Ungewöhnliches Projekt

Berlin-Werbung ohne aufgesetztes Lächeln

Der Berliner Fotograf Hannes Caspar knipst immer sonntags Gesichter. Nur die Partie zwischen Stirn und Schulteransatz. Lächeln ist dabei nicht erwünscht, und aufgesetzt darf der Ausdruck auch nicht wirken. Denn schließlich soll das Porträt Berlin repräsentieren. "Facity" ist das Gegenstück zur offiziellen Werbekampagne "be Berlin".

Gegen ein Uhr am Sonntagmittag bittet der Fotograf Hannes Caspar das Model in sein Schlafzimmer. Weil die Sonne scheint, leuchten Wände, Parkett und die weiße Decke auf dem Bett grell. Eine Pflanze und eine Lampe in Form eines "h" - mehr steht nicht in dem Schlafzimmer.

Die Tür wird geschlossen und Hannes Caspar knipst bis zu zwanzig Fotos vom Gesicht des Models. Nur die Partie zwischen Stirn und Schulteransatz. Dabei sagt er kein einziges Mal: "Bitte Lächeln". Eher: "Einfach normal schauen." Das Gesicht dürfe nicht aufgesetzt wirken. Es soll schließlich Berlin repräsentieren.

Der Name dieses ungewöhnlichen Projekts ist Programm: "Facity" will an jedem Tag im Internet ein neues Berliner Gesicht vorstellen. Die Idee dazu hatte Kerem Ergün, der beruflich Formate für Fernsehsender und Medienunternehmen entwickelt. Der 31-Jährige kennt Hannes Caspar noch aus dem Kindergarten und hat das Projekt deshalb mit ihm gemeinsam umgesetzt. "Wir wollen durch die Gesichter die Stadt sichtbar machen", sagt Ergün. Außerdem wollen sie der Stadt-Imagekampagne "be Berlin" etwas entgegensetzen - ohne Schnörkel, Schmuck und ein aufgesetztes Lächeln.

Dafür laden sie jeden Sonntag Menschen in die Wohnung von Hannes Caspar in Mitte. Immer ab 12 Uhr klingelt der schnarrende Summton unablässig und einer von beiden sagt dann: "Komm in den Hinterhof und ich winke dann vom Fenster aus." Schon das lässt den Eindruck entstehen, man kenne sich schon sehr lange. Wer dann mit einer Tasse Kaffee oder Tee in der kleinen Küche steht, fühlt sich wie bei alten Freunden. Dafür sorgen auch die Leute, die sonntags vorbeischauen, nur um einfach dabei zu sein - obwohl sie längst fotografiert wurden.

Eine von ihnen ist Jana. Die 23-Jährige ist mit den Facity-Gründern schon länger befreundet und man merkt ihr an, dass sie stolz ist, die erste gewesen zu sein, deren Gesicht online gestellt wurde, damals am 1. November. Seitdem hat sie schon viele Sonntage in Hannes Caspars Küche miterlebt und zusammen mit Kerem Ergün die Gäste betreut. "Für mich geht es hier auch um die Gemeinschaft, die entsteht", sagt sie. Sie habe schon häufig an diesen Vormittagen sehr interessante Menschen kennen gelernt.

So erzählte in dieser Küche auf der Schwedter Straße eine Domina aus ihrem Arbeitsalltag, erklärte ein Fleischer, wie er seine rechte Hand verlor und ein DJ, warum er solche Augenringe hat. "Diese dunklen Flecke unter den Augen nennen wir auch den Sonntagseffekt", sagt Kerem Ergün. Viele würden am Abend davor ausgehen. Auf eine Bearbeitung der Fotos verzichtet das Facity-Team. Authentisch soll es sein. Typisch Berlin eben. "Ein bisschen geht es bei diesem Projekt schon um Eitelkeit", sagt Jana, die Erst-Fotografierte. "Einige schminken sich sehr stark, andere gehen extra wegen des Termins vorher früh schlafen." Viele nutzen diesen Termin auch, um für sich einfach ein schönes Foto zu haben, dass sie für ihr Profil bei StudiVZ, Facebook oder Xing nutzen können. Schließlich ist Hannes Caspar professioneller Fotograf. Die Fotos kosten nichts: typisch Berlin.

Dass das Shooting in Caspars Schlafzimmer stattfindet, störte bisher niemanden. "Von mir hat sich noch niemand bedroht gefühlt", sagt Hannes Caspar. "Vielleicht ist es ein Vorteil, dass die Fotos in meiner Wohnung gemacht werden", sagt er. "Die Atmosphäre ist gleich familiärer." So fällt das auch Ausfüllen des Fragebogens leichter - auch wenn jeder die Antworten später ändern kann. Wem fällt schon spontan etwas auf die Frage ein: "Mal angenommen, B.E.R.L.I.N. ist eine Abkürzung. Wofür steht sie?" Dass sich das Nachdenken lohnt, zeigen Antworten wie diese: "Bis Einer Reicht Lebe Ich Nymphoman."

Gesichter im Internet: www.facity.com

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