Berliner Verkehrsbetriebe

Nachts geht die neue Straßenbahn heimlich auf Tour

Die Berliner Verkehrsbetriebe sollen bei der neuen Tram "Flexity" an nichts gespart haben. Viel mehr wurde offiziell bislang nicht verraten. Erst am Freitag soll die Super-Straßenbahn als große Überraschung präsentiert werden. Doch einiges ist schon durchgesickert. Die letzten Geheimnisse lüftet Morgenpost Online.

Foto: Bodo Schulz

Die Chinesen waren unzufrieden – außerordentlich unzufrieden. Die Bahnbauer von Bombardier hatten den Stadtoberen der südchinesischen Millionenstadt Guangzhou Pläne für eine neue Metro vorgelegt. Doch die Funktionäre rümpften die Nase über das Design und schickten eine Delegation nach Berlin, um vor Ort auf neue Entwürfe zu drängen. Die Berliner Straßenbahn löste schließlich das Problem. Frau Bürgermeister, die mit nach Deutschland gereist war, entdeckte beim Besuch des Bombardierwerks in Hennigsdorf in einer der Hallen eine Berliner Tram. "Gelb, herrlich gelb. So muss eine Stadtbahn aussehen", schwärmte die Gattin des Stadtoberhaupts.

Seither gibt es in Guangzhou nach Berliner Vorbild eine gelbe Metro. Und was passieren wird, wenn Gäste aus Fernost erst die neue Berliner Straßenbahn sehen, kann man sich ausmalen. Denn das alte Modell, die gelbe und ebenfalls von Bombardier gebaute Tram vom Typ GT6N war zwar "funktional, aber handelsüblich", wie Bahnbauer sagen. Die neue Straßenbahn dagegen wurde in jahrelanger Kleinarbeit speziell für die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) entwickelt.

Absolute Nachrichtensperre bis Freitag

Zwar gibt es keine Tram von der Stange, doch eine komplette Neuentwicklung ist eine Schienensensation. Nach zwei Jahren Planung ist schließlich der Prototyp für einen Hightechzug herausgekommen, einmalig im Design und an Komfort kaum zu überbieten – eine Supertram. "So viel Aufwand bei der Entwicklung einer Straßenbahn und das Engagement des Auftraggebers dabei sind außergewöhnlich. Die BVG hat an nichts gespart", sagt ein Bombardier-Manager. Mehr will und kann er nicht preisgeben. An diesem Freitag soll die neue "Flexity Berlin" erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Bis dahin herrscht absolute Nachrichtensperre. "Es soll eine Überraschung für die Berliner werden", sagt BVG-Sprecherin Petra Reetz. Die neue Flexity sei schließlich mehr als eine gewöhnliche Tram: "Das ist ein ICE für die Stadt", verspricht sie.

Und das ist nicht übertrieben, nur das mit der Überraschung wird nicht hinhauen. Einiges über die Supertram ist schon durchgesickert, die letzten Geheimnisse lüftet nun dieser Text.

Seit Tagen liefert sich die BVG mit Bahnfans ein Versteckspiel in der Stadt, um das "gelbe Wunder" vor neugierigen Blicken abzuschirmen. Dienstagmorgen vergangene Woche wurde die Straßenbahn per Tieflader vom Bombardier-Werk in Bautzen nach Berlin transportiert. Morgens um vier Uhr, um möglichst unbemerkt zu bleiben. Kopf und Hinterteil der "Flexity" waren verhüllt. Wie ein Superstar, der nicht erkannt werden will, reiste die Bahn nach Berlin.

Trotzdem hätten einige Tramfans sie abgepasst, denn Details der Route waren zuvor bekannt geworden. Doch nach einem Unfall auf der Autobahn änderte die Polizei die Route des Schwertransports. So kam die Bahn dann doch ungesehen in die Hauptstadt.

Dort steht sie nun auf dem Betriebshof der BVG an der Landsberger Allee in Marzahn – tagsüber verborgen in einer Halle, bisweilen sogar durch eine Folie abgedeckt. Nachts aber geht die "Flexity" heimlich auf Tour. "Das sind Testfahrten ohne Passagiere. An Bord befinden sich nur die Techniker", sagt BVG-Sprecherin Petra Reetz.

Ohne langwierige Prüfung durch die technische Aufsichtsbehörde (TAB) gibt es keine Zulassung, und die TAB kann so lange und ausführlich testen, wie sie will. Ganz unbemerkt sind die nächtlichen Ausflüge nicht geblieben, erste Fotos der Bahn machen schon die Runde.

Aufwändige Tests sind üblich bei neuen Cityzügen, doch das Berliner Straßenbahnnetz ist eine besondere Herausforderung. Im Gegensatz zur aktuellen Bombardier-Tram oder den in den achtziger Jahren im Ostteil der Stadt angeschafften Tatra-Zügen sind die neuen Fahrzeuge hundertprozentige Niederflurwagen. Das erleichtert das Einsteigen, denn es gibt keine Stufen mehr. Bei "Bergfahrten" kann es jedoch Probleme geben, die Bahn könnte schlimmstenfalls aufsitzen.

Solch ein Szenario scheint nicht ganz auszuschließen zu sein. "Berlin ist hügeliger, als man denkt", sagt Petra Reetz. Auch die Berliner Kurven haben es in sich, bisweilen müssen die Wagen fast im rechten Winkel abbiegen. Knotenpunkte wie die Trassen am Hackeschen Markt sind schon jetzt gefürchtete Nadelöhre. Und da die neue Bahn mit 40 Metern deutlich länger als die derzeitigen Modelle ist und zudem zehn Zentimeter breiter, muss sich erst erweisen, ob zwei Züge in der Kurve auch aneinander vorbeikommen. Zum Vergleich: Ein Tatra-Zug ist knapp 17 Meter lang, meist werden allerdings zwei von ihnen aneinandergehängt.

Die neue Bahn ist sparsam und luxuriös

Viele der technischen Revolutionen der "Flexity" werden die Fahrgäste kaum bemerken. Die Spezialbremsen beispielsweise, die die beim Anfahren aufgenommene Energie wieder zurück ins Netz speisen. Das hat sonst nur der ICE und es macht die "Flexity" zur Sparbahn, denn ihr Energieverbrauch liegt ohnehin deutlich unter dem anderer Bahnen. Luxuriös aber unsichtbar sind auch die Wagenkästen. Sie sind nicht aus Alu oder einfachen Stählen, sondern aus Edelstahl. Das ist teuer, aber robuster und pflegeleichter – die "Flexity" kann so mit weniger Aufwand älter werden.

Ein weiteres Schmankerl kann man nicht sehen, aber hören: Durch neue Technik ist die Tram leise, deutlich leiser als es die vorgegebenen Grenzwerte zulassen.

Das freut die Anwohner, doch am meisten profitieren natürlich die Fahrgäste von der Neuanschaffung, die sich die BVG insgesamt bis zu 500 Millionen Euro kosten lassen will – sollten nach den vier georderten Prototypen tatsächlich alle 206 vereinbarten Fahrzeuge bestellt werden. Länger und breiter bedeutet mehr Platz: In den neuen Zügen, die aus sieben Elementen bestehen, gibt es 88 Sitz- und 151 Stehplätze. Die Kurzvariante, 31 Meter lang, die zum Jahresende auf die Schienen kommen soll, bietet 64 Sitz- und 116 Stehplätze. Beide Modelle haben neu entwickelte Multifunktionsabteile, die neben mehr Beinfreiheit genug Raum für Kinderwagen, Fahrräder oder Rollstühle ermöglichen. Und damit Tram fahren in Berlin noch bequemer wird, sind die Wagen klimatisiert und haben ein Fahrgastinformationssystem.

Stückpreis pro Tram liegt bei 2,7 Millionen Euro

Nun kann man fragen, ob es sich ein landeseigener Betrieb, der im vergangenen Jahr einen Fehlbetrag von 59,2 Millionen Euro ausgewiesen hat und auf einem Schuldenberg von 676 Millionen Euro (2004: 1,1 Milliarden Euro) sitzt, derartiges Luxusgerät leisten sollte. Der Stückpreis pro Tram liegt immerhin bei geschätzten 2,7 Millionen Euro. Doch selbst der Berliner Fahrgastverband Igeb scheint solchen Neuerungen aufgeschlossen: erst am Wochenende hatte Vizechef Jens Wieseke die BVG erneut aufgefordert, ihren Kundenservice zu verbessern.

Das ist bei den Straßenbahnen auch dringend nötig, die alten Tatra-Wagen sind zum Teil mehr als zwanzig Jahre alt, sie wurden bereits generalüberholt. "Das ist jetzt nichts mehr möglich, was heutigen Kundenansprüchen genügt", sagt BVG-Sprecherin Reetz. Zudem fliegen die Fahrgäste auf ihre Tram: Zu Jahresbeginn meldete die BVG ein Drittel mehr Kunden auf ihren neuen Straßenbahntrassen. "Hilfe, die Fahrzeuge sind völlig überfüllt", klagte der Igeb umgehend.

"Wenn wir uns schon eine neue Flotte anschaffen, dann richtig. Bei gelben Doppeldeckerbussen denkt jeder sofort an Berlin, das ist ein Markenzeichen. Das sollen die neuen Bahnen auch werden", sagt Petra Reetz. Tatsächlich sind Metros und Straßenbahnen inzwischen weltweit mehr als nur Transportsysteme: "Immer mehr Metropolen wollen mit ihren Metros Zeichen setzen, sich von anderen Städten unterscheiden. Eine U- oder Straßenbahn ist längst ein Stück Identität", sagt auch Bombardier-Chefdesigner Michael Sohn.

"Flexity" wird rund um die Welt genutzt

So ist denn das Design auch der Clou der neuen Tram. Straßenbahnen mit der "Flexity"-Plattform hat Bombardier bereits 1900 Stück in alle Welt verkauft, sie fahren in Istanbul, Stockholm, Valencia oder Genf. Aber keine gleicht der Berliner Bahn, weil hier die auf Straßenbahnen spezialisierten Experten des Berliner Designateliers IFS aus Adlershof Hand angelegt haben. Sie gaben schon Metros in Paris, Peking oder Helsinki ein Gesicht, Straßenbahnen im kalifornischen San Diego und Leipzig, der Zillertalbahn – sowie der S-Bahn Berlin. "Herausgekommen ist für Berlin eine Bahn im Bauhausstil", jubelt die BVG. Bei IFS hört man diesen Vergleich allerdings nicht gern.

Richtig ist, so sagen die IFS-Ingenieure, dass die neue Hauptstadttram sachlich daherkommt und ebenso schlicht, funktionale Linien bestimmten ihre Form. Die Vorgaben der BVG waren ellenlang: Gelb die Hauptfarbe, das Dach in Weiß, im Innenraum Grautöne. Die Sitze müssen wieder bunt gemustert sein, um Schmierfinken den üblen Spaß zu verderben. "Wir haben an der neuen ,Flexity' dennoch unsere Handschrift hinterlassen, und zwar so, dass man es kaum bemerkt. Das ist die Kunst", sagt Tibor Kiss von IFS.

Probefahrten gibt es am Wochenende

"Die neue Form ist unaufdringlich und zeitlos. Straßenbahnen fahren schließlich viele Jahre, und in Berlin müssen sie zu jedem Kiez passen", sagt der Designer. Dabei sei keine deutsche Stadt baulich so abwechslungsreich wie die Hauptstadt. "Daher haben wir die neue Tram unaufdringlich gestaltet, modern aber nicht modisch, damit man sich nicht satt sieht", sagt Kiss. Eines allerdings scheint dennoch reichlich extravagant: das vorgezogene "Kinn" der Wagenspitze, das zügig wirkt und ein wenig "Platz-da"-Effekt verbreitet. Ungewollt ist das nicht: "Viele unterschätzen Straßenbahnen, die immerhin mit Tempo 50 durch die Stadt fahren. Das zeigen die vielen Unfälle", sagt BVG-Sprecherin Reetz.

Wer Probe fahren will, kann das diese Woche noch tun, am Wochenende gibt es ein Fest am Alex, bei dem Schnupperfahrten angeboten werden. Ab Oktober soll auf den Linien M2, M4, M5 und M10 der Regelbetrieb aufgenommen werden. Dann werden die Kunden befragt. Ist das Echo positiv, kann ab 2010 die Serienlieferung der in Hennigsdorf endmontierten Bahn, beginnen. Chinesische Delegationen können sich dann in der Hauptstadt neue Inspiration holen.

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