Neues Buch

Das Leid der Frauen von Ravensbrück

Die Autorin Sarah Helm beschreibt in ihrem Buch "Ohne Haar und Namen" das Grauen im KZ - ein bewegendes Dokument.

Foto: Reto Klar

"Die Frauen erfuhren später, dass die als Zigeunerin Eingesperrte verrückt geworden war, weil man ihr zuvor ihr sechs Wochen altes Baby aus dem Arm gerissen hatte. Sie stillte noch und ihre Brüste waren angeschwollen und hart geworden, was ihre Qual vergrößerte. Keiner kannte ihren Namen und es gibt keinen offiziellen Bericht über ihren Tod. Möglicherweise war sie die erste Gefangene, die in Ravensbrück ermordet wurde ..."

Schicksale wie das der jungen Frau gibt es viele in dem Buch von Sarah Helm, das den Titel "Ohne Haar und Namen" trägt und die Geschichte des Frauen-KZ Ravensbrück erzählt.

Ravensbrück, 80 Kilometer nördlich von Berlin am südlichen Rand der Mecklenburgischen Seenplatte gelegen, war nach Auffassung von SS-Führer Heinrich Himmler ein geeigneter Standort für ein Konzentrationslager. Das Lager wurde im Mai 1939 eröffnet und sechs Jahre später von russischen Soldaten befreit. Insgesamt waren dort rund 130.000 Frauen inhaftiert – unter ihnen Persönlichkeiten wie die Kommunistin Margarete Buber-Neumann, die Widerstandskämpferin Olga Benario oder die Journalistin und Kafka-Vertraute Milena Jesenská.

Den Opfern ein Gesicht geben

Über die Geschichte des Frauen-Lagers war bisher nur wenig bekannt. Sarah Helm hat nun versucht, den vielen Frauen, die dort geschlagen, ausgehungert, durch Zwangsarbeit getötet oder vergiftet, hingerichtet oder vergast worden sind, ein Gesicht zu geben, indem sie ihre Geschichten erzählt.

Am wichtigsten für dieses Buch sollten, so Helm, "die Stimmen der Gefangenen selbst werden, "sie wurden mein Leitfaden für das, was wirklich geschah". Das umfassende Werk – es sorgte bei Erscheinen in Großbritannien für herausragende Kritiken – erscheint heute in deutscher Übersetzung. Sarah Helm setzt sich große Ziele für ihr Buch. Sie will "die Bruchstücke der Geschichte so gut" zusammensetzen, wie es ihr möglich ist, um so "Licht auf die Verbrechen der Nazis gegen Frauen zu werfen". Um das zu erreichen, hat sie in mühevoller Recherchearbeit die letzten Überlebenden ausfindig gemacht und sie besucht, um von ihnen ihre ergreifenden Geschichten zu hören. Die Berichte dieser Zeitzeuginnen sind die Grundlage für dieses Buch, in dem Helm so lückenlos wie möglich die "Biografie von Ravensbrück" dokumentiert.

Obwohl Ravensbrück nicht als Vernichtungslager angelegt war, starben dort insgesamt zwischen 30.000 und 90.000 Frauen. Anfangs waren meist deutsche Frauen inhaftiert. Kommunistinnen, Zeuginnen Jehovas, Sinti und Roma oder Prostituierte, Obdachlose und Straftäterinnen. Später kamen dann Frauen aus den von Deutschland besetzten Ländern hinzu, Polinnen zum Beispiel – etwa zehn Prozent aller Insassinnen waren jüdische Frauen.

Verstörende Schicksale

Es ist nicht leicht, das Buch zu lesen. Die beschriebenen Schicksale sind derart verstörend, dass es einem immer wieder den Atem verschlägt. Es ist so brutal, was da passierte, so unmenschlich, dass man es manches Mal kaum aushält, davon zu lesen. Unvorstellbar, was Menschen anderen Menschen anhaben konnten. Die Philosophin Hannah Arendt hat von der Banalität des Bösen gesprochen, als sie 1961 den Prozess gegen den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann verfolgt hat. Sahra Helms Dokumentation macht deutlich, was sie meinte.

Da wird etwa über das bestialische Vorgehen des Lagerarztes Doktor Sonntag berichtet und gleichzeitig aus dessen Briefen an seine Frau zitiert, die ihn als einen eitlen Menschen entlarven, der kleinbürgerlicher nicht sein konnte und um seines beruflichen Aufstiegs willen jede Menschlichkeit fahren ließ. Das Buch macht aber auch Mut, erfährt der Leser doch, dass viele Frauen selbst unter den schrecklichsten Bedingungen versuchten, menschlich zu bleiben und anderen zu helfen, dass sie standhaft blieben. So konnten sie ihren Glauben und ihre politischen Überzeugung bewahren.

"Ohne Haar und ohne Namen" erzählt sowohl von den Gräueltaten der Nationalsozialisten als auch vom Überlebenskampf der Frauen. Beides darf nicht vergessen werden. Eine der Überlebenden, Yvonne Baseden, die im französischen Widerstand aktiv war und deshalb von den Nazis eingesperrt worden ist, sagte Anfang der 90er-Jahre zu Sarah Helm: "Niemand wollte jemals etwas wissen, seit dem Augenblick, als wir zurückgekommen sind." Es sei zu grausam gewesen, was sie erlebt hätten.

Lesung in der Topographie des Terrors mit Katharina Thalbach

Sarah Helm wollte alles wissen, und sie hat alles aufgeschrieben in "Ohne Haar und ohne Namen". Am heutigen Dienstagabend wird die Schauspielerin Katharina Thalbach aus ihrem Buch lesen. Im Anschluss daran werden die Autorin, die in London lebt, Andreas Nachama, Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, und die Historikerin Insa Eschebach debattieren. Die Veranstaltung findet um 19 Uhr in der Topographie des Terrors an der Niederkirchnerstraße 8 statt. Der Eintritt ist frei.

Sarah Helm: Ohne Haar und ohne Namen, Theiss Verlag. 38 Euro.

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