Exklusive Aussicht

Das Rote Rathaus öffnet seinen Turm

Vom Turm des Roten Rathauses hat man den besten Blick über Berlins historische Mitte. Doch seit mehr als sieben Jahrzehnten ist er für die Öffentlichkeit geschlossen. Morgenpost Online durfte dem Regierenden aufs Dach steigen - samt Kamera.

So sieht nicht einmal Klaus Wowereit auf Berlin. Man muss dem Regierenden schon buchstäblich "aufs Dach steigen", um den spannendsten Blick über die historische Innenstadt zu genießen. Nur: Das ist so gut wie nie möglich. Denn der Turm des Roten Rathauses, mit 91 Metern oder – wie man während des Baus eher sagte: 300 preußischen Fuß – Höhe, ist für die Öffentlichkeit seit Jahrzehnten nicht zugänglich. Die 266 Stufen vom dritten Obergeschoss auf die Höhe des Turmes gelten nicht sicher genug, um Besuchern offen zu stehen. Anlässlich der Ausstellung "Berlins vergessene Mitte – Stadtkern 1840 bis 2010" (Ephraim-Palais, ab 21. Oktober) hat die Stiftung Stadtmuseum eine Ausnahmegenehmigung erwirkt – und Morgenpost Online war mit dem Fotografen Reto Klar dabei.

Von den um 1840 über eineinhalbtausend Gebäuden auf dem Areal zwischen Liebknechtstraße und Fischerkiez, zwischen Stadtbahntrasse und Spreekanal haben nur ein knappes Dutzend die Verwüstungen durch die Modernisierung im Kaiserreich, durch den Zweiten Weltkrieg und den Umbau Berlins zur "sozialistischen Hauptstadt" überstanden. Die meisten von ihnen, die Nikolai- und die Marienkirche, die Kapelle des Heiliggeist-Spitals, das Knoblauch- und das Nikolaihaus etwa, sieht man vom Turm des Roten Rathauses aus einer neuen, ungewohnten Perspektive.

Die Ausstellung, die der Kunsthistoriker Benedikt Goebel kuratiert und die Dominik Bartmann von der Stiftung Stadtmuseum als Projektleiter betreut, wird die verschiedenen Schichten der Berliner Innenstadt in den vergangenen 170 Jahren offenlegen. Goebel setzt ganz auf das Medium der Fotografie, so dass der beginn der Ausstellung ganz selbstverständlich im Jahr 1840 liegt.

Damals nämlich hatte anonymer, experimentierfreudiger Geist die allererste Fotografie mit einem Berliner Motiv hergestellt, nur wenige Monate nach der Erfindung der Daguerreotypie, der ersten Methode, auf chemischem Wege "Lichtbilder" herzustellen. Das Bild zeigt den baufälligen Turm des alten Berliner Rathauses, der kurze Zeit später abgerissen wurde – also des Vorgängerbaus des Roten Rathauses.

Mit hunderten Bilder zeigt Goebel, wie sich der Stadtkern seitdem verändert hat. Denn fast alle seie Quartiere sind restlos verschwunden – die engen Hinterhöfe des östlichen Fischerkiezes ebenso wie die durchaus üppigen Renommierbauten am westlichen Rand der alten Stadt.

Das einst pulsierende Geschäftsviertel rund um die Marienkirche ist einem namenlosen Park rund um den versetzten Neptunbrunnen gewichen. Dieses Areal, das einst als Sichtachse vom Palast der Republik über das Marx-Engels-Forum zum Fernsehturm am Alexanderplatz die DDR repräsentieren sollte, ist zurzeit heftig umstritten. Soll hier eine neue, weitgehend geschlossene Bebauung entstehen, wie etwa der frühere Senatsbaudirektor Hans Stimmann in seinem herausragenden Buch "Berliner Altstadt: Von der DDR-Staatsmitte zur Stadtmitte" (DOM Publishers Berlin. 160 Seiten, 38 Euro) vorschlägt? Oder eine gewaltige Wasserfläche, wie schon Ulbrichts Staatsarchitekten vorschwebte? Die amtierende Senatsbaudirektorin Regula Lüscher präsentierte eine solche Vision Ende vergangenen Jahres als Gestaltungsmöglichkeit.

Vielleicht bringen ja die spannenden Funde bei den laufenden Ausgrabungen vor dem Roten Rathaus den Ausweg aus dem Dilemma: Eine archäologische Passage, die den Millionen Touristen die Ursprünge der Stadt nahe bringt, wäre vielleicht die beste Lösung – kombiniert mit einer lockeren Bebauung, die sich an den parkähnlichen Charakter des Marx-Engels-Forums und des Areals südlich der Marienkirche und des Fernsehturmes anpasst. Das wäre pragmatisch, wenngleich stadtplanerisch ein großer Wurf. Aber unter anspruchsvollen Visionen hat Berlins Stadtkern ohnehin meist mehr gelitten als davon profitiert.

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