Transport

Lasten-Fahrräder erobern Berlins Straßen

Obwohl sie schwerer und länger als normale Fahrräder sind, werden Lastenräder in Berlin immer beliebter.

Foto: Massimo Rodari

Sie heißen Bullit, Christiana oder Long Harry. Sie fungieren als mobile Marktstände, erledigen Kurierlieferungen oder transportieren den mehrköpfigen Nachwuchs zur Kita. Über zwei Meter lange Lastenräder mit großen Transportkisten werden immer präsenter auf Berlins Straßen. Bis zu 300 Kilo Fracht kann man mit ihnen bewegen. Ein veritabler Kleinwagenersatz. Zumindest bei gutem Wetter. Das Deutsche Zentrum für Luft und Raumfahrt startete nun gemeinsam mit dem Berliner Kurierdienst "Messenger" einen Testlauf. Unter dem Motto: "Ich ersetzte ein Auto" sollen bis 2015 vierzig Elektro-Lastenräder durch acht deutsche Großstädte rollen und Autokuriere ersetzen. Klimaschutz heißt das Ziel, das alle Lastenräder gemein haben.

In Berlin hat sich bereits eine kleine Fangemeinde um die Transporträder geschart. Die "Lastenrad Fans Berlin/Urban Transport Pioneers" treffen sich jeden ersten Samstag im Monat, veranstalten Spazierfahrten und betreiben Lobbyarbeit. Viele von ihnen haben kein Auto, dafür aber ein bis zu 5000 Euro teures Lastenrad. Einer ihrer Anhänger, der Friedrichshainer Produktdesigner Christophe Vaillant, bietet eine offene Werkstatt, das "Open Bike Hacking" an. Hier können Vereine und Organisationen, denen es an finanziellen Mitteln fehlt, ein herkömmliches Fahrrad mit Altmaterialien zum Lastenrad umbauen. Auch eine Online-Anleitung zum Lastenradbau hat er erstellt. Vaillant ist überzeugt: Das Transportrad ist im Kommen.

Abenteuer Kastenwagen

Aber wie fährt es sich auf den bis 350 Kilogramm schweren Radriesen? "Bundesumweltminister Peter Altmaier ist letztens auf eines unserer Räder gestiegen", sagt Benjamin Georg von Urban-E, einem Schöneberger Elektro-Lastenfahrrad-Startup: "Er hat es ein paar Meter geradeaus geschafft, aber das Wenden ist für die meisten anfangs dann doch noch schwer." Bei einem Lastenrad ist das Vorderrad ungewöhnlich weit vom Lenker entfernt, der Wendekreis ist groß. Ungeübt gerät man ins Schlingern. Auch das Anfahren kann je nach Last zum Kraftakt werden. Doch rollt man erst mal, gibt es kaum einen Unterschied zum "normalen" Radfahrgefühl – bis man an eine Steigung gerät. Ein Lastenrad bedürfe definitiv ein wenig Übung, aber habe man die erst mal, sei der Radriese eine große Alltagserleichterung, findet Jonas Metternich aus Kreuzberg.

Der zweifache Vater kaufte zur Geburt seiner vier Monate alten Tochter Mila ein Christiana Bike - ein dreirädriges Lastenfahrrad mit abgeschrägter Sperrholzbox. Mittels eingelegter Bänke kann der ältere Nachwuchs des 34-Jährigen bequem in der Sperrholzbox sitzen und sogar noch ein paar Kita-Freunde mitnehmen. Papa muss dann nur ein wenig fester in die Pedale treten. "Wir können mit den Kleinen zum Spielplatz fahren und alle Spielzeuge, einfach bequem vorne reinwerfen", sagt Metternich: "Der Dreijährige kann mit seinem Rad nebenher fahren und wenn er keine Lust mehr hat, kommt er samt Rad vorne in die Box." Wenn die junge Familie mit ihrem Christiana Bike über das Tempelhofer Feld fuhren, zögen sie immer Blick auf sich. "Andere Eltern unseres Bekanntenkreises sind bereits nachgezogen, haben sich auch ein Lastenrad gekauft. Es ist einfach ideal, wenn man kein Auto hat oder auf ein Auto verzichten möchte", sagt Metternich. Einzig die Unterstellmöglichkeiten, sowohl unterwegs, als auch Zuhause seien ein Problem. Ein Christiana Bike kostet ab 1600 Euro aufwärts. "Natürlich stellt man solch einen Wertgegenstand nur sehr ungern mit einem Fahrradschloss an den Straßenrand", so Metternich.

"Besonders die Elektro-Lastenräder, die das Treten mit Batterie betriebenen Motor unterstützen, sind sehr logistisch sehr nützlich", erklärt Dirk Brauer. Kurier und Kurierbetreuer eines Berliner Transportunternehmens. "Mit diesen sogenannten eBikes kann man mehrere schwere Lieferungen auf einmal kombinieren und zudem fünf Tage pro Woche problemlos arbeiten, da man durch die motorisierte Unterstützung abends topfit vom Rad steigt. Man wird von vorne gezogen, es ist ein bisschen wie Schweben."

17 Lastenradkuriere sind bereits für das Transportunternehmen "Messenger" im Einsatz. Auf großen dreirädrigen motorisierten Cruisern liefern sie bis zu 250 Kilogramm Ladung aus, bei einer Geschwindigkeit von bis zu 30 Stundenkilometern. Besonders auf kurzen Strecken seien sie dabei häufig schneller am Ziel als Autokuriere. Staus können sie mühelos umfahren und auch den Prenzlauer Berg erklimmen die Elektro-Lastenräder mit voller Beladung. Die unmotorisierten Räder schaffen immerhin 100 Kilo bergwärts.

Ideal für Kinder und Einkäufe

Eine ganz andere Verwendung für die Lastenräder haben hingegen Fanny Rybarsch und Willi Wilkendorf aus Prenzlauer Berg. Unter den Namen "Klara Geist" bauen sie mobile Soundsysteme für Lastenräder. "Schon als Kind habe ich versucht, mit Allzweckgummis Radios ans Fahrrad anzubringen", sagt die Designerin Rybarsch. "Vor zehn Jahren lernte ich Willi kennen, der ist Lautsprecherentwickler, da war sofort klar was wir zusammen machen mussten." Seit 2009 haben sie das Lastenfahrrad als fahrbaren Untersatz für ihre mobilen Musikmaschinen entdeckt. Sie fahren mit ihnen zu Events wie dem Karneval der Kulturen, und vermieten und verkaufen die Soundbikes, verstärkt an Unternehmen, die die fahrbaren High End Ghetto Blaster für Marketingzwecke einsetzen. "Die Verkaufszahlen steigen", sagt Fanny Rybarsch "Ich hab mir vor fünf Jahren schon gedacht, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis die Lastenräder die Straßen der Großstädte erobern." Privat erledigt sie nicht nur ihre Einkäufe mit ihrem knallpinken Lastenrad, sondern fährt auch Rennen. "In Dänemark werden seit den 20er-Jahren Lastenradrennen veranstaltet. 2007 wurde diese Tradition wieder neu aufgelegt", sagt Rybarsch. Anstelle von Kurierfahrern dürfe nun jeder mitfahren, der das wolle.

Gäbe es eine Berliner Meisterschaft im Lastenrad-Sammeln, wäre er vermutlich Meister: Hans Bichel ist 51 Jahre alt und Reisebusfahrer. Seit er Lastenräder vor ein paar Jahren in den Niederlanden entdeckte, sammelt der Kreuzberger sie. 14 Räder gehören bereits zu seinem Fuhrpark. "Ich befürchte aber, dass es noch mehr werden", sagt Bichel und lacht. Manche seiner Räder sind bis zu 100 Jahre alte Kurierräder. "In Dänemark und den Niederladen haben die Schwerlasträder eine lange Tradition", sagt Bichel. Da er Sammeln allein als zu unsozial empfand, entschied sich Bichel seine Räder zu verleihen. "Es gibt viele Berliner, die sich bewusst dafür entscheiden, ohne Auto zu leben. Das möchte ich unterstützen", sagt der Reisebusfahrer. Die meisten seiner Kunden liehen seine Räder für Transporte und Umzüge. Falls es gewünscht ist, assistiert er auch bei den Umzügen. "Es ist immer eine ganz lustige Veranstaltung mit fünf, sechs Lastenrädern einen Hausrat durch die Gegend zu fahren", lacht Bichel. Ein Klavier und eine Waschmaschine habe er schon per Rad transportiert. "Man kommt so auch problemlos an Orte, zu denen man per Auto nicht durchdringen kann, wie Hinterhöfe oder Fußgängerzonen", sagt Bichel. Einen Haken hat der Umzug per Lastenrad aber doch. Das Wetter. "Darüber sollte man sich im Klaren sein, bevor man einen historischen Bauernschrank transportiert", so Bichel.

Arne Behrensen, Gründungsmitglied der "Lastenrad Fans Berlin", rügt die Qualität derStraßen in der Hauptstadt. Er fordert vom Senat: "Wenn das Berliner Interesse an Lastenrädern weiter steigt, benötigen wir natürlich mehr denn je eine Ausweitung der Radspuren, sanierte und breitere Radwege sowie sichere Abstellmöglichkeiten", sagt Arne Beherensen.

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