Litfaß-Säule

Ernst Litfaß war Berlins erster Reklamekönig

Vor 200 Jahren wurde Ernst Litfaß in Berlin geboren. Eine Hommage an einen Mann, der heute noch überall präsent ist.

Anfangs waren die Berliner nicht begeistert von der Idee: "Errichtung einer Anzahl von Anschlagsäulen", so hieß es 1854 im Vertrag mit dem Polizeipräsidium, "zwecks unentgeltlicher Aufnahme der Plakate" – gemeint waren entweder Behördenanschläge oder natürlich Werbung. In London und Paris gehörten solche Plakatsäulen längst zum Stadtbild, aber in Berlin war das noch ganz neu. Berliner Hausbesitzer machten sich Sorgen, dass ihr Grundstück weniger wert sei, wenn eine Litfaßsäule davor stünde. Andere sprachen von Verschandelung. Litfaß und seine "Litfaselei" spotteten die Zeitungen. Denn der betonte gebetsmühlenartig die "Verschönerung" der Stadt durch Litfaßsäulen. Verschönerung?! – det ick nich lache.

Doch Ernst Litfaß blieb bei seiner Vision und warb um die Berliner. Er ließ 1854 eine erste Probesäule vor seiner Druckerei in der Adlerstraße aufstellen, da konnte man auf dem Sonntagsausflug schon mal "kieken" gehen. Und zur feierlichen Übergabe der ersten Säule am 1. Juli 1855 engagierte er natürlich ein Musikkorps, ließ die extra zum Anlass komponierte "Annoncir Polka" spielen, die den ganzen Sommer lang weiter durch die Tanzlokale dröhnen würde. Ein Gassenhauer. Und die Berliner? Die liebten plötzlich ihre Litfaßsäule. Ernst Litfaß hatte die Herzen im Sturm erobert. Berlin und die schrille Werbesäule – das passte einfach.

Die Stadt wuchs – und Litfaß investierte

Heute würde man Ernst Litfaß, der genau vor 200 Jahren am 11. Februar 1816 geboren wurde, einen Start-up-Unternehmer nennen. Er begann mit wenig und stieg ganz groß auf zum Reklamekönig von Berlin. Weil er die Zeichen der Zeit las. Mit 29 Jahren rüstete er die Druckerei des Schwiegervaters auf, kaufte moderne, dampfbetriebene Schnellpressen. Schnelligkeit, das war die kommende Währung. Das 19. Jahrhundert würde eine unglaubliche Dynamik entwickeln. Ernst Litfaß war mittendrin.

Geboren wurde er in Berlin als Sohn eines Verlegers. Eine jüdische Unternehmerfamilie, der Vater starb früh, doch das Haus blieb interessant – Schriftsteller, Journalisten und Künstler verkehrten weiterhin hier. Ernst Litfaß begleitete Berlin in der Zeit, als es vom verschlafenen Provinznest zur Reichshauptstadt aufstieg. 200.000 Einwohner hat die Stadt bei seiner Geburt, über 800.000 werden es in seinem Todesjahr 1874 sein, 1877 wird dann die Millionengrenze geknackt. Schon früh ahnt er, dass Großstädte den Menschenmassen gehorchen. "Aber wo mehr als eine Million zusammenleben, da verliert der einzelne seine Bestimmungskraft, er wird zum Tropfen im Strome, der ihn in seinem brausenden Gange mitreißt!", schreibt er in einem Zeitungsartikel. "Reise Skizze nach Paris" heißt der.

Eine Riesenstadt braucht Riesenannoncen

Paris – diese Stadt wird ihn 1845 prägen. Spätestens jetzt weiß er, wie provinziell sein geliebtes Berlin noch ist. Und nicht nur Berlin – ganz Deutschland. Auf der Fahrt im Zug überlegt er sich in Braunschweig, "für gutes preußisches Geld eine gute Braunschweiger Wurst" zu kaufen, die "ursprünglich sehr groß und lang war". Der Hunger reicht nicht, die Wurst gleich komplett zu essen. Mit der halben Wurst unterm Arm will er zurück ins Coupé steigen, da ertönt eine Stimme: "Sie, mein Herr, was haben Sie unter dem Arm?" "Eine Wurst." "Die muss versteuert werden." Es ist das Deutschland der Kleinstaaterei, kurz vor der 1848er-Revolution. Lauter eigene Währungen, eigene Zölle, eigene Gesetze. Paris dagegen, das ist eine zentrale Metropole! Alles ist hier größer und prächtiger, die Stadt schläft niemals. Und die Werbung? Übergroß!

Eine Riesenstadt braucht Riesenannoncen, diese Weisheit bringt er aus Paris nach Hause. Berlin und Ernst Litfaß gehen eine Art Symbiose ein: Beide sind ehrgeizig, beide wollen den Aufstieg, beide sind sich nie zu schade, bei großen Vorbildern abzukupfern. Was London und Paris schon haben, wollen wir auch. Breite Straßenzüge, Kanalisation, S-Bahn und natürlich "Monsterplakate". Ernst Litfaß lässt Werbung übergroß drucken. Und keiner druckt mehr und schneller als er. Theaterzettel, Stadtpläne, Werbung, Bekanntmachungen.

Die Litfaßsäule soll Ordnung in die Stadt bringen

Doch diese Masse an Papier, sie macht der wachsenden Stadt auch zu schaffen. Jeder klebt sein Plakat an die Wand, wo es ihm gefällt. Das sieht chaotisch aus. Und so soll die Litfaßsäule Ordnung in die Stadt bringen – auch deshalb ist der damalige Polizeipräsident Karl von Hinckeldey daran interessiert. Städtische Verschönerung.

Und einen zweiten Grund hat er: die Kontrolle! Das revolutionäre 1848 steckt den Ordnungshütern noch in den Knochen, als 1855 die ersten 100 Litfaßsäulen im Stadtbild auftauchen. Schluss mit der freien Meinung! Auf einer Litfaßsäule darf nur angeschlagen werden, was polizeilich genehmigt wird. Man glaubt, Meinungen so unterdrücken zu können. Doch Ernst Litfaß ist selbst ein alter 1848er. Er weiß um die Dynamik der Moderne. Ein Schupo wird kaum nachkommen, Werbung ist einfach flotter.

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