60 Jahre Luftbrücke

Wie die Sowjetunion Berlin als Geisel nahm

Am 24. Juni 1948 machte die Sowjetunion die Sektorengrenzen dicht - Berlin war eine Insel, ohne Strom, ohne Zugverbindungen, ohne Warenverkehr von außen. Wenige Tage später startete die Luftbrücke. Berlin wurde aus der Luft versorgt, elf Monate lang.

Kann man eine Stadt als Geisel nehmen? Natürlich – davon zeugen unzählige Belagerungen in der Weltgeschichte. Aber dass man auch eine dreiviertel Stadt in Geiselhaft nehmen könnte, vermochte sich niemand vorzustellen. Bis zum 24. Juni 1948, dem Beginn der elfmonatigen Blockade West-Berlins. In der Nacht zu jenem Donnerstag vor 60 Jahren stellten die Sowjets die Stromversorgung der westlichen Sektoren der ehemaligen Reichshauptstadt ab. Am nächsten Morgen wurden der Güterzugverkehr und die Binnenschifffahrt unterbrochen sowie die Fernstraßen nach Hamburg, Hannover und Nürnberg. Den Grund gab eine scheinbar unverdächtige Meldung an, die der "Allgemeine Deutsche Nachrichtendienst" nur kurz zuvor herausgab.

Die von der SED beherrschte Agentur teilte mit: "Die Transportabteilung der sowjetischen Militärverwaltung sah sich gezwungen, aufgrund technischer Schwierigkeiten den Verkehr aller Güter- und Personenzüge von und nach Berlin morgen früh, sechs Uhr, einzustellen."

Für die folgenden 322 Tage, bis zum 12. Mai 1949, war der Waren- und Personenverkehr von Westdeutschland in die westlichen Sektoren Berlins unterbunden. Die Blockade sollte als die "erste Schlacht des Kalten Krieges bekannt werden. Denn die USA, Großbritannien und Frankreich entschieden sich, in einer einzigartigen Kraftanstrengungen nicht nur ihre eigenen Truppen in der eingekreisten Teilstadt per Flugzeug zu versorgen, sondern die rund zwei Millionen Einwohner ihrer Sektoren gleich mit.

Die Luftbrücke dauerte sogar noch bis über das offizielle Ende der Blockade hinaus bis in den Herbst 1949 an. Bei etwa 280.000 Flügen wurden mehr als zwei Millionen Tonnen Fracht eingeflogen. Es war die größte Hilfsaktion aller Zeiten. Die "New York Times" brachte es am 4. Juli 1948 auf den Punkt: "Eine Luftbrücke ist ein kostspieliger Weg zur Versorgung Berlins. Aber in einem Notstand fragt man in unserem Land, dessen Bürger man ,Geldjäger' oder ,dollargierig' schimpft, nicht nach den Kosten. Wir fragen nur: ,Was wird gebraucht?' Und wenn wir die Antwort haben, heißt es: ,Okay, dann mal los.'"

Zum 60. Mal jährt sich am 26. Juni 2008 der Beginn der Blockade und der Versorgung West-Berlins aus der Luft. Es wird wohl das letzte "runde" Jubiläum sein, zu dem noch Veteranen der Luftbrücke anreisen können. Das Alliiertenmuseum an der Clayallee, das an die Bedeutung der Schutzmächte für West-Berlins Freiheit erinnert, eröffnet eine Sonderausstellung, die den Machern der Luftbrücke gewidmet ist – den britischen, französischen und US-Soldaten, den vielen Zivilisten aus den drei Ländern, aber auch den westdeutschen Helfern und natürlich den West-Berliner.

Auch wenn die drei West-Sektoren vom Umland und dem sowjetischen Sektor keineswegs komplett abgesperrt waren, es zwar Kontrollen gab, aber keine Zäune oder gar Mauern wie nach 1961, setzten die Sowjets und ihre deutschen Handlanger in der SED die West-Berliner massiv unter Druck. Ziel war, die Alliierten zum Abzug zu zwingen – indem sie die Alliierten aushungerten oder indem die Bevölkerung gegen sie aufgehetzt wurde.

Beides misslang – dank der Standhaftigkeit einiger alliierter Spitzenoffiziere, dem ungeheuren Engagement ungezählter Piloten, Mechaniker und Logistik-Experten sowie der Unterstützung durch das amerikanische, vor allem aber durch das vom Krieg ungleich mehr geschädigte britische und französische Volk. Und dank des Durchhaltewillens der West-Berliner, die Stalins Erpressung sofort durchschauten.

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