Kurfürstendamm

Haus Cumberland - eigentlicher Umbau startet

Die Abrissarbeiten am Haus Cumberland in Berlin-Charlottenburg sind beendet: Vom alten Charme des ehemaligen Hotels am Kurfürstendamm ist nicht mehr viel zu spüren. Das soll sich jedoch schnell ändern.

Foto: Sven Lambert

Dirk Germandi steht fröstelnd auf dem Dach des ersten Quergebäudes im Haus Cumberland. Die Hände tief in den Jackentaschen vergraben, blickt der 47-Jährige auf die provisorische Teerpappenlandschaft, die sich vor ihm auftut. Vom historischen Charme des altehrwürdigen Hotels ist nach dem weitgehenden Abriss des Dachstuhls, gut 25 Meter über dem Kurfürstendamm, nicht mehr viel zu spüren. Das soll sich jetzt ändern: "Wir haben die Abrissarbeiten beendet, jetzt beginnt der eigentliche Aus- und Aufbau", sagt der Berliner Investor.

Als Germandi darüber spricht, was aus dem 1911/12 errichteten Prachtbau und insbesondere aus dem Dachgeschoss in den kommenden Monaten werden soll, nimmt er die Hände wie automatisch aus den Manteltaschen, er redet sich sichtlich warm: "Hier stehen wir auf der Terrasse einer Penthouse-Wohnung, die ein Berliner Kunstsammler für sich und seine Frau gekauft hat", sagt der Unternehmer und zeigt, wie das 415 Quadratmeter große Apartment künftig in den Seitenflügel ragen wird. "Und dort", ergänzt er und weist in die andere Himmelsrichtung, "haben wir an einen Münchener Arzt verkauft, der nach seiner Pensionierung wieder in Berlin leben will".

285 Quadratmeter groß Wohnlandschaft

Der Mediziner habe ebenfalls ein üppig bemessenes Stück Dach zwischen dem ersten und zweiten Hinterhof erworben, 285 Quadratmeter groß solle die Wohnlandschaft einmal werden. Überraschend viele Käufer, die sich eine Wohnung im Haus Cumberland gesichert hätten, legten offenbar Wert auf große Räume: Aus den mehr als 200 Wohnungen, die Germandi und sein Partner Detlef Maruhn ursprünglich in der Immobilie unterbringen wollten, sind durch die Zusammenlegung mehrerer Einheiten "nur" 186 geworden. "Und die waren so schnell verkauft, dass wir jetzt nicht mehr wie ursprünglich geplant in verschiedenen Bauabschnitten vorgehen, sondern gleich alles fertig stellen wollen", so Germandi.

Sieben Monate nach dem Baubeginn in diesem Frühjahr waren alle Wohnungen vergeben. "Ein toller Erfolg, der uns beflügelt", so Germandi. Bereits jetzt sei man im Bauablauf zwei Monate weiter als geplant. Wegen des Winters könne man aber noch keinen genauen Fertigstellungstermin nennen; geplant ist derzeit für das Gewerbe im Vorderhaus am Kudamm die Eröffnung Ende 2012 und für das Wohnen in den hinteren Blöcken Mitte bis Herbst 2013.

Gute Bausubstanz

Die Bausubstanz des 1911/12 vom Architekten Robert Leibnitz – er plante auch das alte Adlon-Hotel – entworfenen Boarding-Hauses habe sich trotz der vielen Umbauten, die das Haus in seiner wechselvollen Geschichte über sich ergehen lassen musste, als überraschend gut erwiesen. Leibnitz hatte das Cumberland im Auftrag der Bauherren mit zahlreichen Suiten konzipiert, die den Gästen inklusive Hauspersonal vermietet werden sollten. Die Geschäftsidee der "Serviced Apartments" – derzeit in Metropolen wieder auf dem Vormarsch – erwies sich vor 100 Jahren aber als echter Flop.

Das Projekt scheiterte schon vor der Eröffnung, der Eigentümer musste Konkurs anmelden. Als erster echter Nutzer zog vorübergehend das Kaiserliche Waffen- und Munitionsbeschaffungsamt ein, das kurz darauf einem Grand Hotel mit 700 Betten Platz machte. Nach dem Ersten Weltkrieg nutzten das Reichswirtschaftsministerium und die Oberpostdirektion das Gebäude. Ihnen folgte in den 60er-Jahren die Berliner Oberfinanzdirektion. Nach deren Auszug 2003 stand das Gebäude bis auf die Geschäfte im Erdgeschoss leer.

"Das Haus hat die vielen Jahre Leerstand erstaunlich gut verkraftet", so Germandi. Statik und Deckenkonstruktion erwiesen sich zudem als so belastbar, dass dem Ausbau des Dachbodens nichts im Wege stand. Problematischer sei da schon, dass die Oberfinanzdirektion offenbar keinen Wert auf Stuck und anderes Zierrat gelegt hatte: "Besonders brutal war der Umgang mit dem alten Kaisersaal", sagt Germandi. In den prachtvoll ausgeschmückten alten Ballsaal im Erdgeschoss wurde in den 60er-Jahren eine Zwischenwand eingezogen, die eine Hälfte des Saals wurde zudem komplett "entstuckt". Das lasse sich zwar nicht mehr beheben. Die verbliebene schöne Hälfte jedoch, berichtet Germandi, habe nun ein Zahnarzt gekauft, der dort seine Praxis unterbringen wolle.

Logistik ist eine Herausforderung

Die eigentliche Herausforderung bei Haus Cumberland sei aber nicht so sehr die denkmalgerechte Wiederherstellung des Bauensembles mit der beachtlichen Bruttogeschossfläche von rund 30.000 Quadratmetern, sondern die Logistik.

"Die ist ein echtes Problem, schließlich können wir weder den Kurfürstendamm noch die Lietzenburger Straße für die Baustelleneinrichtung nutzen", so der Bauherr. Dazu komme die extreme Tiefe des Gebäudes, das sich auf einer Länge von rund 180 Metern, gruppiert um fünf Innenhöfe, zwischen den beiden Straßen erstreckt. Um die Baumaterialien auf die umliegenden Dächer zu verteilen, wurde im zweiten und zugleich größten Innenhof, dem sogenannten Schmuckhof, ein gewaltiger Baukran aufgestellt. Der Ablauf wurde so geplant, dass als erstes die neue Tiefgarage, die von der Lietzenburger Straße aus erreichbar ist und sich unter allen Innenhöfen erstreckt, fertig gestellt wurde. Dort können nun zumindest die Handwerker mit ihren Kleintransportern vorfahren und ihre Materialien lagern.

Die Tiefgarage, die später 137 Plätze bieten soll, ist nicht der einzige kostspielige Eingriff in das Gebäude. Für den Komfort der künftigen Bewohner werden zudem die beiden bestehenden Aufzüge um neun weitere ergänzt, die Zahl der Treppenhäuser von zwölf auf 18 erhöht. "Dadurch unterbrechen wir die vielen endlos langen Flure und erhalten überhaupt erst die Möglichkeit, attraktive Wohnungsgrundrisse anzubieten", begründet Germandi den erheblichen Aufwand. Während für den Kauf des Hauses 30 Millionen Euro gezahlt werden mussten, schlagen die Umbau- und Sanierungskosten mit rund 90 Millionen Euro zu Buche. Die Käufer mussten dementsprechend tief in die Tasche greifen: Die Preisspanne reichte von 3600 Euro bis 7500 Euro pro Quadratmeter. Vorne Kurfürstendamm, hinten Luxus-Penthouse: Das hat eben, frei nach Kurt Tucholsky, seinen Preis.

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