Berliner Geschichte

"Wir waren Augen und Ohren der Regierung"

Im Rathaus Charlottenburg treffen sich ehemalige britische Militärpolizisten, die bis 1992 in der Stadt stationiert waren.

Britische Militärpolizisten beobachten am 15.08.1961 die Abriegelungsmaßnahmen am Brandenburger Tor in Berlin

Britische Militärpolizisten beobachten am 15.08.1961 die Abriegelungsmaßnahmen am Brandenburger Tor in Berlin

Foto: dpa Picture-Alliance / Günter Bratke / picture alliance / Günter Bratke

Im Rathaus Charlottenburg wimmelt es vor Veteranen. "Wir müssen in den zweiten Stock. Ich gebe rasch den Marschbefehl", sagt Lieutenant Colonel Nicholas Barnard. Auf dem Weg zum holzverzierten Sitzungssaal, in dem sonst Ausschüsse tagen, jetzt aber der Bezirksbürgermeister auf die Delegation aus dem Vereinigten Königreich wartet, holt ein stämmiger 60-Jähriger von der Südküste Englands ein Schwarz-Weiß-Foto hervor: Die Kameraden vor dem Brandenburger Tor. "Einige von uns sind inzwischen tot. Aber die Geschichten, die wir erzählen könnten ...", raunt er vielsagend.

Gut 50 Briten sind nach Berlin zurückgekehrt. Man trägt helle Strohhüte, Blazer, cremefarbene Anzüge und Krawatten, die Ehefrauen geblümte Kleider. Es könnte eine Gruppe fideler Landärzte sein. Doch die grauhaarigen Männer sind kampferprobte Angehörige des 2. Regiments der Royal Military Police (RMP), die die Überzeugung eint, im Kalten Krieg West-Berlin gegen die Bedrohung durch die Sowjetunion verteidigt zu haben.

Bürgermeister Reinhard Naumann (SPD) prescht 60 Minuten lang durch die Geschichte seines Bezirks, erntet Lacher für die gestenreiche Erklärung, woher genau das Bikini-Haus seinen Namen hat, und gespanntes Schweigen bei der Einschätzung der Flüchtlingssituation in der Stadt. Während sich seine Gäste dann zum Dinner zurückziehen, schieben vier Offiziere kurzerhand ein paar Stühle zusammen und versinken bald in Erinnerungen an ihre Berliner Jahre.

Wie hält man auf der Avus einen Panzer an?

"Wir waren im Hauptquartier auf dem Olympiagelände angesiedelt und von 1945 bis 1992 für Recht und Ordnung unter unseren Soldaten zuständig", sagt Oberstleutnant Stuart McLean (70), neben Nicolas Barnard (61) einer der beiden letzten Chefs der Militärpolizei in Berlin. McLean kam 1969, Barnard 1974. "Daneben galt es, die Durchfahrt zwischen Berlin und Helmstedt sicherzustellen." Zwischen 150 und 250 Männer und Frauen umfasste die Kompanie in Berlin. Die RMP patrouillierte an der Mauer, stand am Checkpoint Charlie, am sowjetischem Ehrenmal.

Dort erlebte Oberst Terry Scriven (70) einen seiner bizarreren Berliner Einsätze: den Amoklauf eines 22-jährigen US-Soldaten am 2. März 1974. "Er kaperte einen Panzer und fuhr quer durch West-Berlin", sagt er. Am Checkpoint Charlie hinterließ der Mann auf Westseite niedergewalzte Verkehrsschilder und Absperrungen, dann ging es zum Kontrollpunkt Dreilinden-Drewitz, verfolgt von einem VW-Käfer der Berliner Polizei und einem Militärjeep. "Wie, bitte sehr, hält man auf der Avus einen Panzer an?", fragt Scriven in die Runde. Seine Kameraden nicken ernst.

Scriven sowie Vertreter der amerikanischen und französischen Militärpolizei traten am Kontrollpunkt mit ihrem sowjetischen Gegenüber in Verhandlung. Schließlich überstellten die Sowjets ihnen Soldat und Fahrzeug.

Militärpolizisten bemerkten die Vorbereitungen zum Mauerbau

"Die Militärpolizei war eine Art Stolperdraht, ein erster Alarmgeber, wenn sich ein Bruch der Bestimmungen des Viermächteabkommens über Berlin abzeichnete", sagt McLean. "Wir waren Augen und Ohren unserer Regierungen", ergänzt Barnard. "Es waren Militärpolizisten, die im August 1961 auf Aktivitäten am Brandenburger Tor aufmerksam wurden – die Vorbereitungen zum Mauerbau."

Jahre später wurde Scriven verständigt, dass Soldaten der Nationalen Volksarmee (NVA) am Lenné-Dreieck in Tiergarten den Stacheldraht – und damit den Sektorenverlauf – ein paar Meter auf West-Berliner Gebiet vorbewegten. "Da standen 200 DDR-Soldaten mit einem Kran. Das Schild ,Sie verlassen den britischen Sektor' hatten sie zu Boden geworfen", erinnert sich Scriven. "Ich hob es auf, steckte es fest, zwei NVA-Männer warfen es wieder hin. Das ging dreimal so hin und her. Dann richteten sie ihre Gewehre auf mich. Ich gab auf." Inzwischen hatte die Militärpolizei Diplomaten verständigt, die über ihre Kanäle dafür sorgten, dass der Spuk beendet wurde.

Rund um die Uhr war ein Berliner Polizist anwesend

Den Kontakt zu den deutschen Behörden hielt die RMP im Hauptquartier. "Rund um die Uhr war ein Berliner Polizist anwesend, der uns unterstellt war und bei dem man Unterstützung oder Verstärkung anfordern konnte", sagt McLean. Vor allem ihre eigenen Leute mussten die Briten mitunter im Zaum halten. Etwa jenen Soldaten, der zur Hochzeit seiner Schwester nach England wollte, aber nicht durfte. "Aus Protest kletterte er in Kladow über die Grenze nach Ost-Berlin", sagt Scriven. Vopos nahmen ihn fest. Man verabredete eine Übergabe auf der Glienicker Brücke. "Dort stellte ich fest, dass es ein Uniformierter der DDR war, der mir den Mann übergeben wollte. Als Militärpolizist durfte ich aber nur mit anderen Alliierten agieren, in diesem Fall mit Russen." Scriven stellte sich stur, bis der Ost-Vertreter genervt den britischen Gefangenen einfach von sich fort und in Scrivens Richtung schubste.

"Berlin damals? Es war manchmal unwirklich", sagt er heute. Dennoch: Hier stationiert zu sein, galt als Privileg. "In Westdeutschland war ich neidisch auf die Kameraden in Berlin", sagt Tony Figg (67). Hier hatte man unmittelbar mit Verbündeten und Sowjets zu tun. Doch auch ganz andere Gründe spielten eine Rolle. "Berlin und das Stadionareal boten wunderbare Sport- und Trainingsmöglichkeiten", sagt Figg. "Man war immer darauf bedacht, dass das Finale von Wettkämpfen der in Deutschland stationierten Truppen in Berlin stattfand."

Nach Berlin sind sie immer gern zurückgekehrt

Es gab andere Stationen in den Karrieren der RMP Offiziere. Nordirland, die Falklands. Doch immer kehrten sie zurück. Scriven kommt regelmäßig zum Weihnachtsmarkt, Figg kann aus dem Stegreif zwölf deutsche Biersorten aufzählen, Barnard lebt seit dem Jahr 2000 in Berlin. "Wir meinten damals, unseren Teil zum Erhalt des Weltfriedens beizutragen", erinnert sich Stuart McLean. Und man habe im Gefühl gelebt, deshalb bei den Berlinern willkommen zu sein. Am Ende des Gesprächs dann die Frage, auf welchen Begriff sich das Berlin ihrer Dienstjahre bringen ließe. "Exciting", antworten die vier Offiziere. Aufregend.

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.