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04.09.11

Wahl in den Bezirken

In Marzahn-Hellersdorf ist die Einsamkeit groß

Im Bezirk Marzahn-Hellersdorf leben inzwischen viele Senioren. Das schafft spezifische Probleme wie zum Beispiel Vereinsamung und fehlende Pflegedienste.

© Christian Kielmann
Fit: Regina Saeger (r.) und ihre Neuköllner Kollegin Helga Schulz kämpfen für Senioren
Fit: Regina Saeger (r.) und ihre Neuköllner Kollegin Helga Schulz kämpfen für Senioren

Gymnastik auf den geräumigen Fluren der Plattenbauten könnte bald zum Alltag von Senioren in Marzahn-Hellersdorf gehören. Mit Bällen und Seilen vor der Wohnungstür soziale Kontakte mit den Nachbarn knüpfen und miteinander reden – so stellt sich jedenfalls die 72-jährige Regina Saeger das künftige Miteinander von Alt und Jung unter dem gemeinsamen Dach vor. Die ideenreiche, quirlige Frau ist seit 18 Jahren Vorsitzende der Seniorenvertretung im Bezirk und seit zehn Jahren Chefin des Landesseniorenbeirates. "Wir müssen in den zunehmend anonymen Plattensiedlungen etwas gegen drohende Vereinsamung vieler älterer Menschen tun", sagt Regina Saeger.

Marzahn-Hellersdorf, in dem am 18.September eine neue Bezirksverordnetenversammlung gewählt wird, steht vor einer großen Herausforderung. Grund ist die demografische Entwicklung. Eine aktuelle Prognose sagt voraus, dass sich bis 2030 der Anteil der Einwohner im Alter von 65 Jahren bis über 85 Jahre um mehr als 30000 erhöhen wird. Bei den Hochbetagten deutet sich ein nahezu explosionsartiger Anstieg um 300 Prozent an. Auf diese Entwicklung müssen sich die Parteien und das neue Bezirksamt schon ab der kommenden Legislaturperiode einstellen, aber auch die Verbände und Vereine. Vorsorglich wurde vom Bezirksamt eine Studie in Auftrag gegeben. 2637 Einwohner ab 50 Jahren beteiligten sich an dieser Umfrage, die als "Richtschnur für künftiges Verwaltungshandeln" dienen soll.

Pflegedienst werden gebraucht

"Das ist eine große Hilfe auch für uns", sagt Regina Saeger. Es sei nun einfacher, neue Bedürfnisse und Probleme von immer älter werdenden Menschen rechtzeitig zu erkennen und auch auf die Bezirkspolitiker einzuwirken. So haben sich die meisten Teilnehmer der Umfrage dafür ausgesprochen, auch im Seniorenalter am liebsten in ihren eigenen vier Wänden zu bleiben – und sei es mit Unterstützung von Pflegediensten. Besonders beliebt sind neue Wohnformen wie Senioren-Wohngemeinschaften oder Selbsthilfegemeinschaften. Mehr barrierefreie Wohnungen und Zugänge sollen geschaffen werden. "Das gilt aber nicht nur für Senioren, sondern auch für Familien mit kleinen Kindern und für alleinerziehende Mütter oder Väter, damit sie im Bezirk wohnen bleiben", sagt Regina Saeger. Die Wohnungsbaugesellschaften müssten viel mehr tun, das Bezirksamt solle mehr Druck auf sie ausüben.

Wahl in Hellersdorf-Marzahn:

>>> Kandidaten: Dagmar Pohle (Die Linke)

>>> Kandidaten: Stefan Komoß (SPD)

Ingrid Malue (65) lobt zwar, wie farbenfroh und grün die einst graue und triste "Marzahner Platte", in der sie seit 1980 lebt, geworden sei. Aber auch sie sieht die Lage kritisch: "Die Wohnungsgesellschaften kümmern sich zu wenig um die Älteren." Viele würden gern aus ihren Vier- und Dreiraum-Wohnungen in eine kleinere Bleibe ziehen, doch es gebe zu wenige solcher Angebote. "Ich verstehe nicht, dass bei Sanierungen kaum kleinere Wohnungen entstehen", sagt Ingrid Malue. Das Bezirksamt solle mehr Einfluss ausüben.

Bei einem anderen wichtigen Zukunftsthema, den wohnortnahen Freizeitmöglichkeiten der Senioren, sieht Regina Saeger das Bezirksamt ebenfalls in der Pflicht. Denn die Umfrage ergab, dass inzwischen generationenübergreifende Angebote, auch das Zusammensein mit Behinderten und Ausländern viel beliebter als die traditionellen Seniorentreffs sind. "Da müssten gerade die jetzigen Stadtteilzentren umgestaltet und neue gebaut werden, auch Internetclubs und Spielplätze mit Fitness-Parcours für Jung und Alt",sagt Regina Saeger. Sie möchte den Landessportbund mit in die Verantwortung nehmen. Damit die Herausforderungen des Alterns gut gemeistert werden, favorisiert sie einen "Großen Runden Tisch", der Wohnungsunternehmen, Wirtschaft, Dienstleister, Bezirksamt, Parteien, Vereine, Verbände oder freie Träger zusammenführt.

Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle (Linke) hat unterdessen eine eigene Prognose revidiert. Vor zwei Jahren hatte die Linken-Politikerin noch erklärt, dass Marzahn-Hellersdorf in absehbarer Zeit der älteste Bezirk in Berlin sein werde. "Diese Voraussage ist so nicht zu halten," sagt Dagmar Pohle jetzt. Der Grund: Allein im vergangenen Jahr zogen mehr als 2000 Menschen in den Bezirk, zumeist junge, gut situierte Familien und Singles. Und "das Allerschönste", so Pohle, sei: Es kommen seit 1993 wieder mehr Babys in Marzahn-Hellersdorf zur Welt. Doch das ist natürlich auch kein Vergleich mit den Zeiten bis 1989: Anfang der 90er-Jahre lag das bezirkliche Durchschnittsalter bei 26 Jahren, aktuell liegt es noch bei 44 Jahren.

Und in noch einem ganz anderen Punkt bleibt Marzahn-Hellersdorf einzigartig: Der Bezirk mit seinen knapp 246000 Einwohnern ist der einzige Berliner Bezirk ohne Freibad. Das Wernerbad in Mahlsdorf-Kaulsdorf ist seit 2002 geschlossen. Bürgerinitiativen möchten das Grundstück als Bürgerpark mit Café und Kinderplansche retten. Die Pläne für den Bau eines Freibades und einer Wasserskianlage am Kaulsdorfer Elsensee sind jedoch höchst umstritten.

Anwohner fürchten Autolärm

Während die Linke für ein solches Freibad ist, lehnen CDU, FDP, Grüne, SPD und eine Bürgerinitiative dies strikt ab. Sie befürchten die Zerstörung eines wertvollen Biotops und favorisieren den Bad-Neubau auf einer Brachfläche in den Plattenbaukiezen. Die Linke hat das Thema sogar zum Wahlkampfthema gemacht und sammelt Unterschriften. Eine Bürgerinitiative aus dem Siedlungsgebiet setzt sich seit Jahren gegen ein Elsensee-Bad und die Wasserskipiste zur Wehr. "Es geht uns darum, einen der saubersten Seen Berlins und das einzigartige Biotop mit 35 Vogelarten und seltenen Pflanzen zu retten", sagt der Vorsitzende Rougé Lüloff. Anwohner befürchten bei geplanten 800 bis 1000 Badegästen pro Tag viel Autolärm.

Die Anrainer haben bereits mehrere Hektar Land am See erworben, um das Projekt zu verhindern. Unterdessen sucht Vize-Bürgermeister Stefan Komoß (SPD) nach Möglichkeiten für ein Badeschiff. Ein Investor konnte für diese Geschäftsidee aber noch nicht gewonnen werden. Das künftige Bezirksamt wird eine Lösung finden müssen.

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