Krankenhäuser

Nun steht das Franklin-Klinikum erneut auf der Kippe

Das Benjamin Franklin ist wieder bedroht. Nachdem die Finanzverwaltung bis September ein Finanzkonzept für die Charité gefordert und auch die Kosten für die Sanierung des Standortes in Mitte eingefroren hat, steht erneut das Universitätsklinikum zur Diskussion. FU-Präsident Dieter Lenzen will das Klinikum erhalten – notfalls mit privater Hilfe.

Foto: Marion Hunger

Die Bestürzung steht der Patientin ins Gesicht geschrieben. "Dieses Haus wäre zwar veränderungswürdig, was die Baulichkeiten betrifft. Schließlich entspricht der 60er-Jahre Bau nicht unbedingt modernen Standards. Deshalb muss es aber noch lange nicht geschlossen werden." Die Frau ist aus Strausberg, 76 Jahre alt und Patientin im Universitätsklinikum Benjamin Franklin (UKBF) in Steglitz. Der Status Uni-Klinikum ist ihr wichtig, allein für die Anfahrt im Taxi hat sie 125 Euro ausgegeben. Doch wie es mit dem UKBF und damit auch mit der Charité weitergeht, ist offen. Die Diskussion erregt wieder die Gemüter von Wissenschaft und Politik. Der Grund: Die Senatsverwaltung für Finanzen will die immer höher veranschlagten Sanierungskosten für die Charité nicht tragen und hat bis September ein Finanzierungskonzept und "innovative Ideen" zur Umgestaltung gefordert.

Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität Berlin (FU), ist nun vorgeprescht und hat sich vehement für den Erhalt des Krankenhausstandortes im Süden eingesetzt – notfalls mit privater Hilfe. Sein Ziel: eine mögliche Schließung abwenden – auch wenn davon im Moment niemand redet –, den Uni-Status des Klinikums sichern und damit auch den Exzellenzstandort FU. Offiziell haben Politiker der rot-roten Koalition gestern ihre Solidarität mit dem UKBF bekundet. Dabei war das Klinikum als Forschungs- und Krankenhausstandort schon 2001/2002 in großer Gefahr. Rot-Rot wollten den Uni-Standort in Steglitz aufgeben. Doch nach heftigen Protesten kam die Rettung.

Aber nichts währt ewig, zumal die Charité weiter Verluste macht: 56 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Der Sanierungsbedarf an den drei Standorten soll 600 bis 750 Millionen Euro betragen. Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) sperrte bereits die geplanten Investitionen für das Bettenhochhaus in Mitte von 330 Millionen Euro. Festgelegt sind jetzt Investitionen bis 2013 von rund 195 Millionen Euro – für alle drei Standorte. Und Nußbaum verlangt ein Finanzkonzept, mit dem die Zukunft des Wissenschafts- und Krankenhausverbundes in schwarzen Zahlen gesichert ist.

Aus der Charité-Pressestelle heißt es, ein solches Zukunftskonzept liege vor. Die Finanzverwaltung kontert. "Das ist eine Wunschliste der Charité", so Clemens Teschendorf, Sprecher von Senator Nußbaum. FU-Präsident Lenzen befürchtet, das Durcheinander könne den Standort UKBF wieder in Frage stellen. Deshalb müsse man eine private Beteiligung von 49 Prozent in Steglitz in Erwägung ziehen.

Derweil lobten Patienten das Personal sowie ihre gesundheitliche Versorgung als " uneingeschränkt hervorragend". Die Patientin aus Strausberg schätzt vor allem das "sehr persönliche Verhältnis zwischen Arzt und Patient". Das sei in anderen Krankenhäusern nicht immer der Fall. Die 76-Jährige, die ihren Namen nicht nennen wollte, fürchtet, dass in der Debatte über Schließung oder Teilprivatisierung die herausragende Qualität der Vor- und Nachsorge verloren gehen könnte. Denn die Diskussion schüre auch bei den Beschäftigten die Angst um die Zukunft ihres Arbeitsplatzes. Eine Krankenschwester sagte: "Diese Gerüchte kommen immer wieder auf. Gedanken macht man sich schon." Befürchtungen gibt es auch in dem kleinen Bistro gegenüber. "Wir hoffen, dass der Betrieb weitergeht. Schließlich hängt der eigene Arbeitsplatz daran", sagt eine Verkäuferin.

Vor allem für ältere Menschen aus dem Südwesten Berlins ist der Standort existenziell. Mehrere Patienten betonten, dass es nur noch wenige andere Kliniken gebe, die Erfahrung in der Behandlung ihrer Krankheit hätten. "Es wäre wirklich schade, wenn die Forschung hier eingestellt wird", sagte die Patientin aus Strausberg.

Die rot-rote Landesregierung ist bemüht, die Sorgen zu zerstreuen. "Ziel des Senats und des Aufsichtsrates ist es, die Charité als führendes Universitätsklinikum in Deutschland und Europa weiter auszubauen", sagte Wissenschafts- und Forschungssenator Jürgen Zöllner (SPD).

So habe der Aufsichtsrat der Charité ein Strukturkonzept beschlossen, das auf allen drei Betten führenden Standorten aufbaut. Das bedeutet, dass neben dem UKBF auch das Virchow-Klinikum in Wedding und das Haupthaus in Mitte erhalten werden soll. Voraussetzung sei aber, so Zöllner weiter, dass die einzelnen Standorte sich mit verschiedenen Schwerpunkten profilieren und dass sie verbindlich mit Vivantes zusammenarbeiten.

Doch warum braucht Berlin drei Universitätskliniken?

Die Größe und die Verteilung der Standorte über die Stadt sind nach Ansicht von Zöllner entscheidende Wettbewerbsvorteile. Der Senator bezieht sich auf die medizinische Spitzenversorgung durch das im Vergleich zu anderen Universitätsklinika konkurrenzlos breite Spektrum, zum Beispiel Mehrfachbesetzungen von Fachgebieten. Zöllner hebt auch die wissenschaftlichen und forschungspolitischen Schwerpunkte hervor. Dazu gehören Arzneimitteluntersuchungen und die Bildung von Sonderforschungsbereichen. "Vor diesem Hintergrund hilft die alte Standortdiskussion heute nicht weiter", so Zöllner. "Es muss uns jetzt darum gehen, die Qualität des Medizinstandortes Berlin über eine noch bessere Zusammenarbeit zwischen den landeseigenen Institutionen Charite und Vivantes zu stärken." Doch Zöllner gilt im Senat als geschwächt. Den Druck auf die Charité übt der Finanzsenator aus, er führt die Verhandlungen mit den Klinik-Chefs.

FU-Präsident Lenzen, der vor allen Dingen die Freie Universität stärken will, hat seinen jüngsten Vorstoß nicht mit dem Vorstand der Charité abgesprochen. Entsprechend verschnupft ist das Gremium. "Der Campus Benjamin Franklin ist ein wichtiger Standort der Charité-Universitätsmedizin Berlin und kann nicht der Freien Universität zugeordnet werden", sagte der Ärztliche Direktor Ulrich Frei. Lenzen verkenne die "weit vorangeschrittene Integration und Abstimmung der vier Standorte der Charité", auch übersehe er die "strukturell bedingte Existenzgefährdung einer isolierten Universitätsmedizin im Südwesten". Die Aussagen zeigen deutlich: Das Benjamin Franklin steht im Spannungsfeld zwischen Freier Universität auf der einen und der Charité auf der anderen Seite. Die Zukunft ist auch deswegen ungewiss.

Gemeinsames Labor mit Vivantes

Doch bei allen Irritationen sind Gemeinsamkeiten zu erkennen. So stimmen Charité-Vorstand und FU-Präsident darin überein, dass das Benjamin Franklin ein hervorragender Standort für ein Universitätsklinikum sei. Nur für einen kommunalen Versorger sei es nicht sinnvoll und wirtschaftlich zu betreiben.

Der Charité-Vorstand will in Steglitz einen Schwerpunkt "alternde Bevölkerung" aufbauen und dort die Ausbildung der Studenten verstärken. Sogar eine Kooperation mit Vivantes sei im Süden denkbar, aber nur wenn die Universität dort die Führung behalte.

Lenzen hat nicht nur unter den Charité-Chefs für Irritationen gesorgt. Der FU-Präsident hatte auch vorgeschlagen, dass der Vivantes-Konzern eine seiner zwei Kliniken im Südwesten schließen solle. Bei Vivantes hieß es dazu: "Kein Kommentar!"

Eine Teilprivatisierung des UKBF, wie Lenzen sie fordert, lehnte Finanzsenator Nußbaum gestern ebenso ab wie die Wissenschaftsexperten Lars Oberg (SPD) und Wolfgang Albers (Die Linke). Oberg bezeichnete Lenzens Vorstoß als "absurd". Er löse die strukturellen Probleme der Charité nicht. Eine Zerschlagung der Charité, die von größter Bedeutung für den Wissenschaftsstandort Berlin sei, wäre unverantwortlich, sagte Oberg. "Die SPD steht grundsätzlich für die Privatisierung von Universitäten oder ihrer zentralen Einrichtungen nicht zur Verfügung." Albers nannte die Privatisierungsdebatte "vollkommen überflüssig". Die Charité brauche stattdessen eine Kosten-Nutzen-Analyse für eine "tabulose Strukturdiskussion". Doppelstrukturen müsse man künftig vermeiden. CDU-Wissenschaftssprecher Nicolas Zimmer warnte davor, das Modell mit einem privaten Investor zu verteufeln. Er bekannte sich zu allen drei Hauptstandorten: "Sie sind nötig, weil sie die Funktion einer wohnortnahen Krankenhausversorgung erfüllen. Das müssen wir erhalten."

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