Berliner Sozialstruktur

Deutschlands armer Hauptstadt droht die Spaltung

Die Lage hat sich in vielen Berliner Kiezen verschlechtert. Das haben jetzt die Daten des neuen Sozialstrukturatlas bestätigt. Doch dem rot-roten Senat fehlt eine entschlossene Strategie, um die soziale Spaltung der Stadt aufzuhalten.

Kidir (11) und Ibrahim (16) laufen auf selbst gebauten Stelzen über die verkehrsberuhigte Straße vor dem Jugendzentrum. Andere Kinder spielen Beachvolleyball oder basteln bunte Figuren, die das Haus schmücken. Nebenan toben die Kleinsten auf dem Spielplatz. Gegenüber im Schulhaus glänzt die frisch gestrichene Cafeteria. Ali, 11, büffelt Mathematik. Das Kinder-Idyll heißt Campus Rütli.

Vor drei Jahren, als die Lehrer die Auflösung der dortigen Hauptschule verlangten, wurde der Name des Schweizer Bergrückens zum Inbegriff für gescheiterte Integration und Bildungsnotstand in Deutschland. Jetzt wird in Nordneukölln exemplarisch erprobt, wie man mit viel Geld und Bildung einen Problemkiez im Niveau anheben kann.

Ein Beispiel tut Not. Denn die Lage hat sich in vielen Berliner Kiezen verschlechtert. Das haben jetzt die Daten des neuen Sozialstrukturatlas bestätigt. Jedoch vermisst nicht nur die Opposition im Abgeordnetenhaus ein entschlossenes Handeln vom rot-roten Senat, das der Analyse folgen müsste.

Medienwirksame Katastrophe

Wie es vielleicht gehen kann, ist auf dem Campus Rütli zu besichtigen. Auf 25 Millionen Euro schätzt Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) die Investitionen dort, für eine neue Grundschule, eine große Stadtteilhalle, ein Werkstattgebäude und den Ausbau der Schule zur Gemeinschaftsschule. Von der Beratung für Schwangere und junge Mütter über Kita, Grundschule, Gemeinschaftsschule bis zur Vorbereitung auf die Lehre sollen hier für bildungsferne Migrantenkinder die Übergänge "barrierefrei geebnet werden", erklärt Projektleiter Klaus Lehnert. Dann kämen auch mehr Schüler als bisher zum Abitur.

"Der Rütli-Campus ist unser Laboratorium", sagt Buschkowsky. "Ob es klappt, wissen wir in fünf bis sieben Jahren." Aber offenbar bedarf es erst einer medienwirksam ausgeschlachteten Katastrophe, damit die Politik das Problem in Berlins deklassierten Stadtteilen wirklich angeht. Dass sich die Lage in vielen Kiezen verschärft oder zumindest nicht bessert, haben die beiden Senatorinnen Heidi Knake-Werner und Katrin Lompscher (beide Linke) in dieser Woche vorgetragen, als sie die umfangreiche Datensammlung des Sozialstrukturatlas präsentierten.

Sie stellten fest, dass der Abstand zwischen den guten Vierteln wie Dahlem und den abgeschlagenen Stadtteilen wie Rollberg in Neukölln, Soldiner Kiez in Gesundbrunnen oder Oranienplatz in Kreuzberg größer geworden ist. Die Armut in Berlin habe auch wegen Hartz IV zugenommen. In den Bezirken Mitte und Neukölln sei die Situation besorgniserregend, dort habe sich die "hohe soziale Belastung offenbar verfestigt".

So auch rund um die Rütli-Schule. Der Reuterkiez belegt von den 417 in dem Sozialatlas benannten Kiezen den 370. Rang. Viele Menschen nicht deutscher Herkunft leben dort, viele Kinder, viele Menschen ohne Berufsabschluss und viele Hartz-IV-Empfänger. 90 Prozent der Berliner wohnen in besseren Gegenden als die Stelzenläufer Kidir und Ibrahim. Aber während in Rütli investiert wird, steht der Senat in anderen Kiezen einigermaßen ratlos vor dem Abwärtstrend oder der Stagnation auf niedrigem Niveau. Etwas hilflos sprechen Lompscher und Knake-Werner davon, "ein Netz von Stadtteil- und Nachbarschaftszentren" zu schaffen, damit "Armut nicht zur Ausgrenzung und Isolation führt".

Dennoch kritisieren Stadtsoziologen wie Hartmut Häußermann oder Kommunalpolitiker wie Mittes Bezirksbürgermeister Christian Hanke, dass die Erkenntnisse aus der Datensammlung nicht zu einer Konzentration auf die wahren Probleme führen. Immer wieder weist SPD-Landesvize Hanke daraufhin, dass die Lage in weiten Teilen Weddings und Tiergartens schlimmer sei als in Neukölln. Aber der Brandbrief der Schulleiter aus seinem Bezirk hat anders als der Hilferuf der Rütli-Lehrer bisher keine Änderung der Lage erbracht.

Die Trägheit der Politik beobachtet seit Jahren auch Oswald Menninger, einer der sozialpolitischen Vordenker der Stadt. Der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes reagierte auf die Präsentation des Sozialatlas mit den Worten: "Das Gleiche habe ich schon vor fünf Jahren gehört."

Der Verbandsmanager drängt die Politik seit Jahren, ein völlig neues Steuerungsmodell für Sozialausgaben einzuführen, das vereinfacht so aussieht: Die Landespolitik stellt für Jugendhilfe eine feste Summe Geldes bereit, über die sich die Parteien politisch einigen müssen. Dieses Geld wird dann nach festen Indikatoren wie Anzahl der Kinder in einem Gebiet, Migrantenanteil oder Armut auf die Kieze verteilt. Dort müssen die Jugendhilfsorganisationen mit dem Geld Jugendzentren und Mädchentreffs ebenso bezahlen wie Familienhelfer, Heimunterbringung und andere Reparaturmaßnahmen, die als "Hilfen zur Erziehung" firmieren. Auf solche Leistungen haben Familien und Kinder einen individuellen Anspruch. Die Kosten sind in Berlin zuletzt explodiert.

Bisher werde sehr viel Geld zur Beseitigung von Problemen investiert, während die Politik die Mittel gerade oft dort kürze, wo Angebote wie etwa Jugendzentren präventiv bei der Problembekämpfung wirken können. In seinem Modell würde Geld "zielgerichtet dorthin fließen, wo Probleme sind", beschreibt der Sozialmanager das Ziel.

Ähnlich möchten private Organisationen die Schulen nach vorn bringen. Die Eltern sollen im Modell von "Bürgerschulen" Bildungsgutscheine erhalten, ähnlich wie es heute schon für die Kitas üblich ist. Diese Scheine können Eltern bei staatlichen und privaten Kitas einlösen. Eltern mit schlechten Startchancen könnten unabhängig vom Wohnort mehr Gutscheine bekommen als gutbürgerliche Familien, sodass auch sie sich Musikkurse oder Nachhilfe leisten könnten.

Hilfe für Brennpunkt-Schulen

Damit hätten Schulen in Brennpunkten mehr Geld, das sie eigenständig einsetzen könnten, um die Kinder besser individuell zu fördern. Dann wären solche Problemzonen auch für Privatschulen interessant. "Die Behörden müssten dabei aber Macht abgeben", benennt Menninger eine wesentliche Hürde. Insgesamt sei Berlin weniger handlungsfähig als andere Kommunen. Ein entschlossenes Eingreifen an den echten Brennpunkten werde immer wieder durch Interessengegensätze zwischen Bezirken und Senatsverwaltungen behindert: "Es sind in Berlin einfach zu viele Ebenen eingebunden", klagt der Experte: "Darum geht alles viel zu langsam."

Das sieht auch Heinz Buschkowsky so. "Alle sind ganz betroffen, wenn sie wieder mal neue Daten erhoben haben", lästert Neuköllns Bürgermeister. Dabei sei die Palette der Instrumente bekannt: Ganztagsschulen, Schulstationen, Kindergartenpflicht, individuelle Ansprache der Problemfamilien. "Aber ich mache mir wenig Hoffnung, dass der Betroffenheit die richtigen Maßnahmen folgen."

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