tiere von Eule und Hase über Fuchs und Wolf bis zum Elefanten.

Auch Janine Sommer hat auf DaWanda angefangen, nachdem sie Mutter wurde. Damals nähte sie für ihre Tochter den ersten "Knuschel", einen Hasen. Den bot sie bald auch über DaWanda an, und statt in ihrem ursprünglichen Beruf als Grafikdesignerin zu arbeiten, fertigte sie fortan immer mehr Tiere. Den Erfolg ihres Labels erklärt sich die 38-Jährige so: "Eltern möchten für ihre Kinder etwas Besonderes haben, da passen handgenähte Tiere gut rein, das ist so etwas wie das kleine Glück." Die Berliner Schwestern sind inzwischen so gut im Geschäft, dass sie sogar schon ihr eigenes Geschäft, "Lieblingsplatz", in Prenzlauer Berg aufgemacht haben. Dort verkaufen und nähen sie auch ihre Kuschelprodukte.

Janine Sommer und Anja Pilzner sind typische DaWanda-Designerinnen. 90 Prozent sowohl der Käufer als auch der Verkäufer sind Frauen, viele von ihnen Mütter. "Nach der Geburt eines Kindes können viele Frauen in ihrem alten Beruf nicht mehr Fuß fassen und orientieren sich neu", erklärt Claudia Helming, die selbst keine Kinder hat. Neben den Müttern bieten auch viele Kunst-, Mode- und Designstudenten ihre Produkte an und versuchen so ihr Label bekannt zu machen. Und dann ist da noch eine große Zahl Hobbybastler. Die meisten Kreativen kommen nach einer Umfrage unter den inzwischen 150.000 Verkäufern aus Berlin, Leipzig und Hamburg. Leipzig rangiert gemessen an der Einwohnerzahl, sogar noch vor Berlin.

Kontrollen gegen Raubkopien

Kontakt zu allen Verkäufern kann DaWanda längst nicht mehr halten. Umso schwerer ist es zu kontrollieren, ob die Produkte wirklich handgemacht sind, ob keine Raubkopien und keine verbotenen Dinge wie Waffen oder Drogen angeboten werden. Das Unternehmen hat extra eine Abteilung "Polizei" mit vier Mitarbeitern aufgebaut. Janine Sommer kennt das Problem auch. "Einmal wurden meine Knuschels eins zu eins kopiert", erzählt sie. Aufmerksam darauf hätten sie andere Verkäufer gemacht, die Community passe aufeinander auf. Aber sie ist auch realistisch: "Man kann nicht zu jeder Kuschel-Eule sagen: Die ist geklaut."

Um den Kunden einen besseren Überblick über die Produkte zu verschaffen, gibt DaWanda jetzt ein eigenes Magazin heraus und hat in Charlottenburg einen Laden eröffnet. In der "Snuggery" (gemütliche Stube) gibt es jeden Donnerstag Do-it-yourself-Abende. Außerdem werden dort etwa 500 Produkte gezeigt. Nicht dabei ist das Nilpferd der ersten Stunde. Das gibt es zwar noch, sagt Claudia Helming. Aber inzwischen hat es seine Arme verloren und ist daher nicht mehr vorzeigbar.

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