Kronprinzengärten

Nobelviertel entsteht auf altem DDR-Parkplatz

Berlin in ganz neuer Form: Der Bereich zwischen der Friedrichwerderschen Kirche und der Staatsoper in Mitte entwickelt sich immer mehr zum Nobelviertel. Morgenpost Online stattete der entstehenden Townhouse-Siedlung einen Besuch ab.

Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER

Ohrenbetäubender Lärm schallt aus der Intendanz der Berliner Staatsoper Unter den Linden. Arbeiter reißen das Gebäude mit schwerem Gerät ab. Es war marode und wird danach neu aufgebaut. Es ist nicht das Einzige, das an diesem Ort in neuer Form entsteht. Zwischen der Intendanz und der Friedrichwerderschen Kirche entsteht eines der mondänsten Wohnquartiere Berlins. Einst wohnten in der Nachbarschaft der Kirche die Günstlinge des Hofes. Nun wird dort das Wohnen für neue Herrschaften inszeniert. Eine kleine Siedlung von Townhouses mit grandioser Ausstattung, kleinen Vorgärten und schmiedeeisernen Geländern. Ein Stück Londoner Eaton Place, nur eben in Berlin-Mitte.

"Was wir dort planen", sagt Bauwert-Chef Jürgen Leibfried, "ist eine vornehme, elegante Architektur, die Wohnen auf höchstem Niveau ermöglicht." Es ist eine kleine Untertreibung dessen, was dort geplant ist: "XXL"-Stellplätze, auf denen eineinhalb Fahrzeuge Platz hätten, Kameraüberwachung und Deckenhöhen, die an solche in Gründerzeitbauten oder Villen erinnern.

Die größte Wohnung ist fast 550 Quadratmeter groß. Von einigen der mit Pools ausgestatteten Dachterrassen ergibt sich ein unverbauter Blick über die historische Mitte der Hauptstadt. So wie ihn Corinna Gliese schon heute genießt.

Logenplätze mit grandiosem Blick

Die Investmentberaterin hatte vor wenigen Jahren südlich der Friedrichwerderschen Kirche ein Townhouse gebaut. Sogar Brad Pitts Architektenfreunde vom Berliner Büro Graft hatte sie um Rat gefragt. Am Ende entschied sich die Selbstständige für einen anderen Architekten. Das Ergebnis kann sich dennoch sehen lassen. Ein elegantes Stadthaus mit grandiosem Blick auf das Auswärtige Amt und den Gendarmenmarkt. Ein Logenplatz für Proseccoabende mit Pavarotti. Mehr Hauptstadt geht kaum.

Als Glieses Haus und die benachbarten Townhäuser vor vier Jahren fertiggestellt wurden, gehörten deren Bauherren zu den Pionieren auf dem Areal am Auswärtigen Amt. Lange war das Gelände unbebaut, eine Wüstenei, die mit nichts daran erinnerte, dass dort einmal Höflinge und Angestellte des Hohenzollernhofes sowie Patrizier und Banker gewohnt hatten. Es gehörte viel Fantasie dazu, sich dort ein funktionierendes Stadtviertel vorzustellen. Nun gibt es dort einen kleinen Park, 19 Kinder, das Restaurant "Chipps" und ein Hotel. Nur noch wenige Häuser sind dort im Bau, dann ist die Siedlung fertig.

Die "Kronprinzengärten" nordwestlich davon sollen noch mehr bieten, und entsprechend sind die Preise: Zwar wird die Bauwert dort auch Wohnungen ab 4100 Euro pro Quadratmeter anbieten, aber der durchschnittliche Kaufpreis liegt bei 7700 Euro pro Quadratmeter, bei einigen Wohnungen wird sogar ein fünfstelliger Betrag pro Quadratmeter verlangt. Nur für Wohnhäuser im Diplomatenviertel am Tiergarten, oder im Philippe-Starck-Haus am Berliner Ensemble werden zurzeit ähnliche Preise verlangt.

Die Lage des Bauvorhabens ist jedoch auch exzellent. Nördlich liegen das ehemalige Kronprinzessinnenpalais der Hohenzollern sowie der Boulevard Unter den Linden. Die Museumsinsel und das künftige Humboldt-Forum sind in wenigen Gehminuten erreichbar, und wer mittags Bildhauerkunst von Christian Daniel Rauch sehen möchte, aber nicht bis zur Museumsinsel möchte, hat es noch leichter. Von den "Kronprinzengärten" zur Figurensammlung in der Friedrichwerderschen Kirche sind es nur wenige Meter.

Damit auch künftig genug Licht die Kunstobjekte in der Kirche bescheinen kann, will die Bauwert die Kronprinzengärten weniger dicht realisieren, als es nach den amtlichen Baubescheiden möglich gewesen wäre. Statt der genehmigten 12.5000 Quadratmeter Nutzflächen werden nur knapp 9900 realisiert.

An den Ecken des neuen Quartiers ist ein "Kunsthaus" mit Deckenhöhen bis 4,80 Meter geplant. Ähnlich wie das Galerienhaus, das der Sammler Heiner Bastian von Stararchitekt David Chipperfield gegenüber vom Neuen Museum errichten ließ. Unten eine Galerie, oben Wohnungen. Genug Raum für Hängungen wird es auch in dem neuen Kunsthaus geben.

Rund 85 Millionen Euro investiert die Bauwert in ihr Vorhaben. Der Zweite Weltkrieg hatte die einstige Bebauung gleichsam pulverisiert. Die DDR-Oberen ließen die Trümmer abräumen und einen Parkplatz auf den Kellern der vormaligen Häuser errichten, zu denen auch das Bankhaus Bleichröder gehörte. Das Zentralkomitee der SED und das Politbüro zogen gegenüber in das ehemalige Gebäude der Reichsbank am Werderschen Markt. Anwohner waren dort lange Zeit nicht erwünscht. So wurde jahrzehntelang der Friedrichswerder, der zu den ältesten Siedlungsgebieten Berlins gehört, als Parkplatz genutzt. Ein paar Bäume, lieblos entlang der Straße abgestellte Mülltonnen und Asphalt, auf dem seither sogar die Stellflächenmarkierungen verblasst sind. So präsentierte sich der Ort, bislang.

Zwischen den Rissen im Asphalt des Parkplatzes sprießt zurzeit noch Unkraut. Es wird bald abgelöst werden von anderem Grün. Nach dem Herbst soll mit dem Bau der "Kronprinzengärten" begonnen werden. Die Bauwert-Gruppe wird dazu auch die Falkoniergasse, die parallel zur Friedrichwerderschen Kirche verlief, an die seit 1945 aber nichts mehr erinnert, neu anlegen. Die Straßen wurden bereits wieder errichtet. Ihren historischen Verläufen entsprechend, und mit historischen Schinkelleuchten versehen.

Die "kritische Rekonstruktion" des Areals nach historischen Stadtplänen setzt einen Trend fort, den Senatsbaudirektor Hans Stimmann Mitte der 90er-Jahre eingeleitet hatte – die Rückeroberung der überwiegend gewerblich genutzten Innenstadt durch Wohneigentümer. Nicht mehr nur staatliche Repräsentation oder Firmenrepräsentanzen wie am Boulevard Unter den Linden sollen das Quartier prägen, sondern eben auch wieder hochwertiges Wohnen. Viel Platz für die neuen Patrizier von Berlin-Mitte.

Wohnen wieder attraktiv gemacht

Bereits 2004 hatte der Senat dazu die Weichen gestellt. Südlich des Bauwert-Areals wurden auf dem Friedrichswerder Tausende Quadratmeter kleinteilig parzelliert und relativ preisgünstig verkauft. Um Spekulationen vorzubeugen, wurden die Grundstückskaufverträge mit einem Weiterveräußerungsverbot innerhalb der folgenden zehn Jahre versehen. Bei Zuwiderhandlung drohte eine Vertragstrafe. An einen schnellen Weiterverkauf nach Ablauf der Sperrfrist dachte und denkt in der Townhousesiedlung bislang jedoch kaum jemand. Eine Wertsteigerung stünde "nicht im Vordergrund", sagt etwa Corinna Gliese. Zu sehr habe man sich an das Leben in dem Kiez gewöhnt. An dieses kleine Dorf inmitten der Hauptstadt. Von dessen Dächern aus man auch die Empfänge für Staatschefs und Diplomaten im "AA" beobachten kann.

Corinna Gliese hat ihr Haus mit entworfen, entwarf und verwarf Pläne, besserte nach und überarbeite Details, ließ Rigipswände wegnehmen, wenn diese störten. Und Raumhöhen vergrößern, wenn sie diese als zu niedrig empfand. Ergebnis ist ein markantes, herrschaftliches Haus mit hohem Wiedererkennungswert. Ein lohnendes Investment. Für manchen der Bauherren hat sich der Wert seines Hauses in der kleinen Siedlung seit dem Bau verdoppelt. Häuser wie ihres kosteten nunmehr bis zu fünf Millionen Euro, je nach Lage und Ausstattung, sagt Gliese. Dass einige Anwohner in den benachbarten Plattenbauten die Townhousebewohner deshalb schon mal flapsig als "die Millionäre" bezeichnen, hören diese jedoch nicht gern. Aber sie werden es aushalten müssen. Denn wegziehen möchte vom Friedrichswerder kaum mehr jemand. Zu schön sind sie – die Logenplätze mit dem Blick auf die Berliner Republik.

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