Der Platz wird knapp

Muslimischen Friedhöfen in Berlin gehen die Grabstätten aus

Auf den muslimischen Friedhöfen der Hauptstadt sind bald alle Grabstätten belegt. Christliche Friedhöfe werden als Alternative gehandelt.

Wenn Ender Cetin über die islamische Abteilung des Friedhofs am Columbiadamm geht, hat er Sorgenfalten auf der Stirn. Der Vorsitzende des Moscheevereins DITIB-Sehitlik fürchtet, dass schon bald Berliner Muslime nicht mehr ihrem Glauben entsprechend beerdigt werden können.

Zuletzt bei der Beisetzung des in Neukölln erschossenen Burak B. habe er gesehen, dass im erst 2003 eröffneten islamischen Teil des Neuköllner Friedhofs nur noch wenig Flächen vorhanden sind. "Das ist ein großes Problem, das eilig gelöst werden muss", sagt Ender Cetin. Etwa 300.000 Moslems leben in Berlin.

Nur rund 2.000 Grabstellen für eine Beisetzung nach islamischem Ritual stehen in der Metropole zur Verfügung – in islamischen Abteilungen des Landschaftsfriedhofs Gatow in Spandau und des Friedhofs am Columbiadamm in Neukölln. Doch die sind beinahe alle belegt. Das Bezirksamt Spandau erwartet, dass in Gatow schon im Herbst kein Platz mehr in der islamischen Abteilung sein wird.

Die rund 100 freien Grabstellen am Columbiadamm werden voraussichtlich wenige Monate später ebenfalls vergeben sein. "Spätestens Anfang 2013 ist da Schluss", sagt Neuköllns Baustadtrat Thomas Blesing (SPD). Der Bezirk Neukölln möchte die muslimische Abteilung gern nach Süden ausdehnen: Einen Teil der Tempelhofer Freiheit, der bis in die 30er-Jahre schon einmal Friedhof war und dann für das Tempelhofer Flugfeld umgewidmet wurde, möchte das Bezirksamt Neukölln vom Land Berlin als Begräbnisstätte zurückhaben. Doch bislang habe der Senat auf dieses Anliegen nicht reagiert.

Denn die bisherigen Pläne sehen in Tempelhof vor, einen großen Park entstehen zu lassen. Am Rande des ehemaligen Flugfeldes sollen Wohnungen und Geschäfte gebaut werden. Im Zuge der Internationalen Gartenausstellung (IGA) sollen auch noch ein Picknick-Areal mit Gastronomie und Sportflächen entstehen.

In Gatow gäbe es zwar Platz für eine Erweiterung. Doch die dafür notwendigen Mittel fielen gerade Sparmaßnahmen zur Konsolidierung des hochdefizitären Bezirkshaushalts zum Opfer. 50.000 Euro, so schätzt Spandaus Baustadtrat Carsten Röding (CDU) würde es kosten, die islamische Abteilung in Gatow zu erweitern.

In einem ersten Schritt könnten dort auf einem 4000 Quadratmeter großen Areal rund 500 neue Grabstellen angelegt werden. Er habe die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung um finanzielle Hilfe zur Lösung des stadtweiten Problems gebeten – bisher ohne Erfolg, sagt Röding.

Allerdings sind islamische Verbände vom Standort Gatow am Berliner Stadtrand ohnehin nicht überzeugt. Sie würden einen Platz in Friedrichhain-Kreuzberg, Tempelhof-Schöneberg oder Neukölln bevorzugen. "Eben dort, wo die meisten Muslime auch leben", sagt Ender Cetin.

Der Ausländerbeauftragte Günter Piening hatte die rund 15 im Berliner Islamforum organisierten Vereine bereits zu Gesprächen über die Friedhofsproblematik geladen. Die Idee, dass muslimische Vereine selbst einen Trägerverein gründen könnten, der Flächen für einen islamischen Friedhof in Berlin kaufen oder pachten könnte, gilt aber als kaum finanzierbar. Die muslimischen Vereine lebten von Spenden, weiß Ender Cetin. Doch allein aus Spenden und mit ehrenamtlicher Arbeit sei ein Friedhof nicht zu betreiben.

Bei der Suche nach einem Standort auf städtischem Gelände stellen auch die Anforderungen des Koran eine Hürde dar. Räume für eine rituelle Waschung müssen eingerichtet, die Gräber nach Mekka ausgerichtet werden können. Auch das Berliner Bestattungsrecht ist ein Problem. Zwar dürfen Muslime ihre Toten ihrem Glauben entsprechend ohne Sarg, im Leinentuch begraben.

Doch mit der in Berlin üblichen Liegezeit von 20 Jahren ist die im Islam erforderliche ewige Totenruhe aber nicht zu gewährleisten. "Die Leute verstehen es nicht, wenn wir ihnen sagen, dass sie das Nutzungsrecht nach 20 Jahren verlängern müssen", sagt Neuköllns Stadtrat Blesing. Und bei einem Reihengrab sei gar keine Verlängerung vorgesehen.

Dass Schätzungen zufolge 80 bis 90 Prozent der Menschen islamischen Glaubens ihre toten Angehörigen in ihren Herkunftsländern bestatten lassen, führen Experten darauf zurück, dass sie in Berlin eine Beisetzung nach den Regeln des Korans nicht gegeben sehen. Doch mit zunehmender Integration möchten immer mehr Berliner islamischen Glaubens in Berlin beerdigt werden. "Sie leben hier in der zweiten oder dritten Generation und sie möchten dort begraben werden, wo sie gelebt und gearbeitet haben", sagt Cetin. Und die Angehörigen hätten den Wunsch, die Gräber ihrer Verwandten regelmäßig besuchen zu können.

Bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ist das Problem bekannt. "Wir arbeiten intensiv an einer Lösung", sagt Sprecherin Petra Roland. Ihre Verwaltung habe alle Bezirke gebeten, zu überprüfen, ob auf den städtischen Friedhöfen freie Flächen für islamische Abteilungen vorhanden seien. Schlecht ausgelastete oder aufgegebene christliche Friedhöfe könnten ebenfalls Bereiche für Muslime abtreten.

Auch der Standort Tempelhofer Feld werde geprüft, betont Petra Roland. "Wir sind dazu weiter in der Diskussion", versichert die Sprecherin – trotz der vorangetriebenen Planung zu dem Areal in Tempelhof.

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