Berliner Forschungszentrum

Reaktor Wannsee – Kernspaltung im Wohngebiet

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So, 24.04.2011, 16.25 Uhr

Der einzige Berliner Reaktor ist zurzeit planmäßig stillgelegt. Wir haben der Forschungseinrichtung einen Kurzbesuch abgestattet.

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Seit den 50er-Jahren betreiben Forscher in Wannsee einen Atomreaktor. Über Jahrzehnte von vielen fast unbemerkt. Doch seit dem Atomunfall von Fukushima ist Berlins Südwesten in Aufruhr. Ein Besuch.

Das Licht strahlt aus der Tiefe. Es wirkt metallisch kalt, blau reflektieren es die Wände des Wasserbeckens. Um das Becken herum wuseln Männer in lässigen Overalls. Alles harmlos, also. Dabei findet dort unten, elf Meter unter der Brücke, ein Vorgang statt, der wie kein anderer Ängste weckt: eine Kernspaltung.

Karte: Das Helmholtz-Zentrum von oben:

Seit 1973 läuft in Wannsee der Atomreaktor BER II - mitten in einem Wohngebiet. Zunächst vom Hahn-Meitner-Institut für Kernforschung betrieben, dann vom Helmholtz-Zentrum Berlin. Für die Forschung. Elf Brennstäbe produzieren eine Jahresleistung von zehn Megawatt. Er ist zwar einer der größeren Forschungsreaktoren, die es in Deutschland gibt. Im Vergleich zu einem richtigen Atomkraftwerk ist er aber ein Zwerg. Gerade mal 2,5 Kilogramm schwach angereichertes Uran werden dort gespalten. Das ist 500 Mal weniger als in einem durchschnittlichen Atomkraftwerk, das 1,5 Tonnen Uran jährlich braucht. Hochangereichertes Uran, wohlgemerkt. 800 Menschen arbeiten an dem Standort, vom Nuklearwissenschaftler bis zum Gebäudereiniger.

Jahrzehntelang hat sich niemand außerhalb der Forscherwelt Gedanken gemacht über die Institutsgebäude am Ende der Glienicker Straße, die vom Zaun aus zwischen den vielen Bäumen auch nur zu erahnen sind. Und seit aus dem früheren Hahn-Meitner-Institut für Kernforschung das Helmholtz-Zentrum für Materialien und Energien geworden ist, erinnert nicht mal der Name an das, was im Innern passiert.

Audio: Dr. Astrid Brandt erklärt die Neutronen-Forschung

Auf dem nahen Golfplatz perfektionieren Spieler dann auch unbekümmert seit Jahren ihren Abschlag. Eltern schicken ihre Kinder sorglos in die Conrad-Grundschule, die 1300 Meter vom Reaktor entfernt liegt. Es ist ein ruhiges, beliebtes Wohngebiet.

Doch seit Fukushima ist alles anders. Seit den Explosionen im japanischen Kernkraftwerk nach dem Erdbeben fürchtet Berlins Südwesten den GAU. Wegen der Kernspaltung im Wohngebiet. Und weil über den Helmholtz-Reaktor hinweg vielleicht bald die Abflugrouten des neuen Großflughafens BBI entlangführen. Ausgerechnet.

Die Idylle an Stölpchensee und Pohlesee hat Schaden genommen. Trügerisch wirkt nun jedes Vogelzwitschern rund um den Reaktorschornstein. An den Jägerzäunen der beschaulichen Einfamilienhäuser hängen Banner und Plakate mit der Aufschrift "Keine Flugrouten über Wannsee". Viele Menschen hier haben Angst. "Nach dem katastrophalen Reaktorunfall in Japan muss auch in Deutschland die Frage nach den hinnehmbaren Restrisiken neu bewertet werden", sagt Hans-Peter Vierhaus. Er wohnt in der Nachbarschaft des Reaktors und ist Rechtsanwalt. Zusammen mit dem Umweltschutzverein Natura Havel kämpft Vierhaus darum, wenn schon nicht den Reaktor, so doch wenigstens die über ihn hinwegdüsenden Flugzeuge zu verhindern.

Karte: Mehrfamilienhäuser direkt neben dem Helmholtz-Zentrum

Für seine Klage sucht Vierhaus Mitstreiter. "Die besten Chancen haben Eigentümer, die in direkter Nähe zum Reaktor leben." Wie Gotthard Kerkau, in dessen Wohnzimmer Vierhaus an diesem Abend sitzt - 500 Meter vom Zaun des Forschungsgeländes entfernt. Ein kleines Haus mit Garten.

1969 ist Kerkau in die Glienicker Straße gezogen, hier sind seine vier Kinder aufgewachsen. Damals gab es noch BER I, den ersten Wannsee-Forschungsreaktor, der bis 1972 in Betrieb war. Er habe die Nähe zur Kernkraft immer kritisch gesehen, sagt Kerkau heute. Doch erst jetzt, da die Gegend womöglich bald von Tausenden Flugzeugen überflogen wird, würde er den Reaktor am liebsten sofort abschalten. "Nach Fukushima ist es unangebracht, irgendwo das Risiko eines atomaren Unfalls zu erhöhen", sagt der 71 Jahre alte Architekt.

Ihm und Vierhaus gegenüber sitzt Sabine Michaelis. Eine Nachbarin, die in dem Forschungsreaktor, den sie von ihrem Balkon aus im Blick hat, eine echte Bedrohung sieht, wie sie sagt. "Da jetzt auch noch Flugzeuge drüberfliegen zu lassen ist fahrlässig." Denn der Reaktor ist gegen Flugzeugabstürze nicht gesichert. "Der hat eine einfache Betondecke", sagt Vierhaus, blättert dabei suchend durch die vielen Papiere auf dem Wohnzimmertisch der Familie Kerkau. Die Dokumente hat Vierhaus sich eingeklagt - von der Atomaufsicht Berlin. Schließlich wird er fündig. Der Reaktor sei in "einer konventionellen Industriehalle in Stahlständerbauweise mit Flachdach" untergebracht, heißt es in den Unterlagen. Teile eines abstürzenden Flugzeugs könnten das Dach durchschlagen. "Dann kann es zur Kernschmelze kommen", liest Vierhaus laut vor. Der GAU in Wannsee. Und Flugrouten über dem Reaktor, das steht ebenfalls in den Papieren, würden "das Restrisiko eines nuklearen Ereignisses in Berlin signifikant erhöhen".

Was tatsächlich passieren könnte, wenn ein Flugzeug abstürzt, zeigt ein Gutachten, das bei einer Überprüfung des Reaktors 1991 erstellt worden war. Zwei Szenarien gibt es, beide vermitteln wenig Hoffnung. Ein Szenario lautet so: Halle, Schutzbeton und Becken werden zunächst von herabfallenden Teilen zerstört. Wasser tritt aus dem Becken aus und kann die Brennstäbe nicht mehr kühlen. "Die Kühlung der Brennelemente wird durch das Wasser gewährleistet, etwa wenn der Strom ausfällt", sagt die Sprecherin des Helmholtz-Zentrum, Ina Helms. Innerhalb einer Minute wären die Brennstäbe im kontrollierten Störfall auf Raumtemperatur. Acht solche Schnellabschaltungen hat es in den vergangenen 13 Jahren gegeben. Fehlt das Kühlwasser allerdings, kommt es zur Kernschmelze. Dabei treten "radioaktive Stoffe in erheblichen Umfang" aus, unter anderem die für Menschen gefährlichen Stoffe Krypton, Xenon und in geringen Mengen auch Cäsium. In diesem Fall müssen die Anwohner im Umkreis von bis zu 2,5 Kilometern evakuiert werden.

Es gibt Pläne für einen Ernstfall

Der Katastrophenschutzplan sieht vor, dass Polizei und Feuerwehr die Anwohner aus dem Gebiet in nahe gelegene Schulen und andere öffentliche Gebäude bringen. Drei Monate lang könnte das Gebiet rund um den Reaktor unbewohnbar sein. Der Plan hat einen Nachteil: Eine Umquartierung wird nur angeordnet, wenn vor dem Austritt radioaktiver Stoffe noch genügend Zeit zur Verfügung steht. Ansonsten rät der Katastrophenschutzplan den knapp 10 000 Einwohnern in Wannsee, im Haus zu bleiben, Türen und Fenster zu schließen. Ist es für eine Umsiedelung zu spät, bietet "das Verbleiben im Haus den größeren Schutz". Die Feuerwehr würde dann wie in Japan Jodtabletten verteilen, legt sie vor den Haustüren der Anwohner ab, die diese mit Mundschutz ins Haus holen müssen und daraufhin vorsichtshalber die Oberbekleidung wechseln sollten.

Im zweiten Schreckensszenario würde eine Evakuierung nicht notwendig. Das Kühlbecken wird dabei nicht zerstört. Stattdessen blockieren auf den Reaktorkern fallende Trümmerteile Kühlkanäle und bringen den Reaktorkern unter Wasser zur Schmelze. Die dabei entstehenden radioaktiven Gase gelangen durch die zerstörte Hallendecke in die Umwelt. Bei Südwestwind können die giftigen Edelgase und Jod ins Berliner Zentrum getragen werden, bei Ostwind ziehen die radioaktiven Partikel nach Potsdam.

In einem sogenannten Stresstest soll nun geprüft werden, wie viel der Forschungsreaktor aushält. Der Test setzt voraus, dass das derzeit geltende bundesweite Moratorium für Atomkraftwerke von der Bundesregierung auf den Forschungsreaktor ausgedehnt wird. Das ist laut Bundesforschungsministeriums bisher nicht vorgesehen, obwohl der Reaktor wie ein Atomkraftwerk dem Atomgesetz unterliegt.

Da der Forschungsreaktor derzeit wegen Umbauarbeiten außer Betrieb ist, will Daniel Buchholz, umweltpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, die Zeit nutzen, um den Stresstest trotzdem zu ermöglichen. Dabei sollen Szenarien geprüft werden, die bisher nicht in Betracht gezogen wurden: Hochwasser, Erdbeben oder die Auswirkungen einer unter den Mitarbeitern grassierende Pandemie bei einem Notfall. Ebenfalls getestet werden soll, ob ein Terroranschlag durch die Flugrouten wahrscheinlicher werden könnte.

Buchholz hält es für durchaus möglich, dass der Reaktor eine zusätzliche Betonhülle brauchen wird. "Ähnlich wie am zweiten Forschungsreaktor im bayerischen Garmisch, der wegen seiner Nähe zum Münchner Flughafen mit einer 1,80 Meter dicken Betonwand versehen ist."

Gibt es den Stresstest, dann wird der Forschungsreaktor nach den Umbauten nicht wie geplant im Juni den Betrieb wieder aufnehmen. Der Bau einer Betonkuppel über dem Wasserbecken würde die Forschung über Jahre hinweg lahmlegen. Der GAU für die Forscher.

In der an den Reaktor grenzenden Experimentierhalle sieht es zurzeit unübersichtlich aus. Während der Bauarbeiten wurde die Schutzhülle aus Beton und schwarzen Schutzplatten aus Blei, Bor und Kunststoff auseinandergenommen, um das Herzstück der Anlage auszutauschen: den 70 Meter langen Neutronenleiter. Dort werden die im Reaktor produzierten elektronisch neutralen Teilchen durchgeleitet, bis sie am Ende aufgefangen werden.

Seit vergangenem Herbst wird in der Experimentierhalle umgebaut, die Forschungen sind eingestellt, die Brennstäbe ruhen im Abklingbecken. "Sonst sind hier jährlich etwa 400 Wissenschaftler aus der ganzen Welt beschäftigt", sagt die Chemikerin Astrid Brandt. Die Forscher untersuchen hier etwa die Leitfähigkeit von Metallen, um immer kleinere und leistungsfähigere Batterien herstellen zu können. Die Versuche sind wichtig, meint die 47 Jahre alte Wissenschaftlerin: "iPhones und iPads gäbe es ohne unseren Forschungsreaktor nicht."

Zudem würden hier medizinische Geräte getestet, die schon vielen Menschen das Leben gerettet hätten. Die Laufzeit von Batterien in Herzschrittmachern beispielsweise. "Der Neutronenstrahl ermöglicht uns, in die Batterie hineinzusehen, ohne sie zu öffnen." In etwa funktioniere der wie ein Röntgenstrahl, nur wesentlich präziser. "Wir beschießen die Batterie mit Neutronen, die man sich wie winzige Kugeln vorstellen muss. Einige prallen an der Batterie ab, andere hingegen schaffen es zwischen dem Atomgitter der Batterie hindurch", erklärt Astrid Brandt. Daraus ergibt sich dann ein dreidimensionales Bild, wie es kein Mikroskop liefern könne.

Astrid Brandt läuft zu einer kleinen Box neben dem ausgebauten Neutronenleiter in der Experimentierhalle. "Hier untersuchen wir Gemälde." Die Neutronen können die unterschiedlichen Schichten eines Bildes sichtbar machen wie etwa Bleistiftskizzen unter Ölfarbe. So konnte im Helmholtz-Zentrum festgestellt werden, dass das Rembrandt zugeschriebene Gemälde "Mann mit dem Goldhelm" nicht echt ist.

Da im Forschungsreaktor unter extremen Temperaturbedingungen gearbeitet werden kann, ist der Reaktor unter Forschern beliebt. Etwa 70 Prozent der Zeiten an den Experimentierplätzen im Reaktorgebäude vergibt das Helmholtz-Zentrum, das zu 90 Prozent vom Bund und zu zehn Prozent vom Land Berlin finanziert wird, in einem öffentlichen Begutachtungsverfahren an internationale Wissenschaftler.

Die Experimentierhalle ist an diesem Tag jedoch leer. Bis auf die anwesenden Sicherheitsleute. Einer fragt Astrid Brandt nach dem Grund ihres Besuchs in der Experimentierhalle. "Sie sehen, wir sind hier sehr gut bewacht", sagt sie. Ohne polizeiliches Führungszeugnis komme niemand in den Reaktor. Jeder Techniker, jeder Wissenschaftler muss sich namentlich vor Betreten der Halle anmelden und bekommt ein Messgerät ausgehändigt, das bei erhöhten Strahlungswerten Alarm gibt. Handys und Fotokameras sind verboten.

Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen - die Anwohner sind in heller Aufregung. Etwa 150 Anwohner sind zu einer Versammlung gekommen, zu der der SPD-Abgeordnete Holger Thärichen ins Ver.di-Bildungszentrum am Wannsee geladen hat. Rüdiger Mielke etwa, der sich nie vorstellen konnte, auf eine Anti-Atomkraft-Demonstration zu gehen. "Selbst nach Tschernobyl nicht", sagt er. Heute druckt er selbst die Aufkleber mit der roten Sonne: "Atomkraft? Nein danke". Er verteilt sie auf der Versammlung.

Der Helmholtz-Sprecherin Ina Helms bietet Mielke seinen Aufkleber nicht an. Helms, die noch vor der Versammlung von einem guten Verhältnis zur Nachbarschaft sprach, hat jetzt einen schweren Stand. Sie ist hier, weil auch das Helmholtz-Institut über den Reaktor führende Flugrouten ablehnt. Nur offiziell protestiert haben die Forscher bislang nicht. Helms wird von ihren Nachbarn ausgebuht. Auch, weil sie sich schlecht informiert fühlen. Etwa über das Zwischenlager für schwach und mittelstark strahlende radioaktive Abfälle, das dort ebenfalls seit den 70er-Jahren in Betrieb ist. Seither haben sich rund 800 Kubikmeter Atommüll angesammelt, Abfall aus Arztpraxen und Kliniken, wie etwa Kontrastmittel. Wohin damit?

Kernspaltung, Evakuierungspläne, Flugrouten, unbewohnbares Gebiet - und jetzt auch noch ein gefährliches Zwischenlager. Für die Versammlung ist das zu viel. "Wir werden klagen", sagt Rechtsanwalt Vierhaus und meint die Flugrouten. Doch die meisten verstehen das anders. Klagen gegen den Reaktor, gegen das Zwischenlager, gegen das Atom. "Das alles muss weg", ruft Ulrich Schulz.

Es wird lange dauern, bis in Wannsee wieder Ruhe einkehrt.

Hier geht es zur Webseite des Helmholtz-Zentrums in Berlin

Das PDF der 2009 erschienenen Broschüre für Anwohner in Wannsee


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