Start-up-Finanzierung

Berlin bleibt die Metropole des Wagniskapitals

Mehr Investments für Start-ups, aber ein halbiertes Volumen. Berlin bleibt die Metropole für Wagniskapital in Deutschland.

In den Coworking-Büros des Unternehmens Mindspace arbeiten in Berlin Hunderte Gründer

In den Coworking-Büros des Unternehmens Mindspace arbeiten in Berlin Hunderte Gründer

Foto: Alexander Heinl / picture alliance / dpa

Berlin.  Mit insgesamt 220 Finanzierungsrunden bleibt Berlin weiter eine Metropole für Wagniskapital. Das geht aus einer Studie des Wirtschaftsprüfungsunternehmens Ernst & Young (EY) hervor. Zweimal im Jahr nimmt das Unternehmen Risikokapitalinvestitionen in Europa unter die Lupe.

Das Investitionsvolumen im ersten Halbjahr beläuft sich damit auf etwa eine Milliarde Euro nach gut zwei Milliarden im Vorjahreszeitraum. Damit fällt Berlin im europäischen Städtevergleich vom ersten auf den vierten Platz zurück.

Jedes zweite deutsche Investment in Berlin

Bei Wagniskapital handelt es sich um Geldbeträge im mehr als sechsstelligen Bereich, die Investoren vor allem in Digital- oder Technologie-Start-ups stecken und dafür im Gegenzug Firmenanteile erhalten. Wächst das Start-up, steigt der Wert der Anteile, die der Wagniskapitalgeber (VC, engl. Venture Capitalist) besitzt. Wenn das Start-up keinen Erfolg hat, und das ist bei 70 bis 80 Prozent aller Start-ups der Fall, ist die Investition verloren.

Nahezu die Hälfte der insgesamt 486 (Vorjahr: 417) VC-Finanzierungsrunden in der Bundesrepublik entfielen laut der EY-Studie auf die Hauptstadt. Der Studie zufolge entwickelte sich der Trend vor allem hin zu kleineren und mittelgroßen Runden (bis zu einem Betrag von zehn Millionen Euro). Deren Zahl stieg im Vergleich zum Jahr 2015 deutlich von 210 auf 319.

Weniger große Transaktionen für Berliner Start-ups

Stark gesunken ist dagegen die Zahl der großen Transaktionen im Volumen von mehr als 50 Millionen Euro – von zwölf auf sechs. Bei den großen Investitionen der früheren Jahre handelte es sich um einige wenige Transaktionen im Bereich des in Berlin starken Onlinehandels.

Die Zahlen seien insgesamt gut für Berlin und seine Gründer, sagt Dörte Höppner, Managing Director der auf Wagniskapital spezialisierten Berliner Antwaltskanzlei Pöllath und Partners. "Allerdings ist der Trend bedenklich, dass zwar mehr Runden finanziert werden, aber eben leider auch deutlich weniger große Runden."

Es seien vor allem die großen Finanzierungsrunden, die darüber entscheiden, ob ein Start-up zum "Scale-up" werde, also einem Unternehmen, das die kritische Größe erreicht, um nachhaltig auf eigenen Füßen zu stehen. "Es reicht nicht, wenn in Berlin zwar viele Runden gestemmt werden, aber das Gesamtvolumina um fast die Hälfte einbricht", sagte sie.

Meilenweit von Europas Silicon Valley entfernt

Berlin sei noch meilenweit entfernt, ein europäisches Silicon Valley zu werden, sagt Höppner. "Dazu fehlt es vor allem an lokalem Venture Capital, das in der Stadt investiert." Zwar würden sich viele Wagniskapitalgeber in der Stadt tummeln, aber die meisten Finanzierungsrunden stammen von ausländischen Teams, auch von deutschen, "aber eben nicht von Berliner VCs".

Die Branchenexpertin ist sich sicher, dass sich auch dieser Markt entwickeln wird, "schließlich gibt es diese Berliner Teams schon, wie Point Nine Capital oder Cherry Ventures – es müssen eben nur noch mehr werden."

IBB-Chef sieht kein Ende des Gründerbooms

Jürgen Allerkamp, der Vorstandsvorsitzende der Investitionsbank Berlin, sieht angesichts der von EY vorgelegten Zahlen keinen Grund zur Sorge. Der Rückgang der absoluten Investitionszahlen sei "bei Weitem nicht der Anfang vom Ende des Gründerbooms in Berlin", sagt er. Vielmehr handele es sich um ein Symptom eines weltweiten Rückgangs bei Wagniskapitalfinanzierungen, auch aufgrund der vermehrten politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten.

"Besonders erfreulich ist, dass Berlin in Deutschland die Finanzierungsrunden bei FinTechs mit weitem Abstand anführt." Als FinTechs werden Unternehmen bezeichnet, die digitale Finanzdienstleistungen anbieten.

Investoren schauen genauer auf Businesspläne

"Aus Sicht unserer Beteiligungsgesellschaft war das seit einigen Jahren große Interesse nationaler und internationaler Investoren an der Beteiligung an Finanzierungsrunden in Berlin auch 2016 unverändert stark", erläutert Allerkamp. So sei es im vergangenen Jahr gelungen, bei Eigeninvestitionen in Höhe von 15 Millionen Euro Drittmittel im Volumen von 105 Millionen Euro zu aktivieren und damit insgesamt Wagniskapital im Volumen von 120 Millionen Euro für Berliner Start-ups zu mobilisieren.

Allerkamp bezeichnet es als Vorteil, dass die internationalen Investoren potenzielle Investments nun gründlicher untersuchen und verstärkt auf den Businessplan sowie den Nachweis der Profitabilität achten. "Insgesamt ist also von einer Normalisierung, aber nicht von Vorboten eines Austrocknens bei Start-up-Finanzierungen zu sprechen", so der Bankchef weiter.

Berlin weltweit unter den zehn VC-Hotspots

"Berlin hat sich inzwischen als einer der Top zehn VC-Hotspots weltweit etabliert", beschreibt Dörte Höppner die Szene. "Das ist eine enorme Leistung. Vor ein paar Jahren war das noch nicht so klar, da dachten viele, dass in Berlin nur ein VC-Strohfeuer brennt."

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