Tag der Architektur

Privathäuser öffnen am Wochenende ihre Türen

Wer schon immer einmal seinem Nachbarn ins Wohnzimmer schauen wollte, hat dafür an diesem Wochenende gute Chancen. Privathäuser und andere Gebäude öffnen zum "Tag der Architektur" ihre Pforten.

In Dubai brechen die Wolkenkratzer alle Höhenrekorde, China protzt mit aufsehenerregenden Sportstadien, und Hamburg gönnt sich mit der Elbphilharmonie aus der Feder der Stararchitekten Herzog & de Meuron ein zwar immer teurer werdendes, aber unverwechselbares Wahrzeichen. Keine Frage: Die Großmeister der Architektur bauen inzwischen nicht mehr in Berlin, sondern anderswo.

Spannende Bauprojekte, wenn auch in wesentlich kleinerem Maßstab, gibt es in der Hauptstadt jedoch immer noch, wie an diesem Wochenende der "Tag der Architektur" beweisen will. Das Motto der diesjährigen Veranstaltung ist zugleich ein Versprechen: "Besser wohnen mit Architekten." Architekturbegeisterte bekommen dabei die Gelegenheit, in Privathäuser zu schauen und selbst zu urteilen, ob dieses Versprechen auch eingelöst wird.

Individuell und preiswert

Viele Besucher interessiert vor allem die Frage, ob ein maßgeschneidertes Architektenhaus teurer ist als eins von der Stange. Dass das nicht unbedingt der Fall sein muss, beweist etwa das Baugruppenprojekt "Wohnen am Weißen See", das am Sonnabend um 15 Uhr besichtigt werden kann. An der Albertinenstraße 6-10 wurden neben einem schon bestehenden Altbau, dem 1903 gebauten ersten Rathaus von Weißensee, drei Neubauten errichtet, in denen zusammen 45 Wohnungen entstehen.

"Ich kann auf jeden Fall bestätigen, dass es sich mit einer gescheiten Planung eindeutig besser wohnen lässt", sagt Wolfgang Bosse. In einem Alter, in dem andere darüber nachdenken, ob sie sich in einer Seniorenresidenz einkaufen, ist Bosse zum Bauherren geworden. "Ein Schritt, den ich noch keinen Tag bereut habe", versichert der 72-Jährige, der mit seiner Frau in der obersten Etage des Gebäudes seit gut einem Jahr eine barrierefreie Wohnoase mit 20 Quadratmeter großer Dachterrasse bezogen hat. "Dass ich auf diese Baugruppe gestoßen bin, ist wirklich ein großes Glück", sagt Bosse.

Nicht nur, weil das Baugrundstück ganz in der Nähe der Wohnung seines Sohnes liegt, sondern weil er von Anfang an Einfluss auf die Gestaltung und damit auch den Endpreis nehmen konnte. "Inklusive der Erwerbskosten für das Grundstück liegen die Preise für die Wohnungen zwischen 2100 bis zu 2350 Euro pro Quadratmeter", sagt die Architektin Julia Dahlhaus von der Bürogemeinschaft dmsw. Rechne man das Grundstück heraus, blieben Baukosten von 1890 Euro pro Quadratmeter.

"Wir Bauherren waren schon auf die Vorschläge der Architekten angewiesen, die uns Qualitätsverbesserungen aufgezeigt haben", sagt Bosse. Und die dafür sorgten, dass zumindest bei der Außengestaltung kein wildes Durcheinander entsteht, sondern Häuser, die sich mit einer einheitlichen Putzfassade bescheiden. "Da hat es natürlich viele Diskussionen gegeben", so die 41 Jahre alte Architektin. Doch allen vier an der Planung beteiligten Architekturbüros sei es wichtig gewesen, dass die Neubauten einen Rahmen um den Altbau schaffen, der diesem nicht die Schau stielt, sondern ihn zum Glänzen bringt.

Gemeinsam mit den anderen Wohnungskäufern hat die Baugruppe jedoch beim Innenausbau entschieden, wo eingespart und wo lieber mehr investieren werden soll. "Das hat natürlich viel Mitarbeit erfordert", sagt Bosse. Aber das Ergebnis rechtfertige auf jeden Fall die Mühe. Wer sich die Häuser der Baugruppe ansehen will, hat dazu am Sonnabend um 15 Uhr die Gelegenheit: Dann bieten die vier beteiligten Architekturbüros Führungen an. Treffpunkt: vor den Häusern.

Schauen, wie andere bauen, kann man auch direkt an der Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße 5d im ehemaligen Niemandsland zwischen Mitte und Wedding. Hier wohnt Familie Ludloff in einem Reihenhaus, das mit einer Grundfläche von 60 Quadratmetern auf vier Geschossen genug Platz für den Vier-Personen-Haushalt und obendrein noch für das eigene Architekturbüro bietet. "Das Programm unseres Hauses geht konkret auf die sich verändernden Lebensumstände unserer Gesellschaft ein, indem es einen Ort schafft, wo Familie, Freizeit, Entspannung und Arbeiten ein gemeinsames Dach finden", sagt Jens Ludloff.

Zusammen mit seiner Frau Laura Fogarasi-Ludloff hat er das kleine Raumwunder mit kräftigen Farben, viel Sichtbeton und einem extravaganten Treppenhaus so gestaltet, dass es mit den monotonen Vororthäusern der 60er- und 70er-Jahre gar nicht zu vergleichen ist. Mit reinen Baukosten von 1230 Euro pro Quadratmeter auf einem Erbpachtgrundstück ist es zudem sehr kostenbewusst geplant. Nun tüftelt das Paar bereits an neuen Ideen für preiswertes Bauen.

"Als ,team 11', bestehend aus elf Architekten, Künstlern und Soziologen, sind wir gerade dabei, die Grundlagen für die Umsetzung von Wohnbauprojekten für Baukosten unter 1000 Euro zu entwickeln", sagt die Architektin, und verweist auf einen ganz wesentlichen Vorteil, den die Architektenhäuser gegenüber Fertighäusern vor allem in der dicht bebauten Innenstadt haben: "Ein Haus von der Stange hätte man auf diesem Areal sowieso nicht unterbringen können", sagt die 43-Jährige. "Das Grundstück ist nur 160 Quadratmeter groß und zudem noch wie ein Tortenstück geformt." Am Sonnabend um 11 und um 13 Uhr führen die Architekten Interessierte durch ihr Haus.

Heizen mit Hackschnitzeln

Dass es bei der Umnutzung alter Gebäude nicht unbedingt auf einen prallen Geldbeutel ankommt, hat auch Michael Kloos vom Büro Raumstar Architekten bewiesen. Lange hatte der Architekt nach einem passenden Gebäude gesucht, um seine Idee von flexiblen Büroarbeitsplätzen für junge Start-up Unternehmer umzusetzen. Weil Alt-Mitte oder auch Friedrichshain-Kreuzberg viel zu teuer waren, fiel seine Wahl auf eine alte Porzellanmanufaktur im Brennpunktkiez von Moabit.

Das marode Backsteingebäude an der Stendaler Straße 4 konnte Kloos für 120.000 Euro erwerben. 480.000 Euro hat er in den Um- und Ausbau gesteckt. Jetzt bietet die alte Manufaktur mit dem so markanten wie modernen Dachaufbau aus Holz auf fünf Etagen eine Nutzfläche von 800 Quadratmetern mit Platz für 40 Büroarbeitsplätze.

"Es war wichtig, nicht das Haus in ein Konzept zu zwängen, sondern aus dem Potenzial des Hauses ein Konzept zu entwickeln und mit den Möglichkeiten des Gebäudes zu arbeiten", sagt Kloos. So ließ der 42-Jährige den verunstaltenden Außenfahrstuhl am Gebäude abreißen und hat an dieser Stelle Fenstereinsätze geschaffen, die zusätzlich Tageslicht in die Räume bringen.

Den Sockel vom Fahrstuhl ließ er dagegen stehen: Er dient jetzt als Befüllungsstation für die Holzschnitzelheizung im Keller. Auch das eine Sparmaßnahme: Das Heizen mit Hackschnitzeln koste 40 Prozent weniger als mit Gas. Die Büroarbeitsplätze inklusive Telefon, Drucker und anderem Büro-Equipment vermietet Kloos nun für monatlich 215 Euro. Das Haus kann am Sonnabend jeweils um 11, 13, 15 und 17 Uhr sowie am Sonntag um 13 und 15 Uhr besichtigt werden.

Neben den insgesamt 116 Führungen durch Privathäuser, Hotels, Bürogebäuden und Schulen öffnen auch 15 Architekturbüros ihre Türen. So kann man den Planern des neuen Großflughafens BER in Schönefeld, gmp – von Gerkan, Marg und Partner –, über die Schulter schauen (Sbd. 14-18 Uhr, Hardenbergstraße 10, Charlottenburg) oder das Büro Kleihues+Kleihues besuchen, das an der Chausseestraße in Mitte Berlins größte Baustelle, die Zentrale für den Bundesnachrichtendienst, betreut (Sbd. 14-18 Uhr, Helmholtzstraße 42, Charlottenburg).

Das kostenfreie Programm "Tag der Architektur/Tag der offenen Architekturbüros" ist bei der Architektenkammer Berlin und an vielen zentralen Orten erhältlich. Das Programm mit allen Führungen steht auch online zur Verfügung: www.ak-berlin.de . Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei.

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