Sanatorium

Hitler bis Honecker: Die Geschichte der Beelitz-Heilstätten

Hitler ließ in Beelitz eine Verletzung behandeln, Honecker floh von hier nach Moskau: Ein Buch erklärt die Geschichte der Heilstätten.

Idylle im Sanatorium: Das Bild zeigt eine der Liegehallen, in denen sich vor allem lungenkranke Berliner erholten

Idylle im Sanatorium: Das Bild zeigt eine der Liegehallen, in denen sich vor allem lungenkranke Berliner erholten

Foto: Sammlung Jüttemann / BM

Stundenlang unter einer Decke auf dem Balkon liegen, in die Ferne blicken und dabei das Weltgeschehen diskutieren. So kurierten die Patienten in Thomas Manns "Zauberberg" die Tuberkulose aus.

Eine der größten Lungenheilstätten der Zeit aber stand nicht in den Schweizer Bergen, sondern in Beelitz: 20 Kilometer von der Stadtgrenze entfernt wurde im Süden Berlins 1902 ein Lungensanatorium fertiggestellt.

"Beelitz gehörte damals zu den größten und fortschrittlichsten Sanatorien seiner Zeit", schreibt Andreas Böttger in dem jetzt erschienenen Buch "Beelitz-Heilstätten", das er gemeinsam mit Andreas Jüttemann und Irene Krause verfasst hat. Während sich in der Schweiz die wohlhabenderen Tuberkulosekranken erholten, wurden die Heilstätten in Brandenburg für Berliner Arbeiter gebaut. Sie litten besonders häufig an der Infektionskrankheit, weil sich die Tbc-Erreger in den engen, feuchten Mietskasernen der Stadt schnell verbreiteten.

Die Berliner Landesversicherungsanstalt hatte den Bau der Krankenhausstadt 1898 beschlossen. Vier Komplexe wurden gebaut, jeweils ein Sanatorium für chronisch Kranke und eine Lungenheilstätte für Männer und für Frauen, nach einer Erweiterung boten sie ab 1908 Platz für 1200 Patienten.

Männer mit Kaiser-Wilhelm-Bärten bevölkerten die Liegehallen

Die Planer verließen sich nicht nur auf die Heilkräfte der sauberen, brandenburgischen Luft. Sie wussten auch, wie wichtig es ist, dass sich die Patienten während ihrer monatelangen Kur wohlfühlen. Deshalb bauten sie eine Siedlung im englischen Landhausstil. "Kleingliedriges Zierfachwerk, verspielte Giebel sowie kunstvoll gestaltete Laternen und Gauben verliehen den Häusern ein freundliches Gesicht", heißt es in dem Buch.

Fotos zeigen Patienten in den Liegehallen zwischen den Kiefern der Beelitzer Wälder, Männer mit Kaiser-Wilhelm-Bärten im holzvertäfelten Speisesaal, helle Behandlungsräume mit großen Fenstern. Neben den historischen Aufnahmen haben die Autoren für ihr Buch auch Berichte von Zeitzeugen zusammengetragen, eine Postkarte aus dem Januar 1912 beispielsweise, auf der ein Patient namens Emil seinem Bruder von der "Sommerfrische in Beelitz" berichtet: "Es ist ein angenehmes Gefühl, jetzt bei 15 Grad Kälte täglich 6 Stunden im Freien zu liegen", zitieren die Autoren den Wortlaut seiner Karte. Und weiter: "Jeder konnte es nicht erwarten daß er den Vorwärts in die Hände bekam, hoffentlich gelingt es diesmal unsere Partei im Reichstag zu mustern" – ein Hinweis darauf, dass unter den Patienten viele Sozialdemokraten waren.

Die Salami des Sanatoriums kam aus der eigenen Fleischerei

Die Autoren haben eine enge Verbindung zu dem Ort, über den sie schreiben: Andreas Jüttemann, Autor mehrerer Bücher über Berliner Kieze und ihre Geschichte, schrieb seine Doktorarbeit über die Geschichte der Heilstätten. Andreas Böttger hat ein Unternehmen gegründet, das Fototouren an "geheime Orte" wie in Beelitz anbietet. Irene Krause führt Gäste über das Gelände. Gemeinsam haben sie mehr als nur Archivwissen zusammengetragen. Sie erzählen von "Liegekur-Vereinen mit wechselnden Vorständen", von der Spuckflasche "Blauer Heinrich", von der Salami aus der eigenen Fleischerei.

Nicht einmal 30 Jahre lang wurde die Anlage als Heilstätte für Tuberkulosepatienten genutzt. Während beider Weltkriege diente sie als Lazarett für verletzte Soldaten, zu denen 1916 auch der Gefreite Adolf Hitler gehörte. Mit dem Kriegsende 1945 wurde Beelitz sowjetisches Militärkrankenhaus, zu dem die Menschen aus der Umgebung keinen Zugang hatten. Dennoch habe man sich häufiger hinter dem Badehaus zum gemeinsamen Wodkatrinken mit den Deutschen getroffen. Im April 1990 wurden zwei Deutsche sogar ganz offiziell in den Heilstätten aufgenommen: Erich Honecker und seine Frau lebten dort auf sowjetischem Hoheitsgebiet, bis sie ein knappes Jahr später nach Moskau ausgeflogen wurden.

Heute gibt es auf dem Parkgelände ein Baumkronenpfad

Nach ihrem Abzug aus Deutschland 1994 ließen die russischen Truppen die Gebäude in desolatem Zustand zurück. Mehrere Unternehmen entwickelten in den Jahren danach Konzepte für das Gelände, von denen längst nicht alle umgesetzt werden konnten. Inzwischen gibt es in Beelitz-Heilstätten etwa Rehakliniken und eine Parkinsonklinik, ein Hotel, ein Feuerwehr-Trainingszentrum und den Heil­stät­tenpark mit einem Baumkronenpfad. Fotografen und Filmteams nutzen die halb verfallenen Gebäude. Lungenkranke allerdings werden in Beelitz-Heilstätten nicht mehr behandelt.

Andreas Böttger, Andreas Jüttemann und Irene Krause: "Beelitz-Heilstätten. Vom Sanatorium zum Ausflugsziel". Verlag Orte der Geschichte, 5 Euro

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