Christopher Street Day

Warum eine 95-Jährige beim CSD mitmacht

Bis 1933 lebte Isabella Perlin in Berlin. Jahrzehnte nach der Flucht vor den Nationalsozialisten kehrt sie als Besucherin zurück, um den Christopher Street Day mit ihrem Enkel zu erleben.

Sie habe den Alexanderplatz gesucht, sagt Isabella Perlin. "Der ist irgendwie weg!" Sie habe nach der Berolina-Statue Ausschau gehalten und nach dem Kaufhaus Tietz - vergeblich. Das letzte Mal, als Isabella Perlin am Alexanderplatz war, gab es diese Wahrzeichen in Berlins Mitte noch. Das war 1933.

Vor zwei Wochen etwa klingelte bei Isabella Perlin in Tel Aviv das Telefon. Ihr Enkelsohn war am anderen Ende, ihr Lieblingsenkel Ron. Er fragte seine 95 Jahre alte Großmutter, ob sie nicht Lust habe, mit ihm eine Reise nach Berlin zu unternehmen. Zum Christopher Street Day. Isabella Perlin sagte ohne zu zögern zu.

"Sie ist die spontanste Frau, die man sich vorstellen kann", sagt Enkelsohn Ron ben Shahar. Zwei Tage ist er mit seiner Großmutter in der Stadt, auch seine Eltern sind dabei. Nach der Parade wollen sie weiter nach Polen, wo der 38-Jährige arbeitet. Aber vorher versuchen die vier israelischen Touristen, so viel wie möglich von der alten Heimat ihrer Familie zu sehen.

Isabella Perlin ist in Berlin aufgewachsen. Als sie drei Jahre alt war, zog ihre Familie aus Riga hierher. Ihr Vater hatte eine Türschlossfabrik, sie wohnten in einem großen Haus an der Fontanepromenade in Kreuzberg. Die Schülerin Isabella ging auf das Elisabeth-Gymnasium an der Kochstraße. "Damals habe ich auch noch berlinerisch gesprochen", erzählt Perlin, deren Erinnerungen an die Zeit vor mehr als 70 Jahren erstaunlich präzise sind. Von jedem Ort, zu dem ihre Gedanken wandern, seien es das Schulgebäude oder die kleine Wohnung der Familie ihrer Schulfreundin in Neukölln, weiß sie sowohl Straße als auch Hausnummer.

Auch die Strophen des Horst-Wessel-Liedes, das SA-Männer sangen, als am 1.April 1933 zum Boykott gegen jüdische Geschäfte aufgerufen wurde, kann Isabella Perlin noch aufsagen. Damals spazierte sie mit ihrer Neuköllner Freundin – einer überzeugten Kommunistin, wie Perlin immer lachend betont – durch die Oranienburger Straße und sah die geschlossenen und beschmierten Läden der Juden. Unwirklich sei ihr das vorgekommen, sagt sie heute.

Nur wenige Wochen später, im Mai 1933, forderte der Lehrer die Schulklasse von Isabella Perlin zum ersten Mal zum Hitlergruß auf. "Ich bin rausgerannt und heulend nach Hause gelaufen", sagt sie. Daheim habe sie ihrer Mutter gesagt: "Jetzt können wir die Koffer packen." Die Mutter hatte eine Schwester, die bereits in Palästina lebte. Doch bevor die Familie 1935 mit dem Schiff in Haifa ankam, wurde die 18-jährige Isabella zur Verwandtschaft nach Riga geschickt, um dort Abitur zu machen.

Die Fabrik ihres Vaters, die Häuser der Familie in Berlin – das alles ging durch die Flucht verloren. Auch nach dem Krieg gelang es der Familie nicht, wenigstens das Haus an der Fontanepromenade zurückzubekommen, das den Krieg unbeschadet überstanden hatte. Einen Tag im Jahr 1954 war Isabella Perlin deswegen noch einmal in Berlin, zu einer Gerichtsverhandlung, die sie verlor. "Danach gab es keinen Grund, wiederzukommen, wir hatten ja hier nichts mehr", sagt sie heute. Die Fontanepromenade will sie an diesem Wochenende meiden, zu schmerzlich wäre ein Besuch.

Abgesehen davon gefällt der 95-Jährigen das "neue Berlin" aber großartig. "Die Stadt lebt richtig", sagt sie. "Eine tolle Stadt zum Wohnen." Das Berlin der Dreißigerjahre sei mit dem Berlin von heute gar nicht mehr zu vergleichen. "Nur die kleinen Straßen in Neukölln, die sehen heute noch so aus wie früher", findet sie. Auch sei Berlin viel bunter geworden. "Ich war damals bei unserer Ankunft in Tel Aviv schon so begeistert von den weißen Häusern dort, Berlin war früher überall grau."

Die Buntheit des CSD genießt Isabella Perlin heute umso mehr. Am Sonnabendmittag steht die kleine, braun gebrannte Frau im schicken grauen Kostüm, gestützt auf ihren Gehstock, sogar mit am großen Truck, der die Parade ab dem Kurfürstendamm anführt. Die ganze Strecke wolle sie nicht mitfahren, sagt Isabella Perlin, aber ein paar Minuten wären doch ganz lustig. Früher hätte man über das Schwulsein höchstens geflüstert, heute "sind sie auch noch stolz darauf – warum weiß ich eigentlich auch nicht", sagt sie mit der Unbefangenheit der alten Dame, die immer ausspricht, was sie denkt. "Es ist doch schön, dass es jetzt überall hier so viel Freiheit für alle gibt."

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