Oper des Nationalsozialimus

Berlin soll weitere Gedenkstätte bekommen

In Berlin soll es eine weitere Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus geben. Auf einer Tagung forderten Historiker, Opfer und Politiker, dass auch einen Gedenkort für die Opfer von Euthanasie und Zwangssterilisation entsteht. Uneinigkeit besteht, wo der geeignete Ort ist.

Foto: picture-alliance / Tagesspiegel

Die Opfer von Euthanasie und Zwangssterilisation in der NS-Zeit sollen in Berlin eine zentrale Dokumentations- und Erinnerungsstätte bekommen. Das wurde am Dienstag in der Bundeshauptstadt auf einem Symposium zum "Umgang mit dem historischen Gelände Tiergartenstraße 4" von Politikern, Wissenschaftlern und Opferverbänden einhellig gefordert. Uneinigkeit besteht allerdings noch über Funktion und Gestaltung des künftigen Erinnerungsortes unmittelbar neben der Berliner Philharmonie.

Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz (SPD) sprach sich für einen "ganzheitlichen Erinnerungsort" aus, in dem Dokumentation und Gedenken zusammengeführt werden. Auf dem historischen Gelände in Tiergarten, wo der systematische Massenmord durch NS-"Euthanasie" an psychisch kranken und geistig behinderten Menschen in deutschen Heil- und Pflegeanstalten als sogenannte Aktion "T4" zentral geplant wurde, müsse ein Ort entstehen, der "Herzen und Verstand bewegt", sagte Schmitz. Das sei "wahrlich keine leichte Aufgabe". Schmitz hatte im Juli 2008 eine Gedenkplatte an dem Ort eingeweiht.

Dagegen sprach sich die Geschäftsführerin des Bundes der "Euthanasie"-Geschädigten und Zwangssterilisierten, Margret Hamm, gegen eine Vermischung von Information und Gedenken aus. Ihre Erfahrung zeige, dass Opfer und Hinterbliebene dort trauern wollen, wo die Verbrechen geschehen sind, "am authentischen Ort in den sechs Gasmordanstalten in Deutschland", sagte Hamm. Die Tiergartenstraße 4 könne deshalb nur ein Ort der Aufklärung und Information über die Täter werden.

Wichtig sei dabei auch, die Vor- und Nachgeschichte der NS-"Euthanasie" zu dokumentieren, besonders auch die Zeit nach 1945 mit dem jahrzehntelangen Kampf der Betroffenen um Anerkennung als NS-Opfergruppe, die ihnen zum Teil bis heute verwehrt wird, so Hamm weiter. "Ein Denkmal nur zur Beruhigung des Gewissens der Nachgeborenen wollen die Opfer nicht."

Auch Georg Lilienthal, der Leiter der Gedenkstätte im hessischen Hadamar plädierte für eine Trennung zwischen Gedenken und Dokumentation. "T4" sei ein reiner Täterort, in den "nie ein Opfer einen Fuß gesetzt hat" und müsse künftig über die Hintergründe der NS-Aktion aufklären. Für das Gedenken benötigten die Opfer einen eigenständigen Platz, wenn auch zwischen beiden eine Verbindung bestehen sollte.

Die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Karin Evers-Meyer (SPD), schlug eine Ergänzung der historischen Dokumentation um die Situation behinderter Menschen im heutigen Deutschland vor. Der Sozialpsychiater Klaus Dörner sagte, NS-"Euthanasie" und Zwangssterilisation seien bis heute "eine offene Wunde der Psychiatrie", die weiter aufgearbeitet werden müsste. Die den Opfern jahrzehntelang versagte Anerkennung ihrer Leiden sei auch auf die "systematische Entwertung dieser Bevölkerungsgruppe" schon vor der Nazi-Zeit zurückzuführen.

Als Mit-Initiatorin des "Runden Tischs T4" zur Schaffung einer Gedenkstätte in Berlin sagte Sigrid Falkenstein, eine Trennung von Täter und Opfer an diesem Ort sei nicht nachvollziehbar. Sie bat darum, sich nicht in "kleinlichen Zänkereien und endlosen akademischen Diskussionen zu verlieren", sondern so schnell wie möglich einen Erinnerungsort zu realisieren, dessen Entstehen auch noch die hochbetagten Betroffenen erleben können.

Nach derzeitigem Forschungsstand wurden in ganz Europa rund 300.000 Menschen als "lebensunwert" Opfer der NS-Patientenmorde. Allein der Aktion "T4" (Abkürzung für Tiergartenstraße 4) fielen zwischen Januar 1940 und August 1941 auf dem Gebiet des Deutschen Reiches 70.000 Menschen zum Opfer.

epd/hed

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