Kriminalität

Dealer verlegen Drogenhandel in "Kulturhäuser"

Vereinsheime in Berlin dienen nicht nur dem kulturellen Austausch. Hier werden auch immer öfter im großen Stil Drogen umgeschlagen. Die Ermittler kennen das Phänomen, aber ihr Einsatz gleicht einem Kampf gegen Windmühlenflügel.

In Berlin werden immer mehr Vereinsheime als Drogenumschlagplätze genutzt. Lokale, die von Betreibern mit Migrationshintergrund eröffnet wurden und angeblich dem "Kulturaustausch" dienen, haben sich in mehreren Bezirken zu Schwerpunkten der Rauschgiftkriminalität entwickelt.

Offiziell liegen der Polizei Erkenntnisse zu elf Vereinsheimen in der Stadt vor. Tendenz steigend. Drei Lokale wurden in den vergangenen sechs Monaten von den Beamten bereits geschlossen. Ermittler aus mehreren Direktionen gehen jedoch davon aus, dass in mindestens 50 weiteren Vereinsobjekten regelmäßig mit Drogen gehandelt wird.

Auf den ersten Blick scheinen die Vereinsheime in Bezirken wie Kreuzberg, Neukölln, Schöneberg, Wedding oder Moabit harmlos. "Dort sitzen ältere Männer an den Tischen und spielen Karten. Andere schauen Fernsehen, rauchen Schischa oder trinken Tee", sagt ein Zivilbeamter der Direktion 5.

Der Drogenverkauf gehe wortlos über die Bühne: Ein Passant betritt das Lokal und gestikuliert in Richtung einer Kontaktperson. "Dabei wird zumeist durch das Zeigen der Finger signalisiert, wie viel Drogenpäckchen gekauft werden sollen", so der Beamte. Die Kontaktperson verständige per Handy einen sogenannten Läufer, der einen Drogenbunker aufsuche. Er überbringe die Ware, und der Passant sei nach wenigen Minuten wieder an der frischen Luft und mische sich unter die Leute.

Die Erfahrung zeige, dass die Vereinsheime selbst "fast immer sauber" seien. "Die Drogen werden in angrenzenden Wohnungen, Kellern, Verschlägen, Nebenhäusern oder in Fahrzeugen gelagert", sagt der Zivilbeamte aus Kreuzberg.

Das Phänomen "Vereinsheime und Handel mit Betäubungsmitteln" ist der Berliner Polizei seit dem vergangenen Frühjahr bekannt. "In der Zeit davor lag unser Fokus vor allem auf dem Drogenhandel im Bereich des öffentlichen Personennahverkehrs", sagt ein hochrangiger Beamter aus dem Polizeipräsidium. Dort mische aber seit einiger Zeit vorrangig das Landeskriminalamt mit seinen Spezialkommissariaten die Szene gehörig auf. Die Beamten in den Direktionen konnten somit ihren Blickwinkel auf andere Handelsplätze erweitern – mit Erfolg.

"Täter fast immer Türken"

"Bei den Tätern handelt es sich fast immer um Türken, oft Mitglieder der bekannten Großfamilien, in wenigen Ausnahmen auch Araber", sagt ein Beamter des Streifendienstes "Verbrechensbekämpfung" aus der Direktion 3. Der Drogenhandel in den "Kulturhäusern" sei in seinem Abschnitt bandenmäßig strukturiert, "an der Schwelle zur organisierten Kriminalität". Vor allem mit Cannabis werde in den Vereinshäusern gedealt. "Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz sind letztlich aber Kontrolldelikte", so der Zivilpolizist. "Um den Handel in allen Vereinsheimen wasserdicht nachzuweisen, brauchen wir deutlich mehr Personal." Soll eine Schließung des Lokals nach Polizeirecht erzwungen werden, müsse man die Straftaten in ihrer Häufung penibel dokumentieren. "Dies erfordert umfassende und langwierige Vorermittlungen", sagt Frank Millert, Sprecher der Polizei.

In der Regel streiten die Chefs der Vereine ab, von den kriminellen Geschäften ihrer Gäste und Mitglieder gewusst zu haben. "Doch aus den Ermittlungen wissen wir, dass viele dieser Vereine nur gegründet wurden, um unter dem Deckmantel 'Verein' und 'deutsches Vereinsrecht' in den eigenen Räumen mit Drogen zu handeln", so ein Ermittler aus Neukölln. "Was wir nach einer Schließung nämlich nicht verhindern können, ist, dass diese Vereine um die Ecke oder eine Straße weiter wieder aufmachen. Manchmal sogar unter dem gleichen Namen. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen."

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