14.10.09

Wir sind ein Volk - Wir sind Berlin

Auch der Müll sah im Osten anders aus

Sie räumen den Dreck von den Straßen - auch vor dem Mauerfall war das so. Nur dass die Straßen, der Müll und sogar die Mülltonnen im Osten anders aussahen. Deswegen finden Ostmüllmänner ihre Arbeit heute leichter. Und Westmüllmänner sehnen sich seit der Wende vor allem nach einem: Der verschwundenen Berlin-Zulage.

Von Susanne Leinemann
Foto: Massimo Rodari
Massimo Rodari
Morgens um 6 Uhr sind die Müllmänner die Könige des Gendarmenmarktes

Ob er sich manchmal vorkommt wie im "Tatort" - oder eher im "Polizeiruf 110"? An diesem frühen Morgen, die Sonne ist noch nicht aufgegangen, setzt sich Thomas Pohland hinter das Steuer seines orangefarbenen Kleinlasters der Berliner Stadtreinigung (BSR) und macht sich auf den Weg, drei aufgebrochene Spielautomaten vom Straßenrand aufzusammeln.

Der 47-Jährige ist ein kräftig gebauter Kerl, man sieht ihm an, dass er was wegschleppen kann. Aber auch an ihm gehen die 47 Jahre nicht spurlos vorbei, also setzt er seine kleine Goldrandlesebrille auf und liest die Auftragsadresse: Ecke Elsterstraße. Also tiefstes Neukölln. In Neukölln liegt auch sein Betriebshof, im Gewerbegebiet nahe der Grenzallee, zwischen Autobahn, Teltow-Kanal, Jacob's-Kaffee und Al-Nur-Moschee.


Ein letzter Gruß an die Kollegen in Orange, die alle in dieser Herrgottsfrühe - es ist kurz nach sechs Uhr - ihre Fahrzeuge anwerfen: Kehrmaschinen, Transporter und den Presswagen namens "Micha", der Name prangt als Spaß-Nummernschild hinter der Windschutzscheibe.

Vieles hat sich seit früher verändert

Dann geht die Fahrt los. Früher, in Ost-Berlin, seien die Straßen um diese Zeit voll gewesen. Die Werktätigen gingen zur Arbeit oder kamen von der Nachtschicht heim. Jetzt - 20 Jahre später - machen sich die Leute im Westteil der Stadt erst um kurz nach sieben, halb acht auf den Weg. Wohin? Zum Jobcenter Neukölln.

Thomas Pohland wird auch dort mit seinem Transporter vorbeikommen und wie jeden Morgen die lange Warteschlange vor dem Jobcenter stehen sehen. Man stellt sich früh an, um eine niedrige Wartenummer zu ziehen. Öffnen sich um acht Uhr die Türen der Arbeitsverwaltung, verschwindet die wartende Masse auf einen Schlag im Gebäude.

Müllmänner haben viel gesehen. Denen kann man nichts vormachen

Aber das ist noch hin. Es ist erst 6.20 Uhr. Aufgebrochene Spielautomaten, ist das nicht aufregend? Thomas Pohland winkt ab. Alltag hier. Vermutlich war die Spurensicherung schon da, jetzt hat die Polizei die Geräte zum Abtransport freigegeben. Die rufen dann bei der BSR an. Oder beim Ordnungsamt.

Und irgendwann landet der Einbruch von letzter Nacht als Auftrag auf Thomas Pohlands Liste. Normalerweise reinigt er zusammen mit einem Kollegen verstopfte Gullys. Auch da hat er schon allerlei herausgeholt. "Abgeschraubte Nummernschilder, Messer, Textilien, 15 Portemonnaies auf einmal, ein Skateboard."

Einmal, erzählt er, habe die Polizei einen ganzen Straßenzug abgesperrt, und die BSR-Männer suchten systematisch alle Gullys ab: Fahndung nach der Tatwaffe. Die Spaßparole auf den orangefarbenen Straßen-Mülleimern "Corpus für alle Delicti" - in Neukölln ist sie kein Witz.

Der Westen als schmutzige Kapitalismus-Karrikatur

Es gehört zu den Absurditäten der Geschichte, dass Thomas Pohland, der in Lichtenberg, tief im Osten also, zur Welt kam, der später in Prenzlauer Berg eine Altbauwohnung mit Kohleofen bezog, heiratete und mit seiner Frau eine Neubauwohnung in Johannisthal zugewiesen bekam - dass ausgerechnet dieser so weit ganz zufriedene, durch und durch gelernte DDR-Bürger auf der Schattenseite des Kapitalismus gelandet ist.

Die DDR-Propaganda hätte die Abgründe des verhassten Westens nicht besser ausschmücken können: Verwahrlosung, Gewalt, Kriminalität, Arbeitslosigkeit, Kinderarmut, massive Integrationsprobleme. Das alles kann man täglich in Neukölln beobachten.

Aber Thomas Pohland nimmt die neue Zeit mit stoischer Gelassenheit. Müllmänner sind Männer, die viel gesehen haben. Denen kann man nichts vormachen. Und so, wie Thomas Pohland sich in der DDR eingerichtet hatte, so hat er heute seinen Platz im Westen gefunden. "Es gibt gute Zeiten im Leben. Es gibt schlechte Zeiten. Und die schlechten vergisst du." Alles klar?

Müllmann oder Kriminalist?

Jetzt haben wir die Braunschweiger Straße erreicht, Pohland drosselt das Tempo. Hier irgendwo müssen die Spielautomaten stehen. Links? Rechts? Langsam fährt der BSR-Transporter durch die schlafende Straße, nur ein Kiosk hat schon geöffnet. Tatsächlich, da liegen sie: zwei auf der rechten Straßenseite, einer links. Und, ja, sie sind aufgebrochen. Wie viel Geld haben die Einbrecher wohl erbeutet? 50 Euro, 100, 300?

Dafür mussten sie ganz schön ackern, so ein Glücksspielautomat wiegt was. Thomas Pohland wuchtet die Geräte auf die Ladefläche. Kann nicht irgendwer noch was mit den Geräten anfangen? Thomas Pohland schüttelt den Kopf. Die kommen auf die Mülldeponie. "Der Westen ist eine Wegwerfgesellschaft", sagt er.

"Wir sind eine Wegwerfgesellschaft." Der Satz fällt einige Tage später ganz woanders - tief unten in der Garage eines sehr teuren Hotels am Gendarmenmarkt. Amerikanische Hollywoodstars steigen hier ab, dann stehen Fans und Paparazzi vor dem Hotel und betteln um Fotos und Autogramme.

Viele Neuköllner schmeißen ihren Dreck einfach auf die Straße

Von Müll ist natürlich dort oben nichts zu sehen. Droht Neukölln in manchen Ecken zu vermüllen, weil die Leute ihren Dreck rücksichtslos auf der Straße abladen - "die sind so abgebrüht", sagt Thomas Pohland, "die stellen das vor die eigene Haustür" -, ist die Gegend um den Gendarmenmarkt scheinbar abfallfrei.

"Hier wird der Müll gut versteckt." Uwe Juchem weiß, wovon er redet. Zweimal die Woche fährt der 45-Jährige seinen orangefarbenen Presswagen die schmale Rampe zur Hoteltiefgarage hinunter, dahin, wo die Container stehen. Oder er schließt besondere Müllfahrstühle auf, über die Berlins Sternerestaurants ihre Abfälle verschwinden lassen. Oder er lenkt rückwärts in enge Innenhöfe an der Französischen Straße zu den dort versteckten Mülltonnen.

Der Müllwagen ist groß, größer als alles, was sonst hier fährt

Ursprünglich war er Kraftfahrer. Der Reinickendorfer Uwe Juchem fuhr regelmäßig für eine Spedition die Transitstrecke Berlin (West) - Frankfurt am Main - Berlin (West). Von seinen Eltern hatte er gelernt, die Transitstrecke zu fürchten. "Mach vorher Pipi!", hatte ihm sein Vater vor jeder Abfahrt gesagt, denn auf der Transitstrecke wurde nicht angehalten, schon aus Prinzip. Nur schnell durch die Zone. Im Sommer 1989 merkte Uwe Juchem, wie die Zöllner von Tag zu Tag lockerer wurden.

"Nix mehr mit Spiegel, Hund rein, Hund raus." Die "Tagesschau" brachte nun täglich Bilder von Flüchtenden aus der DDR. Meist junge Leute, die raus wollen, über Ungarn, über die CSSR. "Damals habe ich gedacht: Warum machen die den Mist nicht einfach auf?"

So kam es dann auch. Uwe Juchem begriff, dass das lukrative Speditionstransitgeschäft bald vorbei sein würde. Er ging 1990 zur BSR. Erst ein Jahr Straßenreinigung, danach Müllabfuhr. "Müllfahrer ist ein toller Job - der tollste." Wer nun glaubt, dem Mann sei früh um sechs der dünne Betriebshofkaffee zu Kopf gestiegen, weil er in so hohen Tönen von seinem Müllberuf schwärmt, der täuscht sich.

"Müllmann ist der tollste Beruf"

Wenn sein Presswagen früh in der Dunkelheit den Betriebshof auf dem Prenzlauer Berg verlässt, in Drei-Mann-Besetzung, um dann in der Morgendämmerung den Boulevard Unter den Linden entlangzufahren, dann ist allein das schon ein Erlebnis - der Müllwagen ist groß, größer als alles, was sonst hier fährt, und unübersehbar orange.

Und steht man an einem schönen Herbstvormittag hinten auf dem Trittbrett eines solchen Müllwagens, beide Hände in Handschuhen, fest am Haltegriff, und wird in der frischen Morgenluft über den träge erwachenden Gendarmenmarkt gefahren, dann überkommt einen das "Titanic"-Gefühl. "Ich bin der König der Welt", ruft Leonardo DiCaprio mit Kate Winslet im Arm, während sie ganz vorn an der Reling stehen. Für einen kurzen Moment ist man der König vom Gendarmenmarkt.

Dass der Beruf ein Knochenjob ist, die schweren Container müssen bei Wind und Wetter über hohe Gehsteigkanten gewuchtet werden, über Kellertreppen, über Ziertreppen, die sich ahnungslose Architekten ausgedacht haben, merken die Männer spätestens nach einigen Jahren. "Die meisten Kollegen sind mit 55 weg", sagt ein Kollege von Uwe Juchem.

"Ach so, die lassen sich krankschreiben oder versetzen?"

"Die sind tot. Herzinfarkt."

Darüber denkt Thomas Pohland ein bisschen anders, obwohl er gerade mit viel Muskelkraft zwei illegal abgestellte Kühlschränke auf die Ladefläche verfrachtet. "Die körperliche Schinderei ist weggefallen", sagt er - und aus seiner Ost-Perspektive hat er recht.

Für Ost-Müllmanner ist das Leben leichter geworden

Für einen Müllmann (Ost) ist das Leben leichter geworden. Bis zum Schluss benutzte man in Ost-Berlin die schwere metallene Ringtonne, die in West-Berlin bis 1987 komplett aus dem Verkehr gezogen worden war. Die freie Welt warf ihren Müll seitdem in die sehr viel leichteren Kunststofftonnen, die wir bis heute kennen.

Und die Wagenflotte der östlichen Großberliner Straßenreinigung und Müllabfuhr, später VEB Kombinat Stadtwirtschaft Berlin, Hydraulik, Automatik, technische Spielereien - in Ost-Berlin gab es das nicht. Der Westluxus fängt für Thomas Pohland schon mit den automatisch verstellbaren Sitzen an. "Wir hatten 'ne olle Feder unterm Hintern." Jedes Schlagloch, jede Unebenheit habe man da gespürt. Und davon gab es auf Ostberlins Straßen bekanntlich genug.

Zuletzt fuhr er in der DDR mit seiner W50-Kehrmaschine regelmäßig die Route zwischen Flughafen Schönefeld und Bahnhof Schöneweide ab. Eine Paradestrecke, Schaufenster des Sozialismus, weil hier täglich die Passagiere aus dem Westen lang kamen, die billige Interflug-Flüge von Schönefeld gebucht hatten.

Die DDR-Fassade putzen

"Da musste immer alles sauber sein, kein Laubblatt durfte da liegen." Hatte sich ein internationaler Staatsbesuch angekündigt, tauchten plötzlich auffällig unauffällige Männer-Duos am Straßenrand auf: die Stasi. "Das war immer putzig. Beide hatten einen kleinen Knirps in der Hand." Jeden Kanaldeckel hätten die hochgehoben. Absolut panisch wären die gewesen.

Und dann muss Thomas Pohland, der den täglichen Irrsinn von Neukölln mit Gleichmut hinnimmt, doch den Kopf schütteln. "Ick weeß nich', wovor die Angst hatten." Gemeint ist die Staatsführung der DDR mit ihrem wuchernden Stasi-Apparat und der scharf bewachten innerdeutschen Grenze. Er ist davon überzeugt, dass, hätte man die DDR-Bürger reisen lassen, die meisten wiedergekommen wären.

Er zumindest liebäugelte damals nicht mit dem Westen. Warum auch? "Mir hat es an nichts gefehlt." Neubauwohnung, ab und zu Bowling im Palast der Republik, Ferien an der Ostsee und immer wieder ein anderes Auto - meistens Trabi, unter der Hand gebraucht gekauft. Das Geld dafür war da. Die Großberliner Straßenreinigung und Müllabfuhr war bekannt dafür, dass sie gut zahlte.

Wer seinen Müll illegal loswerden will, kommt hierher

Wir kommen mit dem BSR-Transporter am Hotel "Estrel" vorbei, Sonnenallee. Es ist jetzt kurz vor acht Uhr, die Sonne ist längst aufgegangen, die Straßen sind belebt. Hinter dem Kongresshotel liegt mülltechnisch eine schwierige Ecke von Neukölln - die Gegend ist verlassen, nur Kleingärtner kommen hier raus, Wohnhäuser gibt es nicht, nur ein bisschen Gewerbe.

Ein Industriekanal an der Seite, ein zerstörter Brückenkopf, halb befestigte Seitenwege. Wer seinen Müll illegal loswerden will, kommt hierher: mit alten Autoreifen, sperrigen blauen Müllsäcken, Elektroschrott. Die Müllmänner müssen vorsichtig sein beim Verladen, hier ist die Rattenplage besonders groß.

Und das alles in unmittelbarer Nähe eines der größten Hotels Berlins. "Die Hotelgäste sehen den Dreck nicht", sagt Thomas Pohland. Die gucken drüber weg.

Dann wurden Containerfahrer für die "Ostgebiete" gesucht

Während er also den Blinker setzt, um von der Sonnenallee abzubiegen, sagt er unvermittelt: "Hier war ja der Grenzübergang. Den habe ich sauber gemacht." Er sagt das, als sei das das Normalste der Welt. Doch genau die Normalität ist so irritierend. Grenzübergang - der steht inzwischen für Tränen und Trennung, für Flucht, für Schicksal. Aber nicht für Alltag. Im DDR-Alltag musste ein Grenzübergang sauber gemacht werden, genauso wie ein Bahnhof oder eine Einkaufsstraße. Einen speziellen Passierschein habe er gekriegt, sagt Thomas Pohland, damit sei er mit seiner Kehrmaschine in den Grenzbereich gefahren.

Und was war das für ein Gefühl, so dicht an der Mauer? Thomas Pohland zuckt mit den Schultern. "Das war eben so." Vorne hätten immer zwei Grenzsoldaten mit Waffen den Weg versperrt. Doch wer mal eine W50-Kehrmaschine gesehen hat, der weiß, das war ein bulliges Fahrzeug, die beiden Soldaten hätten kaum ein Chance gehabt, ihn aufzuhalten. Es brachen Flüchtlinge mit weit fragileren Autos durch die Grenzsperren.

Die Frage drängt sich also auf, sie will gestellt werden. Es ist eine Frage, die Westlern leicht von der Lippe geht. Weil die wenigsten je gespürt haben, was es heißt, existenzielle Entscheidungen zu treffen. Flüchten oder bleiben? Wen lasse ich zurück? Was heißt es, völlig neu anzufangen? Die Frage also lautet: "Kein Gedanke, mal rüberzumachen?"

Warum sollte ich rübermachen?

Und der klassische Westdeutsche will jetzt hören: Doch, irgendwie schon. Ein bisschen. Aber Thomas Pohland schüttelt den Kopf. "Eigentlich nicht. Kein Bedarf." Und dann sagt er einen Satz, der für alle steht, die die Welt in den Angeln belassen: "Was wir haben, wissen wir. Was wir kriegen, wissen wir nicht."

Doch plötzlich, ob er wollte oder nicht, hörte die vertraute Welt auf zu existieren. Die Mauer fiel über Nacht - und Thomas Pohland verschlief das Ereignis. Am nächsten Tag ging er wie gewohnt zur Arbeit. Kaum jemand war da.

"Ick sage: Wo sind die alle?"

"Kiekste keen Fernsehen?"

Seine erste Reaktion auf die Maueröffnung? "Erzähl mir was vom Pferd." 14 Tage hat er dann noch gewartet, bis er mit Frau und kleiner Tochter rüberfuhr. Vom Begrüßungsgeld kaufte er seiner Einjährigen schöne West-Kinderschuhe, die Tochter hat sie bis heute aufbewahrt. Fragt man ihn, was ihn damals am Westen beeindruckt hat - die vollen Läden, die Bananenberge, die Krabbeltische? - dann antwortet er: "Die Baumärkte."

Begeisterung bei den Baumärkten

Es mag ja stimmen, dass der Westen eine Wegwerfgesellschaft ist. Aber der Osten brauchte auch nicht lange, um von der Mangelwirtschaft in die dekadente Überflussgesellschaft zu wechseln. Wer sich an den Sommer 1990 erinnert, der weiß noch, wie viel Möbel, Spielzeug, wie viele Elektrogeräte oder andere ehemals geliebte Dinge achtlos am Straßenrand abgestellt worden waren.

Worauf man in der DDR jahrelang gewartet hatte und sich die Hacken abgelaufen hatte, um es zu bekommen - nun war es plötzlich nichts mehr wert. Sperrmüll, nichts weiter. Weil die Sachen aus der VEB-Produktion stammten und im Licht der neuen kapitalistischen Zeit unansehnlich wirkten. Die Produkte des Westens waren bunter, leichter, viel schneller zu haben.

Auch die mit dem Ehekredit gekaufte Schrankwand der Familie Pohland verschwand bald aus der Neubauwohnung in Johannisthal. Hat er sie am Straßenrand abgestellt? Nein, Thomas Pohland wehrt sich. Das hätte er nie gemacht. Die gute Schrankwand wurde verschenkt - sie steht bis heute im Kinderzimmer einer engen Freundin.

Ich ahnte: Jetzt kommen schwere Zeiten

Und Uwe Juchem, der Reinickendorfer, der West-Berliner - wie hat der damals auf den Mauerfall reagiert? Genauso abwartend. "Ich war hin- und hergerissen." Er habe gleich so seine Bedenken gehabt. "Weil man geahnt hat, jetzt kommen schwere Zeiten." Natürlich, gefreut hat er sich schon.

Aber ihm war von Anfang an klar, die Wiedervereinigung würde ihren Preis haben. Wer sollte den bezahlen? Auch die West-Berliner: Als Erstes wurde die Berlinzulage gestrichen. Acht Prozent des Bruttogehalts gab es zusätzlich - steuerfrei! - als Subvention für das Leben in der Frontstadt.

Dieses Geld vermisst er noch heute schmerzlich, auch wenn es ihm ein bisschen peinlich ist, weil die Trauer um die verlorene Berlinzulage so gar nicht in die pathetische 20-Jahre-Mauerfall-Stimmung passt. "Aber, tut mir leid, das fällt mir sofort ein."

Man teilt Berlin nicht mehr in Ost und West, sondern in Nord und Süd

Trotzdem, als nach dem Mauerfall im Westteil Containerfahrer für die "Ostgebiete" gesucht wurden, war Uwe Juchem einer der Ersten, die sich gemeldet haben. "Das wollte ja sonst keiner machen." Er bekam das Klinikum Buch zugewiesen, wo täglich eine Menge Müll anfiel.

Umständlich habe er damals mit seinem Containerfahrzeug jede Fuhre Müll von Buch zurück nach Reinickendorf gefahren - drei Stunden sei er jedes Mal unterwegs gewesen. Bis ihn der Hausmeister des Klinikums fragte, warum er eigentlich nicht um die Ecke auf die Mülldeponie Schwanebeck fahre? Das würde lediglich zehn Minuten dauern.

Irgendwann habe er den Mut gefasst und sich mit seinem schicken West-Container-Fahrzeug auf den Weg gemacht. Die Piste zur Mülldeponie Schwanebeck sei abenteuerlich gewesen. "Wäre mein Wagen dort verreckt, ich stünde immer noch da", erzählt er grinsend.

Abenteuer Ost-Deponie

Wilde Wendezeit. Inzwischen ist Ost/West unter BSR-Kollegen kaum noch ein Thema. "Die Grenzen verschwinden immer mehr", sagt Uwe Juchem. Der Ostler Thomas Pohland arbeitet in Neukölln und der Westler Uwe Juchem in Prenzlauer Berg. Das ist gängig.

Viele Betriebshöfe der BSR wurden nach der Wende aufgelöst, jetzt teilte man Berlin nicht mehr in Ost und West, sondern in Nord und Süd. Wer in Reinickendorf wohnt, fährt heute nach Mitte. Wer aus Johannisthal kommt, nach Neukölln. Ein Blick auf den Stadtplan genügt, um zu verstehen. "Rübermachen", wie man früher sagte, liegt einfach näher.

Aber vielleicht ist die BSR auch das ideale Biotop für eine gelungene Wiedervereinigung. Die einende Identität als Müllmann scheint stärker zu sein als die trennende deutsch-deutsche Herkunft. Wer sich vor Beginn der Frühschicht einem BSR-Betriebshof nähert, der kann die Männer in Orange an langen Kantinentischen einträchtig Kaffee und Tee trinken sehen.

Die große Müllmännerfamilie

Er wird herzlich begrüßt, es wird gewitzelt, der Ton ist selbstbewusst. Frauen gibt es kaum, man bleibt mehr oder weniger unter sich. "Die BSR ist wie eine kleine Familie. Wie ein Ehe. Mit ihren Höhen und Tiefen", sagt Thomas Pohland. Nie habe er sich in seinem Job als Fremder gefühlt. Der erfahrene Straßenreiniger zählt hier, die ostdeutsche Herkunft ist zweitrangig: Der Lohn ist eh für alle gleich, es gibt keinen niedrigeren Osttarif. Auch das half beim Zusammenwachsen. Selbst die Urwessis hätten dann irgendwann gesagt: "Kollege, einwandfrei!"

Also geht er wieder alle halbe Jahre mit seiner Straßenreiniger-Schicht bowlen. Der Palast der Republik mit seiner volkseigenen Bowlingbahn ist inzwischen abgerissen. Kein Problem. Bowlingbahnen gibt es im Westen schließlich genug.

Die große Serie zum Mauerfall im Internet: www.morgenpost.de/mauerfall


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