24.09.12

Bundestagswahl

Ströbele will antreten - wenn die Krebstherapie wirkt

Der Grüne will sein Bundestagsmandat in Friedrichshain-Kreuzberg verteidigen. Doch formell hat er noch nicht um die Nominierung gebeten.

Von Matthias Kamann
Foto: dapd

Erkrankt: Hans-Christian Ströbele gibt im Bundestag ein Interview
Erkrankt: Hans-Christian Ströbele gibt im Bundestag ein Interview

Schmal ist er geworden. Schlank war der Radfahrer immer, jetzt ist er dünn. Anzusehen ist es Hans-Christian Ströbele nicht nur, dass er 73 Jahre alt ist, sondern auch, dass er krank ist. "Es gibt die Diagnose, dass ich ein Prostatakarzinom habe, das behandelt werden muss", sagt der Bundestagsabgeordnete der Grünen.

Doch viel mehr als das mag er nicht preisgeben über sein Befinden. Was er darüber noch zu sagen hat, zeugt vom Willen, dem Krebs keine Macht über die eigenen Gedanken einzuräumen, jedenfalls keine Macht über die öffentlich ausgesprochenen: "Ich habe keine direkten Beschwerden. Die Ärzte, die ich konsultiert habe, sagen, dass dieses Gesundheitsproblem behoben werden kann. Davon gehe ich aus." Gesundheitsproblem.

Ströbele kann nicht anders

Ströbele ist von anderer Art als der CDU-Abgeordnete Wolfgang Bosbach (60), der über seine wohl schwerere Krebserkrankung offener redet. Einen Satz aber fügt Ströbele hinzu: "Ich bewerbe mich erst um die Kandidatur, wenn das geschafft ist." Das heißt: Seine neuerliches Antreten im Berliner Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg für die Bundestagswahl 2013 hat er zwar angekündigt. Aber formell will er den Kreisverband der dortigen Grünen erst dann um die Nominierung bitten, wenn die Therapie Erfolg hat.

Macht soll die Krankheit nicht über ihn haben, doch einen Vorbehalt muss er ihr zugestehen. Auch wenn ihn das stört. Auf die Frage, ob er nicht einfach wegen seines Alters aufhören wolle, sagt Ströbele: "Ich sehe für mich persönlich mehr Sinn darin, weiterzumachen und mich politisch auch im Parlament einzumischen, als lediglich außerparlamentarisch politisch zu arbeiten." Gewiss, da mag man sich fragen, warum für einen Mittsiebziger die einzige Alternative zur Abgeordnetentätigkeit eine außerparlamentarische politische Arbeit sein soll und nicht etwa Wandern oder Lesen. Aber Ströbele kann nicht anders als zu arbeiten.

Politische Gegner loben Ströbeles Arbeit im Untersuchungsausschuss

Dazu passt, dass bei den Grünen der Mitgliederentscheid über die Spitzenkandidaten für 2013 anläuft und dabei lauter bekannte Gesichter im Vordergrund stehen, Jürgen Trittin, Renate Künast, Claudia Roth. Und da will auch noch der alte Ströbele sein Direktmandat – das bislang einzige der Grünen bei Bundestagswahlen – wieder verteidigen? Doch bei dem Berliner hat man kein Gefühl des Immergleichen. Zum einen, weil ein trotziger Opa nicht in dieselbe Kategorie gehört wie die Dauerbesetzer von Spitzenposten.

Und zum andern, weil Ströbele derzeit trotz allem tatsächlich auflebt. Denn er hat wieder einen Untersuchungsausschuss. Auch politische Gegner geben zu, dass der Jurist und Innenpolitiker Ströbele im parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu den Pannen beim Umgang mit dem rechtsextremistischen NSU-Terror enorm viel leistet, dass er unvorstellbare Versäumnisse ans Licht bringt. Und wenn man ihn da so sitzen sieht in seinem Büro vor rund neun Quadratmeter Regalwand voller Aktenordner, die er fast täglich eigenhändig bestückt – dann spürt man, was ihn antreibt und ihn gerade derzeit regelrecht brennen lässt: Er will es rauskriegen, lückenlos dokumentieren, er will es wissen und wohl auch die eigenen alten Vorbehalte gegenüber den Sicherheitsbehörden bestätigt sehen. Das befeuert ihn.

Von hier aus lässt sich erkennen, was es mit dem Linken und früher Linksradikalen auf sich hat: entlarven wollen, unerbittlich dagegenhalten. Nicht um Utopien des fundamentalen Gesellschaftsumbaus scheint es bei ihm zu gehen, Hans-Christian Ströbele ist kein Konzepte-Linker. Sondern um einen inneren Antrieb, auch um ein Selbstbild, worin Beharrlichkeit und Widerständigkeit in dissidentischer Überhöhung sich zwischen Manie und Eigensinn bewegen.

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