27.07.12

Vergiftung

Wetter könnte Ursache für Gas-Unfälle in Berlin sein

Sechs Menschen wurden in Berlin-Steglitz durch Gas vergiftet. Die Opfer mussten zur Not-Behandlung in eine Sauerstoff-Druckkammer.

Von Ulla Reinhard und Steffen Pletl
Foto: Steffen Pletl
Unglücksort: In diesem Haus an der Forststraße haben sich mindestens drei Bewohner wegen einer defekten Gastherme mit Kohlenmonoxid vergiftet
Unglücksort: In diesem Haus an der Forststraße haben sich mindestens drei Bewohner wegen einer defekten Gastherme mit Kohlenmonoxid vergiftet

Eine Häufung von Defekten an Gasthermen sorgt in Berlin-Steglitz für Aufregung. Die Mieter von zwei Wohnungen haben am Mittwochabend und in der Nacht zu Donnerstag schwere Kohlenmonoxid-Vergiftungen erlitten. Außerdem berichtete die Netzgesellschaft von einem weiteren Verdachtsfall. Insgesamt sechs Menschen mussten wegen der Vergiftungen stationär im Krankenhaus behandelt werden. Auffällig bei den Vorfällen ist nicht nur der zeitliche, sondern auch der räumliche Zusammenhang: Die betroffenen Wohnungen liegen alle in Steglitz. Die Kriminalpolizei ermittelt jetzt wegen fahrlässiger Körperverletzung.

Am Mittwochabend gegen 20.30 Uhr ist bei der Feuerwehr der erste Notruf aus einem Mehrfamilienhaus am Steglitzer Damm 3 eingegangen. Bewohner Benjamin Bröder war gerade von der Arbeit nach Hause gekommen, als er seine Familie in einem Besorgnis erregendem Zustand vorfand. Seine Frau klagte über einen Schwächeanfall und die beiden Söhne schliefen schon. Was ungewöhnlich für diese Zeit sei, wie Bröder sagte. Nadine Bröder hatte die drei Jahre und sechs Jahre alten Söhne zuvor gebadet. Auf einmal klagten die Kinder über starken Schwindel. Die Familie alarmierte daraufhin einen Notarzt, der die Mutter und die Kinder zunächst ins Benjamin Franklin Krankenhaus der Charité brachte. Erst dort wurde das Ausmaß des Unglücks klar.

Wegen der schweren Vergiftungen, die Nadine Bröder und ihre Söhne offenbar infolge eines Defekts an der Gastherme im Badezimmer erlitten hatten, mussten sie noch am späten Abend ins Vivantes-Klinikum nach Friedrichshain verlegt werden. Dort gibt es eine Sauerstoff-Druckkammer, in der Patienten nach Tauchunfällen oder Gasvergiftungen behandelt werden. Unter 2,5- bis 3-fachen atmosphärischem Druck können sie in der Kammer reinen Sauerstoff einatmen. Damit die Kinder den Überdruck aushalten, mussten sie vorher am Trommelfeld operiert werden. Erst gegen 3 Uhr konnten sie das erste Mal in die Kammer. In mehreren Gängen wurden die Mutter und ihre Kinder entgiftet. "Wir haben noch mal Glück gehabt", sagt Benjamin Bröder, der die ganze Nacht um seine Familie bangte. Inzwischen geht es seiner Frau und seinen Kindern so gut, dass sie das Krankenhaus voraussichtlich am Freitag verlassen können.

Ähnliche Ängste musste auch eine Familie aus der Forststraße 51 durchleben. Dort wollte eine 36-Jährige in der Nacht nach ihrem weinenden Sohn sehen, als ihr die Beine wegknickten. Der Zweijährige übergab sich kurz darauf, auch die Großeltern (62 und 66 Jahre) klagten über Übelkeit, Brechreiz und Schwindelgefühle. Bis auf den Großvater musste die Feuerwehr alle anderen Familienmitglieder mit Verdacht auf Gasvergiftung ins Krankenhaus bringen. Die Verletzten werden ebenfalls im Klinikum Friedrichshain behandelt.

Gasthermen sind stillgelegt

Bei anschließenden Kontrollen legten Mitarbeiter des Störungsdienstes der Netzgesellschaft Berlin Brandenburg (NBB) beide Gasthermen still. Nach bisherigem Erkenntnisstand wiesen sie technische Mängel auf. Ob es sich um Konstruktion- oder Wartungsfehler handelt, ist bislang unklar. In der Wohnung an der Forststraße wurde ein Kohlenmonoxidwert von 500 PPM (parts per million, auf deutsch: Teile von einer Million) gemessen. "Das ist ein sehr hoher und gefährlicher Wert", sagt NBB-Sprecher Carsten Döring. Auch in einer Wohnung am Hindenburgdamm in Steglitz stellten seine Kollegen eine defekte Gastherme fest. Auch dort hatte der Mieter über Unwohlsein geklagt, aber sofort die Fenster geöffnet. Ob tatsächlich Kohlenmonoxid ausgetreten war, konnten die NBB-Mitarbeiter im Nachhinein nicht mehr feststellen.

Gasthermen werden in der Regel ein Mal im Jahr von Spezialfirmen gewartet und von Schornsteinfegern überprüft. Wie Benjamin Bröder sagte, hatte der Schornsteinfeger die Therme in seiner Wohnung erst vor einem Monat überprüft.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit habe auch das Wetter zu den Unglücken beigetragen, sagte NBB-Sprecher Döring. Durch den aktuell hohen Luftdruck könnte sich das Abgas im Schornstein gestaut haben und dann in die Wohnung zurückgeströmt sein. Allerdings hätten Gasthermen grundsätzlich Sensoren, die in solchen Fällen die Anlage automatisch ausschalten. Ob die betroffenen Heizungen mit solchen Sensoren ausgerüstet oder genau diese Einrichtungen defekt waren, wird derzeit noch untersucht.

Die Feuerwehr rät, Gasthermen zusätzlich mit CO-Meldern auszurüsten, die ein Signal geben, wenn zu viel Kohlenmonoxid austritt. Die Gefahr besteht nach Angaben von Feuerwehr-Sprecher Wolfgang Rowenhagen vor allem darin, dass dieses Gas geruchs- und farblos ist. Die von einer Vergiftung Betroffenen werden müde, schlafen ein und ersticken im schlimmsten Fall. Bereits im Juli vergangenen Jahres war es in Berlin zu zwei Kohlenmonoxid-Unglücken gekommen. Dabei ist in Köpenick eine sechsköpfige Familie gestorben. In Pankow wurden zwei Männer verletzt.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Multimedia
Vergiftung

Sechs Menschen sterben in Berlin-Köpenick

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Champions League "Das war für Rom eine Katastrophe"
Verhaftet vom Regime Nordkorea lässt US-Bürger frei
Champions League Dortmund lechzt nach einem Erfolgserlebnis
Unglück in Moskau Total-Chef stirbt bei Kollision mit Schneepflug
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Großbritannien

Ein Hauch von Bauch – Auftritt von schwangerer…

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote