10.06.12

Velothon

Volksfeststimmung beim Berliner Jedermann-Rennen

Die Straße des 17. Juni verwandelte sich nicht nur zur Rennstrecke, sondern auch zur Feiermeile. Doch gibt es auch eine traurige Nachricht.

Von Andreas Gandzior
Foto: Michael Brunner
Beilage
Die Radrennfahrer in voller Aktion – hier am U-Bahnhof Rosenthaler Platz

Die Zeit ist knapp zwischen dem Ende der Übertragung des deutschen Vorrunden-Spiels bei der EM auf der Fanmeile an der Straße des 17. Juni am Sonnabendabend und dem Start des Skoda Velothon Berlin am Sonntagmorgen.

Nur wenige Stunden bleiben den Straßenkehrern, um den Müll von 350.000 Zuschauern beim Spiel Deutschland gegen Portugal zu beseitigen. Denn: Dosen, Becher, Flaschen und Glasscherben dürfen bei einem Radrennen natürlich nicht auf der Straße liegen.

Während ein privates Entsorgungsunternehmen die Festmeile säubert, sind Mitarbeiter der Stadtreinigung ab 4 Uhr früh mit Besen und Kehrmaschinen unterwegs. Nach der Party ist vor der Party.

Die Männer in Orange sind an diesem Morgen nicht die Einzigen, die die Strecke für das Jedermann-Rennen durch Berlin freimachen. Abschleppwagen sind im Dauereinsatz. Gegen 6.30 Uhr fahren sie im Minutentakt mit abgeschleppten Fahrzeugen über die Ost-Westtangente Otto-Suhr-Allee und Spandauer Damm in Charlottenburg. Zeitgleich schreiben Polizisten falsch geparkte Fahrzeuge auf und ordern per Funk weitere Abschleppfahrzeuge an. "Seit Tagen stehen die Verbotsschilder und die Hinweise auf den Velothon, und trotzdem parken die Leute hier", sagt ein Beamter und schüttelt mit dem Kopf. "Das wird ein teurer Spaß."

Straße wird zum Fahrerlager

Zeitgleich verwandelt sich die Straße des 17. Juni in ein riesiges Fahrerlager. Auf den Parkplätzen vor der Technischen Universität ziehen sich die Freizeitsportler um, holen ihre Räder von den Dachgepäckträgern ihrer Autos. Rund um den S-Bahnhof Tiergarten befestigen sie ihre Startnummern an den Rädern, schrauben, prüfen den Luftdruck der Räder oder fahren einfach nur auf und ab. Die Hauptkarawane der Freizeitsportler aber zieht es Richtung Osten. Dort wird um 7.50 Uhr das Jedermann-Rennen über die 60 Kilometer gestartet.

"Ausverkauft. Teilnehmerrekord", sagt der Sprecher der Veranstaltung, Reinald Achilles. "Offiziell sind 6773 Frauen und Männer gestartet." Am vergangenen Freitag hätten sich viele der Sportler noch kurz entschlossen nachträglich für das Rennen angemeldet. "Ich war verletzt und war mir nicht sicher, ob ich zum Rennen fit bin", sagt Jeannette Henze aus Nauen kurz vor dem Start. "Jetzt bin ich gespannt, ob ich das Rennen in einer passablen Zeit fahren kann."

Nur wenige Minuten nach 9 Uhr dröhnt die Stimme des Streckenmoderators aus den Lautsprechern im Zielbereich. Musik und Ansagen kündigen die ersten Sportler an. Die Stimme des Ansagers überschlägt sich. Hunderte Zuschauer entlang der 250 Meter langen Zielgeraden auf der Straße des 17. Juni klatschen, hupen, rasseln und schlagen mit den Händen auf die Werbebanden an der Strecke. Gänsehautfeeling am frühen Morgen im Tiergarten.

Berliner holt sich Tagessieg

Der Berliner Daniel Schaal holt sich den Tagessieg mit einer Zeit von 1:28:27. Während der kommenden zwei Stunden rollen Tausende Radfahrer ins Ziel. Die letzten Radler haben mehr als drei Stunden für die Strecke gebraucht. Die Zuschauer im Ziel wissen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass auf dem Spandauer Damm in Charlottenburg ein 81 Jahre alter Teilnehmer an Herzversagen auf der Strecke gestorben ist.

Überglücklich genießen die Freizeitathleten nach der Zielankunft ein alkoholfreies Bier oder eine Apfelsaftschorle. "Wir sind zwar älter geworden, aber nicht langsamer", sagen Uwe und Matthias aus Reinickendorf. Beide haben zum dritten Mal am Velothon teilgenommen.

Einer der prominentesten Teilnehmer ist Ex-Fußballprofi Olaf Thon. Er hatte sich für das Jedermann-Rennen über 60 Kilometer entschieden. "Das Rennen hat sehr viel Spaß gemacht und ich war bestimmt nicht das letzte Mal dabei", sagt er. "Auf dem Flugfeld in Tempelhof war es sehr windig. Dort habe ich mich an das Hinterrad meines Vordermannes gehängt und habe versucht, im Windschatten ein wenig Kraft zu sparen." Auch die ehemalige Biathlon-Weltmeisterin Sabrina Buchholz zeigt sich zufrieden und glücklich nach ihrer Premiere beim Velothon in Berlin. "Nach meiner Leistungssportkarriere lasse ich es ruhig angehen", sagt sie. "Sicher ist, dass ich im kommenden Jahr wieder in Berlin starten möchte." Die 32-Jährige hatte die 60 Kilometer in rund eineinhalb Stunden gemeistert. Ob sie im kommenden Jahr über 60 oder 120 Kilometer starten will, will sie sich noch überlegen.

Auch die letzten Teilnehmer des 60-Kilometer-Rennens, die nach mehr als drei Stunden ins Ziel rollen, werden mit Applaus unterstützt. Besonders die Paare, die die Strecke auf dem Tandem zurückgelegt haben. Sogar der sogenannte "Besenwagen" wird begeistert empfangen. In ihm fahren eigentlich die Sportler mit, die das Zeitlimit deutlich überschreiten – doch am Sonntag sitzt außer dem Fahrer niemand in dem Fahrzeug.

Entlang der Zielgeraden und im Bereich hinter dem Ziel präsentieren sich über mehr als 60 Aussteller aus den Bereichen Radsport und Outdoor. Aufgebaut sind auch Verpflegungsstände mit Sitzmöglichkeiten. Die Plätze an der Ziellinie sind seit dem frühen Vormittag besetzt. Es herrscht Volksfeststimmung. Und immer dann, wenn der Streckenmoderator den Zieleinlauf einer neuen Gruppe ankündigt, springen die Zuschauer auf, drängen an die Banden und beginnen zu jubeln.

"Ich war sonst immer nur beim Marathon an der Strecke, aber da kann man nicht so schön sitzen", sagt Uta Müller. Gemeinsam mit Tochter Constanze warten sie auf den radelnden Ehemann und Vater. "Mein Mann fährt zum ersten Mal mit. Ich bin gespannt, was er nachher erzählt."

Massensprint zum Schluss

Nur kurze Zeit später, gegen 12 Uhr, werden auch die Spitzenfahrer der 120 Kilometer langen Runde angekündigt. Sie waren gegen 9.25 Uhr nahe des Brandenburger Tores gestartet. Ungefähr 6600 Radler hatten sich für die lange Distanz durch das Berliner Stadtgebiet und Teile von Brandenburg angemeldet. Den Zuschauern an der Zielgeraden bietet sich ein spektakuläres Bild. Aus dem Kreisverkehr rund um die Siegessäule heraus gibt es einen Massensprint des Hauptfeldes. Wieder steigt der Lärmpegel. Musik, Ansagen, Jubel und Applaus – die Fahrerinnen und Fahrer, die es geschafft haben, werden lautstark begrüßt. Besonders großen Beifall erhält ein Teilnehmer, der sein Rad schiebt und rennend die Ziellinie überquert.

Die ersten Fahrer der 120 Kilometer langen Strecke rollen nach 2:38:24 Stunden durch den Zielbogen. Da sind die Massen der Hobbyradler noch auf den Brandenburger Alleen unterwegs. Begleitet und unterstützt werden sie auf ihrer Fahrt von den Menschen an den Straßenrändern in den Ortschaften der Landkreise Potsdam-Mittelmark und Teltow-Fläming. Nach Angaben des Veranstalters waren, wie schon im Vorjahr, insgesamt rund 250.000 Zuschauer an den beiden verschieden langen Strecken.

"In Teltow gab es einige Stürze aufgrund des starken Seitenwindes", sagt Harald Apel aus Schönebeck bei Magdeburg. "Ich war aufgeregt, weil ich dort im vergangenen Jahr auch gestürzt bin. In diesem Jahr bin ich gut durchgekommen." Besonders stark soll der Seitenwind auf dem Tempelhofer Flughafengelände gewesen sein, berichten einige der Fahrer. "Bei so vielen Teilnehmern gibt es immer wieder Stürze", sagt ein Teilnehmer aus München. "Da reicht bei der Enge auf der Straße ein kleiner Schlenker und schon liegen drei, vier Fahrer auf der Straße. Das kann vorkommen." Viele Sportler haben Schürfwunden an den Beinen – sie werden aber wie eine Trophäe zur Schau gestellt.

Während die ambitionierten Freizeitradler entspannen und ihre Medaillen abholen, werden die 22 Profiteams mit mehr als 120 Fahrern auf die Strecke geschickt. Die Profis fahren nahezu die gleiche 120-Kilometer-Strecke, absolvieren aber im Tiergarten noch acht Mal die 8,8 Kilometer lange Zielrunde.

Am Ende wird Topfavorit André Greipel seinem Anspruch gerecht und gewinnt das 2. Berliner ProRace gewonnen. Auf Rang zwei fährt überraschend Lokalmatador Rüdiger Selig vom Team Katusha ein, der seine erste Profisaison absolviert. Greipel muss jedoch nach 27 Kilometern eine Schrecksekunde überstehen: Er stürzt, findet aber schnell wieder Anschluss ans Feld.

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