Foto-Zeitreise

Wir sind wieder wer: Berlin zwischen Trümmern und Wunder

Ein neue Bildband über die Fünfzigerjahre gibt Einblick in das Berliner Alltagsleben in einer Zeit voller Sehnsüchte in Ost und West.

Lil Dagover präsentiert Strumpfmodenin einem Westberliner Kaufhaus. (Foto digital koloriert)

Lil Dagover präsentiert Strumpfmodenin einem Westberliner Kaufhaus. (Foto digital koloriert)

Foto: akg-images / picture alliance / akg-images

Das Brandenburger Tor, die Farbe abgeblättert, ohne Quadriga, stattdessen mit roter Fahne. Davor ein Mann, weißes Hemd, lachsfarbener Anzug auf einem Rad, umgarnt von zwei strahlenden Models in teuerster weißer Robe. Es ist der Modeschöpfer Emilio Schuberth, der in den 50er-Jahren Haute Couture für die Diven Europas schuf.

Das lädierte Tor, die teure Mode – größer könnte der Gegensatz kaum sein. Aufgenommen wurde das Foto 1954. Es erscheint wie ein Symbol für die Zeit des Wirtschaftswunders, für die Sehnsucht, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, für die Sehnsucht nach einem besseren Leben, nach Zerstreuung.

Zu sehen ist das Foto in einem neuen Bildband zu den Fünfzigerjahren. Die 200 Fotos, die hier gesammelt sind und die zum Teil vorher nie gezeigt wurden, spiegeln sehr eindrucksvoll das Alltagsleben zwischen 1950 und 1960 wider. In den Bildern werden alle Facetten beleuchtet, von der Wohnsituation, über das Arbeits- und Freizeitleben, bis zu politischen und gesellschaftlichen Ereignissen. Der Fokus liegt dabei nicht allein auf Berlin, aber ein Großteil der Fotos ist tatsächlich hier entstanden.

Nylon und Polyester im Westen – Dederon im Osten

Die Bilder dokumentieren auch, dass die Menschen in der DDR wie in der Bundesrepublik zumindest am Anfang der 50er-Jahre gar nicht weit auseinanderlagen mit ihrem Alltag und ihrer Wunschliste: eine größere Wohnung, ein Bad mit fließend warmem Wasser, ein Kühlschrank, neue Kleider, vorzugsweise aus Synthetik – aus Nylon oder Polyester im Westen, aus Dederon im Osten.

Jede Ablenkung wurde damals dankbar aufgenommen. Überall eröffneten in den 50er-Jahren Cafés, Restaurants und Bars. 1951 fand die erste Berlinale statt. Auch die Wiedereröffnung des KaDeWe 1950 wirkt wie ein Statement: Wir sind wieder wer. Im Buch bezeugen das Fotos von der Präsentation der damals neuen Nylonstrümpfe oder vom ersten Sommerschlussverkauf.

Anfang der 50er-Jahre wurde vor allem noch selbst genäht, Stoffe waren eine begehrte Ware. Bloß weg mit der Kittelschürze der Nachkriegszeit. "In der Mode der Bundesrepublik wetteiferten dabei die eleganten Hollywood-Vorbilder mit den braven Trachtenmädchen des deutschen und österreichischen Heimatfilms ... Hier spiegelte sich die Ambivalenz des jungen Staates zwischen Restauration und moderner Weitläufigkeit", erklärt Andrea Meyer, die Autorin des Buches.

Sonntag ging es dann in die Ausflugslokale. Für die meisten war das der einzig freie Tag. 1955 wurden in der westdeutschen Industrie mit 49 Stunden die längsten Arbeitszeiten gemessen und vielerorts galt die Sechs-Tage-Woche. In der DDR sah es nicht anders aus.

Noch gab es offene Zonengrenzen, doch politisch war die Teilung längst vollzogen

Anfang der 50er-Jahre war auch die Teilung der Stadt noch nicht so massiv zu spüren wie nach dem Mauerbau. Die offenen Zonengrenzen boten noch eine gewisse Durchlässigkeit. Und noch immer gab es die Hoffnung, dass es vielleicht doch noch zu einer Vereinigung beider Staaten kommen würde. Der bis zum Bau der Mauer unverstellte Blick durchs Brandenburger Tor wirkt da wie eine Mahnung.

Doch auf politischer Ebene waren längst Tatsachen vollzogen. Die konkurrierenden politischen Systeme trafen nirgendwo so direkt aufeinander wie In Berlin. Auch das belegen Fotos aus dem Bildband. Während zum Beispiel West-Berliner Studenten über den Kudamm zogen, um für bessere Studienbedingungen zu kämpfen, zogen Ost-Berliner Studenten fahnenschwingend auf staatlich organisierten Demonstrationen durch die Straßen. "Die innerdeutsche Grenze teilte nicht nur einen ehemals geeinten Staat, sie trennte Weltanschauungen, Einflusssphären und politische Systeme", schreibt Andrea Mayer.

Der Blick in die weite Welt, den suchten die Menschen in Ost und West gleichermaßen. Ein Foto wurde am 2. Juni 1953 in Westend aufgenommen. Es war der Krönungstag von Elisabeth II. Zu Hause hatte damals noch kaum jemand einen Fernseher. Daher versammelten sich überall Menschen in der Stadt vor den Fernsehgeschäften, um das royale Ereignis zu verfolgen. So auch vor dem Radio- und Fernsehgeschäft Menzenhauer, das sich übrigens bis 2015 in der Reichsstraße hielt und seinen alten Charme bewahrt hatte. Gleich neben diesem Foto ist auch ein Bild aus Ost-Berlin zu sehen: Menschen vor einem Schaufenster mit Fernsehgeräten – nur dass sie dort wohl kaum die Übertragung der Krönung von Elisabeth sehen konnten.

Andrea Meyer: Die Fünfzigerjahre. Deutsches Alltagsleben in Ost und West, Palm Verlag, 14,95 Euro

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.