19.07.12

Prozess

Berliner Mutter gelobt nach Urteil Besserung

Sie ließ ihren kleinen Sohn im Dreck sitzen – hungrig und verwahrlost und schlug ihre Tochter mit einem Besen. Jetzt wurde sie verurteilt.

Von Michael Mielke
Quelle: BMO
18.07.12 1:29 min.
Die Wohnung in Marzahn war mit Kot, Müll, verschimmeltem Essen und Schmutzwäsche übersät. Es gab keinen Strom, nichts zu essen und kein Spielzeug für den knapp zwei Jahre alten Jungen.

Die wichtigsten Sätze fallen am Ende des Prozesses, als die Vorsitzende des Schöffengerichts über das Jugendamt spricht und "eine gewisse Blauäugigkeit" erwähnt, ohne die einiges vielleicht hätte verhindert werden können. Evgenia B. hört das vermutlich gar nicht. Die 29-Jährige sitzt weinend auf ihrem Platz. Minuten zuvor wurde sie wegen Vernachlässigung der Aufsichtspflicht zu 15 Monaten Haft verurteilt, ausgesetzt auf Bewährung. Sie wolle "jetzt alles anders machen", hatte sie dem Gericht versprochen. Es wirkte glaubhaft, und dennoch blieben Zweifel.

Hämatome und Striemen

Die junge Frau kam vor einigen Jahren mit ihren Eltern aus Kasachstan. Sie heiratete einen Mann aus der Heimat, bezog mit ihm eine Wohnung in Hellersdorf, bekam ein Kind, wurde wieder schwanger – und war plötzlich allein. Der Mann verliebte sich in eine andere. Im März 2011 wurde bei Evgenia B.s Tochter in der Schule festgestellt, dass die damals neunjährige Valeria am Körper Hämatome und Striemen hatte. Es kam zu einem Verfahren, in dessen Folge Beamte auch die Wohnung aufsuchten. Sie war in einem katastrophalen Zustand. Valeria wurde in ein Heim gegeben. Evgenia B. wartete auf ihren Strafprozess. Zwischendurch gab es auch ein, zwei Kontrollbesuche in der Wohnung durch eine Vertreterin des Jugendamts. Dort soll aber, wie eine Mitarbeiterin vor Gericht sagt, alles wieder völlig in Ordnung gewesen sein.

Maden im Kühlschrank

Im Dezember sollte Evgenia B. vor Gericht erscheinen. Sie kam nicht. Es wurde, wie üblich in solchen Fällen, Haftbefehl erlassen. Polizisten wollten Evgenia B. aus ihrer Wohnung holen und dem Gericht vorführen. Und wieder war die Behausung in einem erschreckenden Zustand. "Es roch beißend nach Kot und Urin", heißt es im Anklagesatz. "Neben überall verstreuter schmutziger Wäsche und gebrauchten Windeln befanden sich in den Räumen Essensreste mit Schimmelansatz … Die Küche war mit Fliegen ,besiedelt' und der Kühlschrank ohne essbaren Inhalt und voller Maden."

Mit Besenstil geschlagen

Alarmierend war damals vor allem die Tatsache, dass in dieser Wohnung auch Evgenia B.s zweijähriger Sohn Daniel lebte. Er wurde nach Spandau zu Evgenia B.s Eltern gebracht. Sie selbst hatte im Januar einen neuen Gerichtstermin – zu dem sie diesmal auch erschien. Das Urteil lautete zehn Monate Haft auf Bewährung wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen. Evgenia B. gab zu, Valeria mit einem Besenstiel geschlagen zu haben. Anlass waren Probleme bei den Schulaufgaben. Es wird nicht ganz klar, warum in diesem Prozess nicht auch schon über die verdreckte Wohnung und die Vernachlässigung des kleinen Daniel gesprochen wurde. Die Sache war ja quasi ausermittelt und die Angeklagte geständig.

Therapie wegen Depressionen

So kam es zu diesem zweiten Prozess, der mit einer Gesamtstrafe endete. Zwischendurch waren wieder Mitarbeiterinnen des Jugendamts in der Wohnung. Wie oft, wird vor Gericht nicht ganz klar. Aber es soll jetzt wirklich wieder alles in Ordnung sein. Das bestätigt auch eine Mitarbeiterin der Familienhilfe, von der die Angeklagte seit Anfang des Jahres betreut wird. Inzwischen durfte Evgenia B. auch wieder Daniel zu sich nehmen. Und sie hoffe, sagt sie, dass auch Valeria wieder zurückkommen dürfe. Das Kind sehne sich sehr nach der Mutter.

Am Ende verkündet die Vorsitzende nicht nur das Strafmaß, sie erteilt auch Auflagen: Evgenia B. müsse weiterhin mit der Familienhilfe zusammenarbeiten. Und sie solle sich wegen ihrer Depressionen einer Therapie unterziehen. Die Angeklagte sei keine egoistische Frau, der Wohnung und Kind einfach nur egal gewesen seien, sagt die Richterin und blickt kurz auch zur Zuschauerbank, wo die Mitarbeiterin des Jugendamts sitzt. "Sie war mit dieser Situation total überfordert, wurde depressiv, ihr war alles gleichgültig – das hätte man bemerken müssen."

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Infizierte Pfleger Bentley darf leben - Hund hat kein Ebola
Sonnenfinsternis "Man muss das sehen, um es zu glauben!"
Terror in Kanada Überwachungskameras zeigen Angriff auf Parlament
Gasexplosion Explosion verwüstet ganze Straße in Ludwigshafen
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Trend

Die schönsten Fotobomben der Stars

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote