Literatur

Ein Buch über Kästner macht das versunkene Berlin lebendig

Der Literaturwissenschaftler Michael Bienert erweckt Erich Kästners Berlin mit einem spannenden Buch zum Leben. Wer sich die Hauptstadt der 20er-Jahre vergegenwärtigen will, sollte zugreifen.

Foto: Zentral- und Landesbibliothek Berlin/Fachbereich Berlin-Studien/Postkartensammlung / Zentral- und Landesbibliothek Be

Die Litfaßsäule hat schon fast etwas Magisches. Der jüdische Illustrator Walter Trier, ein enger Freund Erich Kästners, setzte ihr 1929 ein Denkmal, als er den Umschlag des Romans "Emil und die Detektive" gestaltete. Wie ein Monolith steht der Werbezylinder in einer stilisierten Berliner Stadtlandschaft, die in kräftigstem Gelb aufleuchtet. Zwei Halbwüchsige verstecken sich hinter der Säule und beobachten einen Mann mit steifem Hut. Die Sonne zeichnet harte Schatten auf das Pflaster.

In der Geschichte des Romans kommt diese Szene so gar nicht vor. Emil Tischbein, zwölf Jahre alt, fährt aus der Provinz erstmals nach Berlin, um Verwandte zu besuchen. Seine Mutter hat ihm Geld für die Oma mitgegeben, er befestigt die 140 Mark mit einer Sicherheitsnadel im Innenfutter seiner Jacke. Ihm gegenüber sitzt ein dubioser Typ mit einem steifen Hut. Emil schläft ein, und als er in Berlin aufwacht, ist alles weg: das Geld und der Mann mit dem Hut ebenfalls. Nun verfolgt Emil, umgeben von einer wachsenden Schar minderjähriger Ermittler, den Dieb durch die Stadt. Hinter einer Litfaßsäule versteckt er sich dabei allerdings nicht.

Aber es gibt sie in der Wirklichkeit, irgendwo unweit der Trautenaustraße in Wilmersdorf. Sie gehörte 1927, nachdem Erich Kästner aus Leipzig nach Berlin gezogen war, zu den stummen Zeugen seines Alltags. Er wohnte zuerst nicht weit entfernt von der Trautenaustraße in der Prager Straße, als "möblierter Herr", wie man das damals nannte, bei der Witwe Ratkowski. Und seine Vorsätze waren nicht eben unbescheiden. "Wenn ich 30 Jahre bin", hatte der damals 27-jährige Kästner schon im Vorjahr festgestellt, "will ich, dass man meinen Namen kennt. Bis 35 will ich anerkannt sein. Bis 40 sogar ein bisschen berühmt. Obwohl das mit dem Berühmtsein gar nicht so wichtig ist. Aber es steht nun mal auf meinem Programm. Also muss es eben klappen!"

"Ein verbrannter und verbotener Autor"

Michael Bienert, der jetzt dieses sehr lesenswerte und liebevoll gestaltete Buch über Kästners Berlin vorgelegt hat, konstatiert nüchtern, dass der Schriftsteller seinen eigenen Plänen sogar zuvor kam. "In Berlin ging alles schneller. Mit 35 Jahren war Kästner nicht nur ein berühmter, sondern auch ein verbrannter und verbotener Autor."

Bienert, der 50-jährige Literaturwissenschaftler und Publizist, hat sich schon oft als kenntnisreicher Fährtenleser von Dichtern in Berlin erwiesen. Er hat Friedrich Schiller, Joseph Roth, Bertolt Brecht und viele andere mit vorbildlicher Akribie auf ihren Wegen durch die Stadt verfolgt und dabei jedes Mal auch das historische Kolorit ihrer Zeit herausgearbeitet. So gelingt es ihm auch bei Kästner, diesem nur scheinbar leichthändigen Ironiker, der nicht nur mit dem "Emil" , sondern auch mit "Pünktchen und Anton" und mit "Fabian – Die Geschichte eines Moralisten" Romane schrieb, die ganz in der Gegenwart des damaligen Berlin spielten.

Und das stimmt gleichzeitig melancholisch an diesem Buch: Dieses Berlin, diese unberechenbare, vitale Metropole, die in den 20er-Jahren so etwas wie ein kreatives Kraftzentrum der Welt war, dieses Berlin ist heute nur noch in Schemen erkennbar. Das "Romanische Café" an der Gedächtniskirche, ein Treffpunkt der literarisch Ambitionierten, das Kästner stichelnd als "Wartesaal der Talente" beschrieb: Es existiert heute nur noch als Reminiszenz, als Name einer Bar im neuen "Waldorf Astoria". "Schwannekes Weinstuben" in der Rankestraße, wo das Establishment des Literaturbetriebs der Weimarer Republik ein- und ausging: nur noch eine ferne Erinnerung. Zu schweigen von all den Impulsen, die von jüdischen Künstlern wie Walter Trier und Joseph Roth ausgingen. Von hysterisch schreienden Braunhemden verscheucht, verbrannt und in Trümmer gelegt wurde dieses Berlin, das hier noch einmal als eine große, vergebene Chance der deutschen Geschichte aufscheint.

"Die Nacht glüht auf in Kilowatts"

Und Kästner steht mittendrin, schreibt unermüdlich Glossen und Feuilletons für das "Berliner Tageblatt" oder die "Berliner Illustrirte Zeitung", für die "Weltbühne" und die "Vossische Zeitung". Er taucht ein in das Leben am Potsdamer Platz, dem er eines seiner messerscharfen Gedichte widmet: "Sie stehen verstört am Potsdamer Platz", heißt es darin über die Touristen in der Hauptstadt. "Und finden Berlin zu laut. Die Nacht glüht auf in Kilowatts. Ein Fräulein sagt heiser: 'Komm mit, mein Schatz!'. Und zeigt entsetzlich viel Haut." Es ist dieser sachlich-sarkastische Ton, den viele an Erich Kästner so schätzen und der das damalige Lebensgefühl bis heute am Leben erhält.

Das Buch versammelt zahlreiche Bilder, die das versunkene Berlin erfahrbar machen. Das Polizeipräsidium am Alexanderplatz, an dessen Stelle heute mit dem Alexa der größte architektonische Irrtum Berlins lagert, die unversehrte Gedächtniskirche mit ihren Türmen und Seitenschiffen, die Setzereien des Zeitungsviertels, die Komische Oper an der Weidendammer Brücke, Onkel Pelles Rummelplatz an der Müllerstraße im Wedding: All diese Orte bildeten die Kulisse einer Stadt, die mit leuchtenden Fackeln in den Abgrund marschierte. Kästner sah es sich mit an, er wählte die innere Emigration, auch wenn man seine Bücher auf dem Bebelplatz verbrannte. "Mich lässt die Heimat nicht fort", schrieb er in einem Gedicht. Erst nach dem Kriegsende zog er nach München, wo er seine letzten Lebensjahrzehnte verbrachte. Wer sich sein Berlin vergegenwärtigen will, dem leistet Michael Bienert große Hilfe.

Michael Bienert, Kästners Berlin. Literarische Schauplätze. Verlag für Berlin Brandenburg, 160 Seiten, 24,99 Euro.

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