12.05.09

Jubiläum der Luftbrücke

Über Tempelhof trudelten Schoko-Rosinen vom Himmel

Rund 160.000 Menschen haben auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof ein großes Volksfest zum Gedenken an das Ende der Luftbrücke vor 60 Jahren gefeiert. Ein Rosinenbomber warf dabei Hunderte Schachteln mit Süßigkeiten an kleinen Fallschirmen ab - zur Freude der Kinder.

Von Tanja Laninger
Foto: AP

Der amerikanische Luftbrücken-Veteran Gail Halvorsen war der Star des Tages.

25 Bilder

Sie strömen aus den Bussen, aus den U-Bahnen. Dutzende, Hunderte, Tausende. Am Ende des Tages waren es 160.000 Menschen, die die Jubiläumsfeier auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof besuchten. Sie benötigten vor allem eines: Geduld. Sie brauchen vor allem eines: Geduld. Denn die Türen und Wege in die Abflughalle und von dort aufs Rollfeld sind chronisch verstopft.

Doch die meisten Besucher haben Zeit. Sie tragen bequeme Kleidung, haben graue Haare und sind über 60 Jahre alt. Sie haben die Blockade Berlins am eigenen Leib gespürt. So wie Christian Simmons. Neun Jahre war der Junge aus Schöneberg alt, als die Rosinenbomber über die Augsburger Straße donnerten; auf allen drei West-Berliner Flughäfen kam im Frühjahr 1949 fast jede Minute eine Transportmaschine an. Sie hatten Lebensmittel, Kohle und Benzin an Bord.

Und nicht nur das. Der Skymaster-Pilot Gail Halvorsen warf Schokolade an kleinen Fallschirmen ab. "Wir sind jeden Tag losgerannt, zum Flugfeld und ein Stückchen weiter Richtung Osten, wegen der Süßigkeiten", sagt Simmons. Mit seinem Bruder kletterte er auf Trümmerberge, um einen besseren Blick auf die Flieger zu erhaschen und das begehrte Naschwerk abzufangen. Simmons wurde zwar auf einem Pressefoto als winkender Junge unter einem anfliegenden Transportflugzeug bekannt – doch von den Schoko-Rosinen bekam der spätere Konditor nichts ab.

Kinder suchen Candy Drops

Mehr Glück hat ein siebenjähriger Junge, wenn auch 60 Jahre später: Lenni Henning ist eines von mehr als 20 Kindern, die um 16 Uhr in einem Doppeldeckerbus auf das Rollfeld fahren. In wenigen Minuten soll ein Flieger, der in Schönefeld gestartet ist, über Tempelhof kreisen. In ihm sitzt wieder Gail Halvorsen, inzwischen 88 Jahre alt. Und wieder wird er 'Candy Drops' vom Himmel regnen lassen.

"Da ist er. Ich sehe ihn!" Lenni schreit, genauso wie der fünfjährige Fynn eine Reihe hinter ihm. Beide zeigen mit dem Finger aufs Rollfeld. Doch es ist nur ein Vogel. Die Spannung steigt, die Temperatur im Bus auch. Die Fenster lassen sich nicht öffnen. Zwei Brüder streiten sich um die beste Sicht. "Das ist aber auch unerträglich spannend", sagt ein Vater. Er grinst und wiederholt den Satz auf Englisch für sein Kind. Viele im Bus sind zweisprachig, manche Kinder besuchen die Quentin Blake Europe School, so wie Maili und Isoken. Ohne diese Achtjährigen könnte die Aktion gar nicht stattfinden. Im Schulunterricht haben sie Tücher bemalt, mit vier starken Fäden versehen und dann braune Pappkartons drangehangen: die Care-Pakete für diesen Tag. "Schmeckt toll, die Schokolade", sagt Maili.

Hunderte Schoko-Pakete verstreut

Im Hintergrund ertönt ein Brummen. Am Horizont erscheint ein kleiner Fleck. Dann endlich schwebt der Rosinenbomber über der Landebahn, am Bus vorbei. Landen darf er nicht, der Flughafen ist seit vergangenem Jahr geschlossen. Dann, so leicht wie ein Schwarm Spatzen, segeln Dutzende Mini-Fallschirme durch die Luft. Der Pilot dreht eine Runde, zwei, drei. Jedes Mal trudelt süße Fracht zu Boden. Endlich öffnet der Busfahrer die Türen. Aus Sicherheitsgründen erst jetzt – vorher hätte den Kindern Schokolade auf den Kopf fallen können. Nun springen sie aus dem Bus und durchkämmen das stoppelige Feld.

1000 Schoko-Pakete inklusive Rosinen liegen dort verstreut. Fynn findet eins, Lenni drei, Isoken vier. Jeder hält seine Trophäe so fest, als gebe es das ganze Jahr nur noch Saures. Zurück im Bus herrscht andächtige Stille – Münder und Finger sind schwarz und verklebt.

Die Flieger waren schon am Morgen im Einsatz gewesen. Es war genau 11.13 Uhr, als der erste von zwei Rosinenbombern am Himmel über dem Luftbrückendenkmal auftauchte. Mit dumpfem Brummen kündigte sich der Besuch an, dann flog die Maschine wieder davon. Vier Minuten später erschien die zweite Dakota von Osten her. Sie wackelte mit ihren Tragflächen, so, als ob sie einen Gruß senden wollte. Da war die Zeremonie mit Kranzniederlegung der Alliierten, des Berliner Senats und Abgeordnetenhauses beinahe schon vorbei. Der evangelische Militärpfarrer Michael Weeke sprach das Gebet, der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) erinnerte an die historische Bedeutung von 20 Jahre Mauerfall und 60 Jahre Ende der Luftbrücke. Das zeige, dass die Demokratie sich letztlich durchsetze.

Die Besucher wollten vor allem etwas sehen

Der kleine Lenni war allerdings nicht aus historischem Interesse, sondern wegen des Rosinenbombers gekommen. Genau wie die beiden Kolumbianerinnen Gabriela Albarragin und Johana Tabares. Sie hatten die Werbung für das Fest gehört und wollten auch "süße Rosinen essen". Dass ein Rosinenbomber ein Transportflugzeug ist, lernten die beiden Sprachschülerinnen erst, als sie vor dem Ausstellungsmodell auf dem Flughafengelände standen. Vor allem männliche Besucher klopften dem "Troop Carrier" mit der Nummer 5557 unter die silbrigen Flügel, wie Bauern einem Gaul auf den Hintern.

Hinter ihnen, an einem der vielen weißen Stehtische, versucht Florian Frerichs, Comic-Hefte zu verkaufen, für zehn Euro das Stück. Die Geschichte handelt von einem amerikanischen Piloten, der Berlin zunächst bombardiert, dann angeschossen und von zwei Kindern gerettet wird und später am Steuer eines Rosinenbombers zurückkehrt. Der Stoff soll ab Herbst mit Gedeon Burkhard verfilmt werden. Bei der Feier ist das Interesse an den 48 Seiten mäßig. "Die Leute wollen hier kein Geld ausgeben, sondern lieber etwas gratis haben", sagt Frerichs.

Auf die Schließung des Airports geht Wowereit nicht ein

Anders die Stimmung am Mittag. Der Festakt in der ehemaligen Abfertigungshalle des Flughafens am Morgen begann unkonventionell: Junge Leute, Studenten der Schauspielschule Ernst Busch, spielen eine Szene: Sie stehen auf der Bühne, suchen mit Ferngläsern den Himmel ab. Sofort fällt der Groschen: Sie warten auf die Rosinenbomber. Schließlich entdecken sie die Flugzeuge und winken begeistert, so wie es vor 60 Jahren tausende Berliner getan haben.

Dann spricht der Regierende Bürgermeister. Er dankt den Veteranen, ehrt die Opfer der Luftbrücke und lobt die Entschlossenheit der Alliierten. Auf die Schließung des Flughafens geht Wowereit allerdings nicht direkt ein. An die Veteranen gewandt, sagt er: "Der Flughafen Tempelhof ist und bleibt der Ort, der sich mit Ihrem Wirken verbindet". Dann blickt er in die Zukunft, nennt Tempelhof einen "Ort der Begegnung". Höflicher Applaus, viele skeptische Blicke und hochgezogene Augenbrauen.

Nach einer artistischen Einlage an einem Heliumballon mit dem Titel "Herausforderungen in der Luft" sind Szenen aus dem Dokumentarfilm "Die Luftbrücke" zu sehen. Und plötzlich geht eine Woge des Gefühls, der Rührung durch die Halle. Keine Rede reicht an die Kraft, die Magie der Bilder heran. Noch einmal die strahlenden Kindergesichter zu sehen, die warmherzigen Begegnungen zwischen Berlinern und Rosinenbomber-Piloten, die mahnende Rede Ernst Reuters – da können manche Gäste die Tränen nicht zurückhalten.

Noch am Nachmittag sind Besucher des Volksfestes von dem Film gerührt. "Mir kamen die Tränen. Es ist sehr schön, die Veteranen und die Zeitzeugen mit ihren Enkeln zu sehen. Das zeigt mir, dass es keine alte Geschichte ist, sondern die Geschichte unserer Großeltern", sagt die 20-jährige Hannah Wunderlich aus Charlottenburg. Die gleichaltrige Louisa Schwope aus Spandau kam zur Feier, um "die Möglichkeit zu nutzen, einem großen Stück Berliner Geschichte in einem interessant aufgemachten Rahmen nahe zu kommen. Teilweise ist es für mich absolut unvorstellbar, wie diese Versorgungssituation damals zu bewältigen war."

Ausstellung in der Abflughalle

Im Bauch der Flieger lagerten nicht nur Lebensmittel, Kohle oder Süßes. In der Abflughalle erinnerten sich Besucher vor Original-Schachteln und Fläschchen an Medikamente namens "Veramon" oder "Atophanyl". Produkte der Firma Schering, die in West-Berlin zu Blockadezeiten weiter produzierte. "Das konnten wir nur, weil die Alliierten uns mit Verpackungsmaterial versorgten", sagt Valeria Hilgers von der Bayer Schering Pharma AG. Allein am 8. April 1949 wurden 37 Kisten eingeflogen, wie die ausgestellten Dokumente belegen.

Ervin Eddy ist einer der Piloten von damals. Der Engländer hatte die Dakota C47 geflogen, die im Januar 1949 bei Gatow startete und dann bei Lübeck abstürzte. "Insgesamt waren 22 Passagiere und drei Crew-Mitglieder an Bord. Acht von uns haben den Absturz nicht überlebt, davon waren sieben Passagiere", erinnert sich der 85-Jährige.

Einer der Überlebenden war als Zeitzeuge zu Gast: Lothar Zeidler. Der gebürtige Deutsche hat mittlerweile die amerikanische Staatsangehörigkeit. Mit Hilfe anderer setzte er durch, dass ein Gedenkstein mit den Namen der Toten an der Absturzstelle in Herrenberg aufgestellt wurde. "Die Organisation Luftbrückendank war hier eine große Hilfe. Dieser Gedenkstein ist wichtig, damit die in dieser Nacht Gestorbenen nicht vergessen werden."

Die Sowjetunion hatte 1948/49 die Land- und Wasserwege zum Berliner Westen fast ein Jahr lang abgeriegelt. Dies war im Kalten Krieg Moskaus Antwort auf die Einführung der D-Mark in Westdeutschland und im Westen der Vier-Mächte-Stadt Berlin. Briten und Amerikaner entschlossen sich daraufhin, die damals etwa 2,1 Millionen Einwohner im eingeschlossenen West-Berlin auf dem Luftweg zu versorgen. Am 12. Mai 1949 brachen die Sowjets die Blockade ab.

CARE-Paket
Der Inhalt eines CARE-Pakets
Ein Standard-Lebensmittelpaket von CARE enthielt zum Beispiel:
Ein amerikanisches Pfund (453,6 Gramm) geschmortes Rindfleisch
Ein Pfund Leberkäse
Ein Pfund Büchsenfleisch (Corned Beef)
Zwei Pfund Backfett
Zwei Pfund Zucker
Ein Pfund gedörte Aprikosen
Ein Pfund Rosinen
Ein Pfund Mehl
Ein Pfund Schokolade
Ein Pfund Kakao
Zwei Pfund Milchpulver
Acht Unzen (28,35 Gramm) Eierpulver
Ein Pfund Kaffee
Zwei Stück Seife
Eine Unze Hefe
Quelle: Mitarbeit: sz; ab; ral; jeg; jeb
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