Brexit-Flüchtlinge

Brexit: Immer mehr Gründer wollen von London nach Berlin

Zahlreiche britische Unternehmen informieren sich über den Standort Berlin. Ein Gründer ist bereits in die Hauptstadt gezogen.

Thomas Schneider ist mit seinem Start-up BrickVest von London nach Berlin gezogen. Er arbeitet jetzt an der Friedrichstraße

Thomas Schneider ist mit seinem Start-up BrickVest von London nach Berlin gezogen. Er arbeitet jetzt an der Friedrichstraße

Foto: Amin Akhtar

Berlin.  Thomas Schneider hat vorgesorgt. Er will nicht warten, bis der Brexit kommt – oder auch nicht kommt – oder irgendwann in einer Mogelpackung vollzogen wird.

Der Investmentbanker hat in London seine Koffer gepackt, das Laptop zugeklappt und ist nach Berlin gezogen. Der Gründer des Unternehmens BrickVest, einer Internetplattform für Immobilieninvestments, arbeitet mit zunächst drei Kollegen an der Friedrichstraße in Mitte.

In den nächsten zwölf Monaten soll sein Team auf 35 Menschen wachsen. Schneider ist der wohl erste Brexit-Flüchtling in Berlin. "Wenn der harte Brexit kommt, dann sehen wir in London keine Zukunft", sagt er. Doch ob Berlin die Zukunft ist, muss sich erst noch zeigen.

"30 Prozent weniger Miete im Vergleich zu London"

"Hier zahlen wir 30 Prozent weniger Miete im Vergleich zu London für schönere Flächen", sagt Schneider. Hinzu kommen der für die Angestellten wichtige Lifestyle-Faktor von Berlin und die niedrigen Lebenshaltungskosten. Doch das sind eher Nebensächlichkeiten. Bei der Wahl zwischen Berlin und London zählt vor allem der große Pool an Talenten. Für BrickVest sind das insbesondere die hoch qualifizierten Softwareentwickler, die häufig aus osteuropäischen Ländern stammen.

Nur mit solchen Leuten, die in London rar und teuer sind, lassen sich Produkte für die Zukunft entwickeln – zum Beispiel wie im Fall von BrickVest eine Blockchain-Anwendung für Immobilieninvestitionen. Dabei handelt es sich um eine dezentrale Datenbank, die auf ein Netzwerk aus vielen Computern verteilt ist. Sie enthält verschlüsselte und manipulationssichere Datensätze (Blocks).

Mit ihnen lassen sich Eigentumsstrukturen lückenlos nachweisen, was einen Notar überflüssig macht. "Wir haben eine solche Anwendung zum Patent angemeldet und wollen damit in sieben Monaten live gehen", sagt Schneider. Neben der Softwareentwicklung wird in Berlin die Verwaltung (Backoffice) angesiedelt. Hier sitzen die Ansprechpartner der Fonds, mit denen BrickVest Geschäfte macht.

Es geht um das Angebotan Fachkräften

"Gut zwei Dutzend Unternehmen aus Großbritannien sind an einem Umzug nach Berlin interessiert und haben Informationen über unsere Stadt angefragt", sagt Stefan Franzke, Geschäftsführer der Wirtschaftsförder-Agentur Berlin Partner. Bei zwei Unternehmen ist das Interesse sogar konkreter. "Eine dieser Firmen will im Oktober in Berlin ein Büro eröffnen", sagt Franzke. Weitere Details will er dazu nicht nennen – außer, dass es sich um einen Finanzdienstleister handelt.

Die in Berlin lebenden Talente sind ein Hauptgrund für das Interesse der britischen Jungunternehmen an einem Wechsel. "In 70 Prozent der Anfragen geht es um das Angebot an Fachkräften", sagt Franzke. Berlin kann aber auch mit anderen Faktoren punkten – vor allem mit seiner Internationalität. "Berlin ist eine Stadt, in der ich mit englischen Sprachkenntnissen gut durchs Leben komme", sagt Franzke. Konkurrenten seien hier allenfalls das irische Dublin sowie skandinavische Städte. "Andere Städte sind den Start-ups nicht international genug." Bei jungen Unternehmen gewinne zunehmend an Bedeutung, in welcher Stadt sich die Angestellten am wohlsten fühlen, sagt der Berlin Partner-Chef.

Stark gewachsene Start-up-Szene

Hinzu kommt als Berlin-Argument die stark gewachsene Start-up-Szene. "Man will sich von anderen Fachkräften inspirieren lassen", berichtet Franzke. Berlin sei inzwischen ein Standort mit Expertise gerade im Bereich der Finanzdienstleistungen. Die neu gegründeten Direktbanken N26 und die SolarisBank hätten bewiesen, dass es auch als Brancheneinsteiger möglich sei, eine Bank­lizenz von der international als sehr streng geltenden Regulierungsbehörde BaFin zu erhalten. "Daran sieht man, dass FinTechs auch in Deutschland eine Lizenz bekommen können."

Auch Netzwerke fließen in die Standortentscheidung ein. So unterhält Berlin Partnerschaften mit Tel Aviv, Paris, Shanghai und New York. Kooperationspartner von Berlin in den USA ist dabei die Barclays-Bank. Unternehmen aus Berlin haben die Chance, in den Accelerator des britischen Geldhauses aufgenommen zu werden.

Dieses Stadium hat BrickVest längst hinter sich gelassen. Es ist eine Plattform, die im Internet Beteiligungen an Immobilieninvestitionen vermittelt. Das ist eine Art Schwarmfinanzierung (Crowdinvestment) für Profis. Sie ist anders als Online-Plattformen wie iFunded oder Zinsbaustein, auf denen sich Privatanleger an Nachrangdarlehen beteiligen können und dafür je nach Anbieter eine Rendite zwischen drei und sieben Prozent in Aussicht gestellt bekommen. "Solche Investments würde kein Profi zu diesen Konditionen machen", sagt Schneider. "Zwölf bis 16 Prozent sind das, was ein professioneller Investor im Durchschnitt bei solchen Investments verlangen würde."

Deutsche Finanzkontrolleure sind sehr viel strenger

Ob Schneider für sein Geschäftsmodell bei der deutschen Regulierungsbehörde Bafin jemals eine Lizenz erhalten hätte, ist fraglich. In London war das einfacher. "Die britische Regulierungsbehörde FCA ist unternehmerfreundlicher", sagt der Gründer. "Sie steht neuen Ideen offener gegenüber." Gemeinsam mit dieser Behörde habe sein Unternehmen innerhalb von acht Monaten das Geschäftsmodell ausgearbeitet und genehmigt bekommen, das bis zu einem möglichen Brexit in ganz Europa gilt. "Wir haben gut zusammengearbeitet", sagt er rückblickend.

Um die Lizenz für neue Geschäftsfelder weiterentwickeln zu können, bleibt ein Teil des Unternehmens in London – bis auf Weiteres. "Wenn der Brexit kommt, müssen wir einen Standort in Europa suchen. Es ist fraglich, ob das in Berlin möglich ist", sagt Schneider. Wenn sich die deutsche Hauptstadt als Zentrum für Finanzdienstleistungen etablieren wolle, müsse man die Bafin umkrempeln. Schneider hält es für wahrscheinlicher, dass die Finanzkon­trolleure im irischen Dublin das schneller hinbekommen. "Die haben die einmalige Chance erkannt und werden es machen."

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