09.06.12

Gesundheit

Berlin sagt Klinik-Keimen den Kampf an

Der Senat plant eine neue Hygieneverordnung – künftig soll mehr speziell ausgebildetes Personal die Einhaltung der Vorschriften überwachen.

Von Sabine Gundlach
Foto: dpa
Krankenhaus
Trügerisch: Zimmer im Krankenhaus erscheinen meist sauber. Trotzdem gibt es immer wieder gefährliche Keime

Berlin will den gefürchteten Krankenhaus-Keimen den Garaus machen. Künftig sollen in mehr Kliniken als bisher speziell ausgebildete Hygienebeauftragte über die Einhaltung der Regeln zum Infektionsschutz wachen.

Nach derzeit gültiger Krankenhausverordnung von 2006 sind bislang bei Kliniken mit mehr als 450 Akutbetten Hygienebeauftragte Pflicht. Mit Gültigkeit der noch in Abstimmung befindlichen neuen Hygieneverordnung soll dem Vernehmen nach jede Klinik mit 400 Akutbetten Hygienefachkräfte beschäftigen. Sie sollen zudem mehr Kompetenzen erhalten. Nach Informationen von Morgenpost Online sollen die verbindlichen Hygienepläne künftig nicht nur für Kliniken gelten, sondern auch Einrichtungen, die ambulant operieren.

Infektionschutz verbessern

"Wir wollen der Hygiene einen noch höheren Stellenwert geben und die Ansteckung mit den gefährlichen multirestistenten Keimen möglichst vermeiden", bestätigte Regina Kneiding, stellvertretende Sprecherin von Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU), am Freitag. Einzelheiten der neuen Verordnung wollte sie nicht nennen, da man sich noch mit den Hygieneexperten in der Abstimmung befinde. Fest stehe, so Kneiding, dass Berlin hinsichtlich der Hygieneregeln bereits jetzt schon gut aufgestellt sei.

Grundlage der neuen Berliner Hygieneverordnung ist das bereits seit Juli 2011 vorliegende Infektionsschutzgesetz, in dem die Länder verpflichtet wurden, bis 31. März 2012 eigene Hygieneverordnungen zu erlassen. 2011 waren im Klinikum Bremen-Mitte drei Frühchen wegen Hygienemängel an Darminfektionen gestorben. Die Station wurde geschlossen, im Januar 2012 wieder geöffnet und schon wenige Wochen später starben erneut zwei Babys an dem identischen Keim. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) werden in den deutschen Kliniken jährlich 800.000 Infektionen erfasst und sogar 40.000 Todesfälle.

Der Helios Kliniken GmbH reicht die geplante Hygieneverordnung jedoch nicht aus. Der beratende Krankenhaushygieniker von Helios und Leiter der Abteilung der Zentralen Krankenhaushygiene, Henning Rüden, forderte am Freitag, dass die Belastungen der einzelnen Kliniken mit den jeweiligen Keimen offengelegt werden sollten. "Wir selbst werden noch in der zweiten Jahreshälfte 2012 all unsere Daten im Internet veröffentlichen", kündigte Rüden den neuen Service von Helios an.

Die Erfassung aller Daten bezüglich registrierter Keime, der Vergleich dieser Daten und die Information über die Anwendung von Antibiotika in den Kliniken sei ganz wesentlich für mehr Transparenz in diesem Bereich. So plädiert Rüden auch für die Teilnahme aller Kliniken an dem sogenannten Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System (Kiss), das die in Kliniken erworbenen Infektionen erfasst. Bislang beteiligen sich bundesweit etwa 300 von 2050 Kliniken an der Überwachung.

"Wir wollen etwas bewegen und für mehr Transparenz werben", begründete auch Professor Ralf Kuhlen, Geschäftsführer Medizin der Helios Gruppe, die geplante Offenlegung bereits erfasster Daten aller Helios-Kliniken im Internet und die Teilnahme am Kiss-Programm.

"Reine Zahlen online zu veröffentlichen, ist nicht hilfreich", kommentierte Sprecherin Kneiding von der Gesundheitsverwaltung den Vorstoß der Helios GmbH. Es sei Hintergrundwissen nötig, weil nackte Zahlen nichts über die Qualität des Hygienemanagements der jeweiligen Kliniken aussagen würden und im Gegenteil manche Häuser sogar zu Unrecht in Verruf bringen könnten. Kneiding wies darauf hin, dass seit vergangenem Juli bereits eine Meldepflicht für Erkrankungen an multiresistenten Keimen existiere. "Die Daten werden an das Robert-Koch-Institut übermittelt und dort auch von Experten ausgewertet." Ein großer Teil der Infektionen in den Kliniken sei zudem nicht vermeidbar, da viele Patienten bereits Träger von Keimen oder wegen Immunschwächen anfällig sind, so Kneiding.

200.000 Infektionen vermeidbar

Der Hygieneexperte der Helios Kliniken hält hingegen 200.000 Fälle der Infektionen in Krankenhäusern für vermeidbar. Ähnlich wie sein Kollege Klaus-Dieter Zastrow, Chefarzt für Hygiene- und Umweltmedizin am Vivantes-Klinikum und Sprecher der DGKH betont auch Rüden die Bedeutung der Desinfektion der Hände. Handschuhe seien ihm ein Graus. "Es müssen ganz einfach die Hände desinfiziert werden."

Darüber hinaus setzt der Chef-Hygieniker in den Helios-Kliniken unter anderem auch auf das dort mit Erfolg praktizierte intensivierte Screening von Risikopatienten. Der Test, bei dem nach zwei Tagen das Ergebnis vorliegt, ob die Patienten möglicherweise Träger eines gefürchteten Erregers seien, koste drei bis sechs Euro, so Rüden. Nur der Schnelltest, bei dem das Ergebnis schon innerhalb von zwei Stunden vorliege, koste 30 Euro.

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