05.04.2010, 19:30

Berliner Rockerkrieg Hells Angels und Bandidos schließen Waffenruhe

Von Michael Behrendt

Die verfeindeten Rockerclubs wollen einen Monat lang auf gegenseitige Angriffe verzichten. Ein entsprechendes Abkommen soll bundesweit gelten, wie Morgenpost Online aus Sicherheitskreisen erfuhr. Doch in Berlin bleibt die Polizei - aufgrund der besonderen Situation - skeptisch.

Die Berliner Polizei hofft auf eine Entspannung im Rockerkrieg. Grund dafür ist ein am 21. März bundesweit auf Führungsebene vereinbarter Waffenstillstand zwischen den verfeindeten Hells Angels und den Bandidos sowie deren unterstützenden Motorradclubs. Das erfuhr Morgenpost Online aus ranghohen Berliner Sicherheitskreisen. Doch obwohl das Abkommen auch in Berlin gelten soll und deshalb für den verabredeten Zeitraum nicht mit Attacken gegeneinander gerechnet wird, seien bei zufälligen Treffen bewaffnete Kämpfe sehr wahrscheinlich. Die Polizei geht davon aus, dass diese auch mit Schusswaffen ausgetragen werden könnten.

Der Übertritt der Bandidos MC Berlin Centro mit knapp 80 Männern zu den verhassten Hells Angels – sie nennen sich jetzt Hells Angels Nomads Türkiye – hatte den Nährboden für blutige Racheakte geschaffen. Nicht nur, dass dieser in der Geschichte der Rockerclubs einmalige Vorgang gegen alle Regeln und Ehrbegriffe verstößt. Auch der immense Ansehensverlust der Bandidos und die damit verbundenen Auswirkungen auf kriminelle Geschäfte haben die Polizei noch intensiver als sonst auf den Plan gerufen und die Sicherheitsvorkehrungen der auch "Höllenengel" und "Banditen" genannten Bruderschaften verschärft. So wurden die Wachen vor den Anschriften der Clubheime verstärkt. Zudem verzeichnen eingesetzte Polizisten vermehrt "passive Bewaffnung" bei Kontrollen. "Viele Rocker tragen Schusswesten und Körperschutzprotektoren", so ein Beamter. "Zudem beschlagnahmen wir immer wieder Messer und verschiedenste Schlagwerkzeuge." Gemeint sind Axtstiele, Baseballschläger, Teleskopschlagstöcke.

Lebensgefährliche Attacken

Wie ernst die Situation ist, zeigen die Ereignisse der letzten Wochen. So wurde Anfang April ein Mitglied des Rockerclubs "Comodin El Norte" – ein Unterstützer-Verein der Bandidos – mit Stichen im Oberschenkel ins Krankenhaus transportiert. Bei der Überprüfung von 15 "Brüdern", die den Mann nach dessen Behandlung abholen wollten, wurden von Einsatzkräften mehr als 20 "gefährliche Gegenstände" wie Quarzhandschuhe, Schlaginstrumente und Reizgassprays entdeckt und sichergestellt. Auch deshalb kam es wenige Tage später zu einer Polizeiaktion im Clubhaus der Bandidos MC "Eastgate" an der Weddinger Provinzstraße. Die Fundstücke dort waren brisanter – eine scharfe Pistole sowie drei Schießkugelschreiber samt Munition.

Ermittler hatten befürchtet, dass die Bandidos ihren Machtverlust durch exemplarische Taten wettmachen würden. Tatsächlich stürmten am 14. März bis zu 15 Vermummte in ein Lokal an der Gustav-Adolf-Straße in Weißensee und attackierten mehrere Gäste mit Macheten und Totschlägern. Bei diesen handelte es sich um Unterstützer der zu den Hells Angels übergelaufenen Bandidos. Mehrere wurden nach Informationen von Morgenpost Online lebensgefährlich verletzt. Zwei ebenfalls leicht beziehungsweise schwer verletzte Täter wurden als Supporter der Bandidos identifiziert.

Gewaltsame Rache

Die Rache folgte auf dem Fuß: Drei Tage später schleuderten Unbekannte eine Brandbombe gegen das Clubhaus der "Bandidos MC Berlin City" an der Quickborner Straße in Reinickendorf. Pistolengeschosse durchschlugen zudem die Scheiben. Wie durch ein Wunder wurden dahinter sitzende Rocker nicht getroffen. Eine Nacht später feuerten erneut Unbekannte auf das Clubheim des "Harami MC" an der Koloniestraße in Wedding – dieser Verein unterstützt ebenfalls die Bandidos. Wiederum eine Nacht später wurden Brandsätze gegen die Unterkunft des "Bandidos MC Eastgate" an der Provinzstraße in Wedding geworfen. Am folgenden Wochenende wurde für einen Monat der bundesweite Waffenstillstand vereinbart. Bereits vor eineinhalb Jahren hatte es ein solches Abkommen gegeben, es wurde aber bereits nach sechs Monaten aufgekündigt.

Dass es jetzt halten soll, wird in Ermittlerkreisen für unrealistisch erachtet. "Es bedarf nur eines Rockers, der einen Rivalen attackiert und schwer verletzt, um die Situation erneut eskalieren zu lassen", so ein Beamter. Der in Fahnenflucht geendete Verrat der 80 Bandidos habe einen so tiefen Schmiss hinterlassen, dass kein Frieden zwischen den Rockerclubs möglich sei.

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