Landwirtschaft in Berlin

Fische aus Schöneberg für ganz Europa

Urban Farming ist in den großen Städten der Welt ein Trend. Auch ein Berliner Unternehmen expandiert bereits.

Frisches Gemüse inmitten der Stadt: Der Gründer des Efficient City Farming in Schöneberg, Christian Echternacht

Frisches Gemüse inmitten der Stadt: Der Gründer des Efficient City Farming in Schöneberg, Christian Echternacht

Foto: Reto Klar

Berlin.  Silbrig-weiß schimmern die Fische kurz unter der Wasseroberfläche. Sie schwimmen im Kreis, schieben sich übereinander, schnappen nach Futterstückchen. 13 runde Becken sind mit den Buntbarschen gefüllt. Sie stehen, durch eine Glaswand getrennt, neben Tomatensträuchern in einem Gewächshaus. Mitten in Berlin.

Seit zwei Jahren züchten Christian Echternacht und Nicolas Leschke Fische und ernten Gemüse in der Hauptstadt. Jetzt wollen sie ihr Konzept der nachhaltigen Landwirtschaft in andere deutsche und europäische Großstädte bringen.

2014 begannen die Gründer von ECF (Efficient City Farming) Farmsystems auf dem Gelände der Malzfabrik Schöneberg mit dem Anbau von Gemüse zu experimentieren. Das Besondere: Fisch und Gemüse sollen ressourcenschonend kultiviert werden. "Wir haben die Vision, Verbrauchern Zugang zu nachhaltig erzeugten Lebensmitteln zu ermöglichen", sagte Echternacht damals. Das Wasser der Fischbecken wird auch zur Bewässerung des Gemüses genutzt, die Lieferwege sollen durch den Standort in der Innenstadt minimiert werden.

Gefördert wurden die Berliner Unternehmer dabei von Climate-Kic, einem Netzwerk der Europäischen Union für Klimaschutz-Innovationen. Ausgezeichnet wurden die beiden unter anderem bei dem "Cleantech Open", dem weltgrößten Branchenevent im amerikanischen Silicon Valley. Dort gewannen sie die Preise für das beste Start-up im Bereich Landwirtschaft und Wasser sowie in der Kategorie International.

Zurzeit werden in der Stadt-Farm Fische, Tomaten, Salat, Basilikum und Microgreens, kleine Pflanzen, die nach Senf, Gurke oder rote Beete schmecken, gezüchtet. "Wir könnten auch Streifenbarsche, Barramundi, Zander oder Forelle produzieren, wichtig ist nur, dass es Süßwasserfische sind", erklärt Echternacht. Täglich werden drei bis fünf Prozent des Wassers aus den Fischbecken gewechselt und zur Bewässerung des Gemüses genutzt.

Dazu wird das Wasser mit den Hinterlassenschaften der Barsche gefiltert, umgewandelt und als Dünger für das Gemüse verwendet. So wird Grundwasser eingespart und der Dünger muss nicht eingekauft werden. Diese Verbindung von Aquakultur und dem Anbau von Pflanzen in Nährlösung statt Erde nennt sich Aquaponik.

25 Tonnen Fisch und 35 Tonnen Gemüse

25 Tonnen Fisch und etwa 35 Tonnen Gemüse produziert das Unternehmen pro Jahr. Abnehmer sind Lebensmittelanbieter wie die Metro Group und das FrischeParadies, Restaurants wie das "Stone Brewing" und Hotels wie das "Estrel".

Finanziert wird das Unternehmen von der Investitionsbank Berlin und Privatinvestoren. Seit Anfang 2015 sind das Gewächshaus und die Aquakultur in Betrieb. Parallel zu den Arbeiten in Berlin entstand 2015 eine Kundenfarm in der Schweiz auf dem Dach eines Gemüsehändlers. 2016 soll eine Farm auf einem Dach eines Schlachthofes in Brüssel folgen. 2017 stehen Projekte in Luxemburg, der Schweiz und Albanien an.

Auch fünf deutsche Städte sind an einer Gemüse- und Fischfarm interessiert. Welche dies genau seien, wollen die Gründer noch nicht verraten. Ihre Firma ist bei solchen Projekten für die Beratung, die Planung und den Bau der Farm zuständig. Mitarbeiter kommen zur Einführung in das städtische Gärtnern zu Lehrgängen nach Berlin.

Für den Erfolg einer Farm sind unterschiedliche Faktoren entscheidend. In der Schweiz machen die hohen Lebensmittelpreise das Farmsystem rentabel, in Albanien soll der Gewinn dank der zwei Hektar großen Anbaufläche erwirtschaftet werden. Mit der Berliner Farm wird zwei Jahre nach der Eröffnung allerdings immer noch kein Gewinn erzielt. Dies gehöre aber zu dem Plan des Start-ups, erklärt Echternacht. Zurzeit sammle man in Schöneberg vor allem Erfahrungen.

Ausprobiert haben die beiden Gründer in den letzten zwei Jahren vieles. Zum Beispiel, ein Kartoffelanbausystem. Es war jedoch störanfällig, die Pflanzen nicht gesund genug, der Ertrag pro Quadratmeter zu niedrig. Die Kartoffeln mussten das Gewächshaus wieder verlassen

Kartoffeln und Tomaten verkaufen sich nicht so gut

Auch die Tomaten schwächeln: "Die Tomaten sind das umsatzschwächste Gemüse", sagt Christian Echternacht. Deshalb sollen sie bald durch Salate, Basilikum und Microgreens ausgetauscht werden. Die Microgreens wachsen pro Quadratmeter am besten. Der Verkauf von großen Mengen ist jedoch schwierig. Um einen Gewinn erzielen zu können, müsse sich das Unternehmen auf wenige Gemüsesorten konzentrieren, die gut wachsen und sich gut vertreiben lassen, betont Echternacht. Wer einmal selbst einen Blick in das Gewächshaus der Berliner Farm werfen möchte, kann jeden zweiten Freitag zum Tag der offenen Tür vorbeikommen. Die Führung kostet fünf Euro pro Person.

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