08.10.12

Geiseldrama

Flucht von der Schilfinsel - so entkam der Berliner Manager

Verschleppt, gefesselt, fast ertrunken: Einem Berliner ist die Flucht vor seinem Kidnapper gelungen. Ermittler sehen Parallelen zum Fall Pepper.

Von Ulla Reinhard und Steffen Pletl
Foto: Steffen Pletl

Ein Berliner Investment-Manager erlebte qualvolle Stunden in der Hand eines Entführers. Im September 2013 fasste die Polizei einen Verdächtigen.

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Die brutale Entführung eines Berliner Unternehmers hat ein glimpfliches Ende genommen. Das 51 Jahre alte Opfer konnte sich selbstständig aus den Fängen des Täters befreien. Fast zwei Tage musste der Investmentmanager zuvor gefesselt und in eine Folie eingehüllt auf einer Schilfinsel in Brandenburger Gewässer um sein Leben bangen. Dorthin hatte ihn der mutmaßliche Entführer verschleppt, nachdem er den 51-Jährigen aus seinem Ferienhaus in Storkow im Landkreis Oder-Spree gekidnappt hatte.

Am Montag gab die Brandenburger Polizei den Fall, der sich bereits am Wochenende ereignet hatte, erstmals bekannt. Nach Angaben der Ermittler handelt es sich bei dem Entführer wahrscheinlich um denselben Mann, der vor mehr als einem Jahr auf dem Anwesen der Unternehmerfamilie Pepper einen Wachmann niedergeschossen hatte. Die dramatische Entführung vom Wochenende könnte demnach auf das Konto eines Serientäters gehen.

Vor den Augen von Kind und Frau verschleppt

Nachdem der Entführer sein Opfer und dessen Familie vermutlich mehrere Wochen lang beobachtet und ausspioniert hatte, begann er am vergangenen Freitag gegen 21.35 Uhr, seinen Tatplan umzusetzen. Maskiert und bewaffnet drang er in den in Brandenburg gelegenen Zweitwohnsitz des 51-jährigen Berliners ein – ein am Großen Storkower See gelegenes Ferienhaus.

Der Geschäftsmann hielt sich dort an diesem Abend mit seiner Ehefrau und dem zehnjährigen Sohn auf. Als die Frau die Tür öffnete, um den Hund herauszulassen, stand dort der Täter mit einer Pistole und drängte sie ins Haus zurück. "Er gab einen Warnschuss in die Decke ab", sagte der Direktor des Brandenburger Polizeipräsidiums, Hans-Jürgen Mörke, am Montag. Dann zwang er die Frau unter Vorhalt der Waffe, ihren Ehemann zu fesseln und die Augen zu verkleben. Dabei soll er angekündigt haben, ein Lösegeld in Millionenhöhe zu verlangen. Zudem soll er wörtlich gedroht haben: "Sollten Sie die Polizei einschalten, schieße ich Ihren Mann zusammen und hole mir Ihr Kind." Was der Junge von der Tat mitbekam, teilte die Polizei am Montag nicht mit.

Opfer hätte ertrinken können

Der Entführer schleppte das gefesselte Opfer dann zum Ufer, wo er offenbar zuvor mit einem Kanu angelegt hatte. Der Manager musste sich Ermittlern zufolge an das Boot klammern und wurde auf einer Luftmatratze liegend durch den See gezogen. Hätte er losgelassen, wäre er wegen der Fesseln vermutlich ertrunken. Nach einer Weile wechselte der Täter das Boot und ruderte sein Opfer weiter Richtung Scharmützelsee. Etwa eine Stunde soll die Fahrt gedauert haben.

Unterdessen rief die Ehefrau entgegen der Anweisung des Entführers die Polizei, die mit einem Großaufgebot nach dem Opfer zu suchen begann. Bis zu 300 Beamte waren rund um die Uhr im Einsatz und durchkämmten die Gegend. Unterstützung erhielten die Ermittler von Beamten aus Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Die Öffentlichkeit wurde nicht informiert. "Leben und Gesundheit des Opfers hatten oberste Priorität", sagte ein Polizeisprecher.

Perfide Schnitzeljagd ausgeheckt

Als der Entführer mit seinem Opfer auf einer Schilfinsel nahe Wendisch Rietz ankam, hievte er den 51-Jährigen auf eine Luftmatratze. Er zog seinem Opfer nach Polizeiangaben trockene Kleidung an und wickelte es in eine Folie ein. Kleine Schlitze ermöglichten es, zu atmen und zu trinken. Der Täter legte seinem Opfer einen Schlauch in den Mund, über den er es mit Flüssigkeit versorgte. Zeitweilig befreite er den 51-Jährigen zumindest an den Händen von den Fesseln – allerdings nur, um seinen Tatplan weiter voranzutreiben. Er gab dem Berliner Papier und Stift und zwang ihn, mindestens acht Briefe zu schreiben.

Über den Inhalt der Schreiben wollte die Polizei am Montag aus ermittlungstaktischen Gründen nur wenige Angaben machen. Der Täter habe eine Art Schnitzeljagd ausgeheckt, folgerte ein Ermittler aus einem Brief, den der 51-Jährige bei seiner Flucht mitnehmen konnte. So sollte sich die Ehefrau des Opfers ein GPS-Gerät zulegen, in das sie Orte eingeben sollte, die ihr der Täter über die Briefe mitteilen wollte. Bis zum Sonntagmorgen blieb der Täter mit seinem Opfer auf der Schilfinsel. Gegen sechs Uhr früh gelang es dann dem Berliner, sich aus den Fesseln zu lösen und davonzurennen. Der Täter soll sich zu diesem Zeitpunkt etwa 30 Meter entfernt aufgehalten haben. Eine Weile sei er seinem Opfer noch gefolgt, dann habe er selbst die Flucht ergriffen.

DNA-Spuren sichergestellt

Das unterkühlte Opfer lief auf ein nahe gelegenes Haus zu und bat um Hilfe. Anwohner informierten die Polizei und Feuerwehr, die den 51-Jährigen kurz darauf aufnahmen. Ihm soll es den Umständen entsprechend gut gehen. Er und seine Familie werden psychologisch betreut. Ermittler konnten wenig später das Kanu sicherstellen. Der Täter hatte es auf der Schilfinsel zurückgelassen. Auch DNA-Spuren konnten gesichert werden.

Die Polizei fahndet nun intensiv nach dem Täter. Er soll sehr durchtrainiert und Rechtshänder sein. Sein Alter geben die Ermittler mit 25 bis 50 Jahren an. Der Mann soll akzentfreies Hochdeutsch gesprochen haben. Bei der Tat soll er eine dunkle Hose mit angesetzten Gummischuhen getragen haben. Er war mit einer Sturmhaube oder Gaze-Imkerschutz vor dem Gesicht maskiert. Außerdem trug er Handschuhe aus Leder.

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