Techno

Was von der Loveparade geblieben ist

Der Berliner Techno-Umzug war einst die größte Party der Welt. Inzwischen ist die Love Parade Geschichte. Ihre Erfinder sind allerdings in Berlin geblieben. Die Nachfolgeveranstaltung lehnen die meisten Techno-Pioniere wie Dr. Motte ab. Nur Westbam hat wieder die passende Hymne komponiert.

Foto: dpa Picture-Alliance / Peer Körner / dpa

"Es war Liebe, es war Sex - es war alles", schwärmt DJ Rok. "Es war die Erfüllung", sagt Dr. Motte, "Es war ein großes Abenteuer", sagt WestBam. "Es war die Ursuppe", sagt Tanith.

Die Rede ist von den Anfangstagen des Techno: Ende des Jahres 1989 treffen sich Ost- und Westberliner auf den Tanzflächen der neuen Clubs. Gefeiert wird jedoch nicht in schicken Discotheken, sondern im stillgelegten Umspannwerk "E-Werk" nahe dem Leipziger Platz oder nur einen Steinwurf entfernt im "Tresor", in der Stahlkammer des ehemaligen Wertheim-Kaufhauses. Dort blättert der Verputz von der Decke, Wasserflecken breiten sich an den Wänden aus, und der Bauschutt türmt sich in den Ecken.

Das Rohe und Unfertige passt perfekt zum neuen Sound. Unendliche Lieder von bis dahin ungehörter Härte. Industrial, House und Acid fließen scheinbar ohne Anfang und Ende ineinander - es gibt keine Ansagen zwischen den Songs mehr. Fünf DJs und Veranstalter machen Berlin zur Hauptstadt des Techno: Dr. Motte, Tanith, Rok, Wolle XDP und WestBam. Sie geben vor, was andere nachleben, entwickeln neue Klänge, eröffnen neue Clubs - und werden selbst zu Stars.

Immer noch ein großer Star

Fast zwei Jahrzehnte später ist WestBam immer noch berühmt. Über eine Million verkaufte Alben, ein halbes Dutzend Top-Ten-Hits und die Teilnahme am Grand-Prix-Vorentscheid zeugen davon. "Wir waren stilbildend", sagt der Musiker heute. Bescheidenheit war noch nie seine Zierde. Der 43-jährige Wahlberliner hat Selbstbewusstsein und Energie zu seinen Markenzeichen gemacht.

Dieses Jahr hat er - wieder einmal - die Hymne für die Loveparade komponiert. Die Party der Liebe findet heute ab 14 Uhr in Dortmund statt. Bis zu einer Million Raver werden erwartet, die, begleitet von 40 Musikwagen, auf der gesperrten Autobahn B 1 tanzen werden.

Möge die in die Jahre gekommene Party in Dortmund gelingen - die wilden Kinder- und Jugendjahre aber verbrachte die Loveparade in Berlin. Hier wurde sie 1989 erfunden. Vor 19 Jahren schenkte Dr. Motte den Techno-Fans der frühen Jahre den Umzug, und alles schien damals perfekt zu sein. "Friede, Freude, Eierkuchen" lautete das Motto, 150 Leute zogen, begleitet von lauter Musik, über den Kurfürstendamm und demonstrierten - auch ihren Lebensstil. Für sie war die Musik Religion. Jedes Wochenende pilgerte die eingeschworene Gemeinde in Clubs, verbrachte dort bis zu 36 Stunden.

Eine tolerante Party-Familie

"Wir waren eine Familie, wo jeder sein konnte, wie er wollte", erinnert sich Dr. Motte. Der DJ und Loveparade-Initiator ist für seine verworrenen Interviews und Ansprachen bekannt, doch wenn der 48-Jährige mit dem schwarzen Kassenbrillengestell von der Gründerzeit spricht, redet er ganz klar, und seine Stimme klingt fast zärtlich.

Als die Mauer im November fällt, wird Techno zum Sound der wiedervereinigten Jugend. Man trifft sich in Clubs wie dem "Ufo", wo man die Hand nicht vor Augen sieht. Das aufflackernde Stroboskop-Licht erhellt die Szenerie nur für Sekunden: Ekstase. Dunkelheit. Klatschnasse Haut. Dunkelheit. Beseelte Schreie, zuckende Körper, die sich zum peitschenden Takt ins Nirvana tanzen. Dunkelheit.

Die Club-Macher, Veranstalter und DJs werden zu Stars. Medien wie "Stern" und "Spiegel" berichten seitenweise über das Phänomen, zu jeder Party kommen mehr Gäste. Bei den "Tekknozid"-Partys von Veranstalter Wolle XDP und Tanith feiern bald 3000 Raver in riesigen Industriehallen im Ostteil der Stadt. Es gibt weder Tische und Stühle noch Bars. Die Raver sollen schließlich tanzen, nicht an der Bar stehen und quatschen. Stroboskoplicht, Lasershows und die Leuchtstäbchen der Gäste waren die einzigen Lichtquellen. "Die Idee war, die Massenekstase zu zelebrieren", sagt Wolle XDP, der sich bei seinen Partys weniger als Unternehmer, sondern mehr als Regisseur gesehen hat.

Ziel war es eigentlich, große Raves zu machen, aber ohne Mainstream. "Das wurde ruiniert", sagt Wolfgang Neugebauer, wie Wolle XDP bürgerlich heißt. Dann folgt ein Monolog: Als "Wolle" 1992 eine "Tekknozid"-Party im XL-Format organisiert, kommt ihm die Riesenveranstaltung "Mayday" zuvor - mit unfairen Mitteln, wie er meint. Die "Mayday" wird zur Institution, "Tekknozid" ist danach Geschichte. Darüber kommt der Veranstalter nur langsam hinweg. "Ich fühlte mich als Verlierer gegenüber der 'Mayday'", sagt der Ostberliner. Noch Jahre später kann er seine Wut und Enttäuschung nur schwer unterdrücken. Er wirkt ein wenig wie einer jener Wendeverlierer, die gutgläubig über den Tisch gezogen worden sind.

Er ist nicht der einzige Held der Pioniertage, der das Nachsehen hatte. DJ Rok arbeitete im "Hardwax", dem damals wichtigsten Plattenladen - europaweit. Viele stilprägende Scheiben waren nur hier erhältlich, und Rok bestimmte, wer sie bekam. Das gab ihm Macht. "Man wusste nie, was einem blühte", gesteht er heute. "Ob man von mir angeschrien, beleidigt, ignoriert wurde oder eine Platte kaufen durfte." Der 45 Jahre alte Muskelmann mit den Tätowierungen grinst bei der Erinnerung an seine Diva-Auftritte.

Tanz auf dem pinkfarbenen Panzer

DJ Tanith hatte bei ihm stets gute Karten, denn der große Schlacks mit seiner Punk-Vergangenheit war nicht nur wegen seines harten, innovativen Sounds der Liebling der Szene. Stets trug er Camouflage-Outfits - Jacken, Hosen oder Basecaps. Sein Markenzeichen sollte später ein Mode-Trend werden. Tanith war immer für eine Inszenierung gut. Bei der Loveparade fuhr er im pinkfarbenen Panzer vor. Der stand auf einem Sattelschlepper, das Militärfahrzeug schien durch die Menge zu schweben. Oben thronte Tanith, mit einem Totenschädel in der Hand. "Ich war vorneweg", sagt der 45-Jährige nicht ganz unbescheiden.

Dennoch kennt die Jugend heute seinen Namen kaum, und auf den Großveranstaltungen wie Loveparade oder Mayday sind er und Rok auch nicht mehr vertreten. Wie kam es dazu? Nach nur vier Jahren war Friede, Freude, Eierkuchen vorbei. Die kleine Hippie-Familie sah sich einem gewaltigen Ansturm gegenüber. "Techno wurde entlehnt und missbraucht", sagt Dimitri Hegemann, einer der Macher vom "Tresor"-Club. Der weißhaarige Mann spricht mit leiser Stimme, Trauer ist darin nicht zu erkennen, denn als Geschäftsmann sah er das Unvermeidliche voraus: den Erfolg.

1,5 Millionen feiern im Tiergarten

WestBam und sein Label "Low Spirit" produzierten Marushas "Somewhere Over The Rainbow" und eroberten mit dem Techno-Pop-Stück die Charts. "Das hatte Techno bisher nicht geleistet, es hat die Gesellschaft gespalten, polarisiert und aufgeregt", sagt WestBam mit Stolz in der Stimme. Plötzlich hörten Studenten mit Lacoste-Shirts die Underground-Musik mit den wummernden Bässen, Mädchen mit blondierten Dauerwellen tauchten in den Keller-Clubs auf, und Techno-Videos liefen auf MTV und Video. "Techno wurde zu einer Jugendbewegung", sagt WestBam.

1999 kommen 1,5 Millionen Besucher zur Siegessäule. Die Straßen sind vom Brandenburger Tor bis zum Ernst-Reuter-Platz schwarz vor Menschenmassen. Selbst auf den Laternen sitzen die Tänzer und wippen im Takt. Die Bilder gehen um die Welt. Doch der Tiergarten wird Monate brauchen, um sich davon zu erholen. Tausende schlafen dort in den Büschen ihren Rausch aus oder verrichten ihre Notdurft in den Rosenbeeten.

Inzwischen ist die Liebesparade zu einer Gelddruckmaschine geworden. "Der Spirit ging verloren", sagt Loveparade-Gründer Dr. Motte, und er klingt verbittert. Trotzdem wendet er sich nicht ab, sondern macht weiter - auch als die Parade 2001 ihren Status als Demonstration verliert und die Veranstalter fortan für die Kosten von Müllentsorgung und Sicherheit selbst aufkommen müssen. Die Gästezahlen sinken, die Veranstalter streiten untereinander und mit dem Senat, die Parade fällt 2004 und 2005 aus und kehrt 2006 einmalig zurück, als McFit als Hauptsponsor einsteigt.

Da hatten sich die Berliner Altvorderen längst abgewendet. Wolle XDP wird zum Kommunikationsberater. Tanith legt zwar noch auf, arbeitet aber überwiegend als Audiobearbeiter und Redakteur. Sein ehemaliger Kollege Rok steht wie er noch ab und zu an den Decks, dreht aber hauptberuflich "erotische Kunstfilme" - auch als Hauptdarsteller.

Dass sie nicht Stars wie ihre Mitstreiter WestBam, Hell oder Sven Väth geworden sind, mit dicken Bankkonten und weltweiten Auftritten, scheint keinen der inzwischen ergrauten Herren zu grämen. "Ich bereue nichts", sagt Tanith. "Ich wollte nie einem großen Publikum gefallen, sondern mein Ding machen." Als einziger würde Dr. Motte heute anders agieren. "Ich würde alles mit Rechtsanwalt machen", sagt er. Man sieht ihm an, dass er eine harte Lektion lernen musste. Mit der heutigen Techno-Welt kann er nicht viel anfangen. "Immer das gleiche Gefrickel, als ob sie Angst vor einer Bassdrum hätten", sagt er über den aktuellen Musikstil namens "Minimal Techno" und klingt wie ein alter Herr, der die Jugend nicht mehr versteht.

Berlin fehlt die Loveparade nicht

Doch Dr. Motte muss seinen Platz in der Szene wieder finden, denn er hat alle seine Loveparade-Anteile an Sponsor McFit verkauft und verdient seinen Unterhalt nun mit Auflegen. Dass die Loveparade jetzt im Ruhrgebiet stattfindet, macht ihn traurig. "Das ist doch nur noch eine Marketingplattform", sagt er, und als er weiterspricht, zittert seine Stimme vor unterdrückter Wut.

"Der Parade fehlt Berlin, aber Berlin fehlt die Loveparade nicht", sagt WestBam. Der Produzent bringt es auf den Punkt, denn längst hat sich die Hauptstadt weltweit einen Namen als Party-Hochburg gemacht. Die aktuellen Techno-Stars wie Richie Hawtin oder Ricardo Villalobos sind an die Spree gezogen, und in Clubs wie Berghain, Watergate oder Bar 25 entstehen neue musikalische Impulse. "Die Touristen kommen auch ohne Parade", bestätigt Christian Tänzler, Pressesprecher der Berlin Tourismus Marketing GmbH.

Die Pioniere des Techno wissen aber: Von ihrem Spirit ist etwas übrig geblieben. Wolle XDP spricht aus, was viele von ihnen denken. "Es war damals wie eine Kernfusion", sagt er. "Und nach der Explosion entfalten die Funken immer noch unsere Energie."

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