06.11.2011, 08:42

Kunsträume Das sind Berlins versteckte Kunst-Perlen

FRANCE-CULTURE-POMPIDOU-ANNIVERSARY

Foto: AFP

Von Julia Siepmann

Von besungenen Vasen im Schinkel Pavillon bis zur 3,5-Quadratmeter-Austellung am Checkpoint Charlie – Morgenpost Online zeigt Ihnen außergewöhnliche Werke und außergewöhnliche Räume in der Hauptstadt.

Einen kurzen Moment lang ist Nina Pohl erschrocken. Als ein Scheppern das Stimmgewirr im Schinkel Pavillon durchbricht und kurz darauf das Gemurmel der Gäste für einen Moment verebbt, schaut sie sich alarmiert um. Unruhig suchen ihre Augen nach der Ursache des Lärms. Dann ein kurzes Zeichen ihres Mitarbeiters, Entwarnung. Im Menschengewühl war jemandem ein Weinglas aus der Hand geglitten und mit Getöse auf dem Marmorboden zerschellt.

Nina Pohl, die im Schinkel Pavillon eine Kunstausstellung organisiert hat, atmet auf. Gott sei Dank, das war keine der Vasen. Keine der äußerst wertvollen Unikate des Künstlers Saâdane Afif, die an diesem Abend gezeigt wurden. Genauer gesagt: besungen, versiegelt und dann gezeigt wurden. Denn bevor die acht Gefäße aus Nymphenburger Porzellan zu einem kompletten Kunstwerk vollendet waren, mussten sie Teil dieser besonderen Performance werden.

Opernsängerin besingt Vasen

Saâdane Afif hat für seine "Fairytale Recordings" Opernsängerin Katharina Schrade gebeten, jede einzelne der Vasen zu besingen. Beim Rezitieren der Verse, die verschiedene mit Afif befreundete Künstler geschrieben hatten, nimmt Schrade jeweils eine andere Pose ein. Gegen Ende jedes Liedes dann der entscheidende Moment: Mit kraftvoller Stimme singt Schrade das letzte Wort, die letzte Silbe, direkt in das Innere der Vase hinein, die daraufhin sofort vom Künstler persönlich versiegelt wurde.

"Der Ton ist nun für immer dort eingeschlossen", sagt Pohl und lächelt. Ästhetischer Nebeneffekt: Jeder Vasendeckel ziert dabei eine spezielle Statuette, die eben jene Pose der Darstellerin zeigt, die diese beim Aufsagen des Textes eingenommen hatte. In den Vasendeckeln sind die Texttitel und Namen der jeweiligen Autoren eingraviert und der Ort, an dem das gesungene Gedicht "aufgenommen" wurde. "Dass nun 'Schinkel Pavillon' auf dem Gefäß steht, freut uns schon sehr", sagt Pohl und erzählt, dass sie Afif und dessen Arbeit schon seit Jahren beobachtet und ihn bei vielen Gelegenheiten immer wieder angesprochen hat. Ob er sich vorstellen könne, ein Kunstprojekt für den Schinkel Pavillon zu entwickeln? Den Ausschlag für die Zusage des scheuen Künstlers habe dann wohl auch tatsächlich der Charme des Ausstellungsortes gegeben, glaubt Pohl: "Er kannte und mochte den Raum schon von unseren früheren Vernissagen."

Der Raum, das ist der Schinkel Pavillon. Er ist mittlerweile einer der schönsten alternativen Kunstorte der Stadt. Bereits zu DDR-Zeiten galt der 1969 vom Architekten Richard Paulick errichtete Bau als Schmuckstück. Mit dem Panoramablick auf die Friedrichswerdersche Kirche, den Fernsehturm, das DDR-Außenministerium und die Repräsentationsbauten Unter den Linden ließ Erich Honecker dort auch schon mal Staatsgäste bewirten. Nach dem Mauerfall stand der Bau lange Zeit leer, bis vor fünf Jahren der Musikunternehmer Matthias Kind die zweite Etage des Pavillons anmietete und aufwendig restaurierte. In der zweiten Etage hat Kind immer noch sein Büro, die erste Etage vermittelte er seinem Freund Stephan Landwehr, der in dem luftigen, achteckigen Raum sofort eine perfekte Kulisse für außergewöhnliche Skulpturenausstellungen erkannte. Zwei Jahre später übernahm die Künstlerin Nina Pohl den Mietvertrag, seitdem bespielt sie mit Landwehr den Ausstellungsraum gemeinsam.

Und ist dabei immer auf der Suche nach Künstlern, deren Werke gut an diesen Ort passen. "Wir haben uns um eine Mischung aus jungen Leuten und internationalen Stars bemüht", sagt Pohl. Jeder von ihnen habe die Atmosphäre des Pavillons verändert. So verarbeitete der in Karl-Marx-Stadt geborene Friedrich Kunath seine Vergangenheit und zeigte eine menschengroße, Geige spielende Comicbanane. Der US-Künstler Mike Kelley dagegen verwandelte den üppig verglasten Raum durch die Installation künstlicher Felsbrocken, Monitore und Sphärenklänge in eine surreale Mondlandschaft. Im Spätsommer mahnte dann der Grieche Jannis Kounellis, untermalt von lautem Kriegsgetrommel, mit durchbohrten Damenschuhen und ausrangierten Beinprothesen, dass jeder Mensch mit einem Bein im Grabe steht.

Bis heute wird der Schinkel Pavillon privat betrieben. Die ausgestellten Exponate werden, wenn überhaupt, über die jeweilige Galerie des Künstlers verkauft. Die Kosten für Transporte, Beleuchtung, Gedrucktes, Steuerberater und Versicherung sowie zwei Angestellte tragen Landwehr und Pohl weitgehend allein. "Wir machen das aus Leidenschaft", erklärt Nina Pohl, "trotzdem wäre es toll, wenn sich unser kleines Privatmuseum irgendwann einmal alleine trägt." Deshalb hat sie mit Landwehr im vergangenen Jahr den Schinkel Pavillon als Verein eintragen lassen und wünscht sich nun viele Beitrag zahlende Mitglieder.

"Wichtig ist, dass es wirken kann"

Zu den fast verwunschenen Orten, den kleinen unentdeckten Vitrinen für Überraschendes, den Schaufenstern der Kunst gehört auch die "Loge" des Künstlers Martin Mlecko und des Kunsthistorikers Wolfgang Schöddert. An der Friedrichstraße nahe dem Checkpoint Charlie liegt die ehemalige, nur 3,5 Quadratmeter große Portierloge, deren Fensterrahmenstuck an arabische Ornamentik erinnert. In dem Raum, den sie von einem Hausbesitzer vermittelt bekommen hatten, zeigen Mlecko und Schöddert viermal pro Jahr Kunst. Und zwar immer ein einziges Werk. Egal, ob es sich dabei um eine Skulptur, eine Performance oder ein Bild handelt, "wichtig ist, dass es im Raum wirken kann", sagt Mlecko.

Als die beiden Freunde vor zwei Jahren ebenfalls eine Opernsängerin für ihr Projekt "Tanz mit mir" engagierten, waren sie über die emotionalen Reaktionen ihres Publikums dann doch überrascht. "Die Sängerin und ein Besucher waren jeweils allein in dem kleinen Raum", erzählt Schöddert. Dass dadurch eine große Intimität und Intensität zwischen den zwei Menschen entstand, konnten Mlecko und Schöddert dann mit eigenen Augen beobachten: "Manche Leute verließen den Raum und weinten." Seit 2004 sind die beiden aktiv, wollen "Kunst in den Alltag bringen und den Menschen verfügbar machen". Damals installierten sie einige Kunstvideos im "Euler Eck", einer traditionellen Eckkneipe in Wedding. "Statt Fußballübertragungen gab es für die Gäste plötzlich Filme über die Liebe", erinnert sich Schöddert und lächelt, "daraufhin wurde viel über den Umgang mit Frauen diskutiert".

Austausch, Diskussionen, gemeinsam Projekte realisieren, das wollen auch die Macher von "made". Unter diesem Namen agiert ein Kollektiv um die Künstlerin Tadi Rock, das anderen Künstlern im ehemaligen "Haus des Reisens" einen besonderen Raum zum Arbeiten bietet, ein weißes Loft, das mit Kunst gefüllt werden soll. Computerfreaks, Techniker, Zeichner, Sprayer, Rapper und Bildhauer präsentierten dort bereits ihre Werke. Zwischendurch schauen Musiker wie Moby und Erykah Badu vorbei und geben Konzerte. Doch die Hauptattraktion sind die hausgemachten Cross-over-Projekte. So zeigten die Brüder Sven und Nils Völker mit ihrer Arbeit "Captured – a hommage to light and air" im Frühjahr zu Sphärenklängen ein weitläufiges Feld aus rhythmisch atmenden Silberfolienkissen. Wochen später tanzte ein Industrieroboter zu "Valse Automatique", einer Techno-Sinfonie, durch den Raum und schnitt dabei kleine Formen aus Kunststoffblöcken heraus. Wieder entstand ein Kunstwerk direkt vor den Augen des Publikums. So etwas funktioniert nur an einem besonderen Ort.

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