Umzugswagen angezündet

Neu-Berlinerinnen verlieren ihr Hab und Gut

Foto: Steffen Pletl

Die zwei angehenden Äzrtinnen waren gerade erst von Hamburg nach Berlin gezogen. Sie wollen hier in Kliniken arbeiten. Doch dann ging ihr Traum vom Leben in der Hauptstadt in Flammen auf. Unbekannte zündeten in Friedrichshain ihren auf der Straße abgestellten, noch vollbeladenen Umzugswagen an.

Fassungslos stehen die zwei Freundinnen Lisa B. und Gyde S. vor dem qualmenden Schutthaufen. Schnappen nach Luft. Ringen um Fassung. Doch die Tränen sind stärker. Der Berg von Schutt und Asche vor ihnen war bis vor wenigen Stunden noch ihr gesamtes Hab und Gut. Verstaut in einem geliehenen Möbelwagen, den tumbe Chaoten in Brand gesetzt haben. Zwei Existenzen - ein Raub der Flammen.

Erst spät in der Nacht waren die beiden 26 und 28 Jahre alten Frauen aus Hamburg in Friedrichshain angekommen. Am nächsten Morgen wollten sie ihre Sachen in ihre neue Wohnung an der Krossener Straße tragen. Weil vor dem Haus kein Parkplatz frei war, parkten sie den Lkw ein paar Ecken weiter in der Simplonstraße. Am nächsten Morgen dann der Schock: Unbekannte Täter hatten den Wagen gegen sieben Uhr früh in Brand gesetzt, nicht ahnend, dass sie gerade die Existenz von zwei jungen Frauen zerstören. Passanten bemerkten die Flammen, riefen Feuerwehr und Polizei. Schnell waren die Einsatzkräfte da, doch das Hab und Gut von Lisa und Gyde konnten sie nicht mehr retten.

Persönlicher Verlust

Polizeibeamte bei der Spurensuche empfingen am Morgen die beiden Frauen, die nach dem Abschluss ihres Medizinstudiums in Berlin als Ärztinnen Fuß fassen wollten. Jetzt stehen sie vor dem Nichts. Das gesamte Mobiliar, Studienunterlagen, Fachbücher, Computer, TV und Radio sowie die Kleidung - zerstört. Ungezählte persönliche Gegenstände und Erinnerungen - für immer verloren.

"Wir stehen vor dem Nichts. Es ist einfach unglaublich", sagt Lisa mit bebender Stimme. Die sportliche junge Frau trifft zusätzlich der Verlust ihrer Urkunden und Medaillen, die sie als Rhönradfahrerin errungen hatte. Die 26-Jährige gehörte bundesweit zur Spitzengruppe ihres Sports, hatte zahlreiche internationale Wettkämpfe bestritten. "Wir waren am Freitagnachmittag mit unserem Hausstand in Hamburg losgefahren. Dort hatten wir bereits in einer Wohngemeinschaft zusammen gelebt. Es war schon nach 23 Uhr, als wir endlich ankamen und wir hatten beschlossen, den Wagen am nächsten Vormittag zu entladen", berichtet Gyde S.

Betteln um Möbel

Sie hatten sich gefreut, die frisch renovierte Zweizimmer-Wohnung in der dritten Etage gemeinsam einzurichten. Schon in der kommenden Woche nehmen die Frauen ihre neue Tätigkeit in Krankenhäusern auf. "Jetzt haben wir weder unsere Fachliteratur, noch die Arbeitskleidung oder unsere medizinischen Gerätschaften mehr", sagt Lisa B.

Ein weiteres Problem ist die Möblierung der kahlen Wohnung, in der selbst Sitzgelegenheiten fehlen. Nur Matratzen zum Schlafen und ein paar Küchengeräte und Kochutensilien hatten die beiden schon hinaufgeschafft. In ihrer Verzweiflung haben sie im Hausflur einen Aushang angebracht - mit der Bitte um Spende von verzichtbaren Einrichtungsgegenständen. Wenigstens für die Übergangszeit. Und weil nun so viel zusätzlich zu organisieren ist, fragen sie nach einem Computer mit W-Lan-Anschluss oder bei wem sie einen benutzen könnten.

Und der Umzugswagen? "Der muss möglichst schnell entsorgt werden, was nicht gerade billig ist", so Gyde. Das Fahrzeug selbst war gegen den Schaden versichert. Anders sieht es jedoch mit den aufgeladenen Gegenständen aus. Ein Firmenaufdruck wies das Fahrzeug als Servicewagen eines Catering-Unternehmens aus. Vor kurzem hatten Unbekannte in Oranienburg zwei Fahrzeuge eines Unternehmens der gleichen Branche angezündet. Von diesen Tätern fehlt nach Polizeiangaben trotz eines Bekennerschreibens bislang ebenso noch jede Spur. Die Polizei vermutet die Täter im politisch linksextremen Spektrum. Den angehenden Ärztinnen war bekannt, dass in Berlin häufiger Fahrzeuge in Brand gesetzt werden. Dass es ihren Umzugswagen treffen könnte, hielten sie für undenkbar.

 Interaktive Grafik: Berliner Kriminalitätsatlas 
Bleiben Sie informiert:
Die Berliner Morgenpost in sozialen Netzwerken.
Folgen Sie uns auf Twitter