Internet-Marktplatz

Berliner Onlinedienste bieten Betreuung für Senioren

Der Betreuer-Marktplatz Careship und andere Start-ups erfinden Online-Dienste für Senioren an: Pflegekassen bieten hohe Zuschüsse.

Ein Selfie mit der Oma der Careship-Gründer Antonia und Nikolaus Albert: Sie kann dank fremder Hilfe selbstbestimmter leben

Ein Selfie mit der Oma der Careship-Gründer Antonia und Nikolaus Albert: Sie kann dank fremder Hilfe selbstbestimmter leben

Foto: Careship

Berlin.  Die pflegebedürftig gewordene Großmutter brachte Antonia Albert und ihren Bruder Nikolaus auf die Idee. Sie suchten stundenweise eine Alltagsbegleitung für die ältere Dame, eine Hilfe beim Einkaufen, im Haushalt, beim Arztbesuch. "Es war schwierig, die richtigen Betreuer zu finden", erinnert sich Antonia Albert. Deshalb entschlossen sich die Geschwister, einen Onlinemarktplatz für dieses Problem zu entwickeln. Sie sind nicht die Einzigen.

Onlinemarktplätze im haushaltsnahen Bereich gibt es zuhauf: Putzdienste, Essens- und Nahrungsmittellieferanten, Bügelservices. Viele sind von der Hipster-Generation für die Hipster-Generation gemacht. An die speziellen Anforderungen für alte Menschen haben die Entwickler solcher Plattformen oftmals nicht gedacht. Das wollen die Alberts jetzt mit Careship nachholen.

Der Name des neuen Dienstes setzt sich aus den Begriffen Care und Relationship zusammen – Pflege und Beziehung. Beides wollen die Gründer leisten. Deshalb legen sie großen Wert auf die Vermittlung der passenden Betreuungskräfte. Diese müssen einen mehrstufigen Bewerbungsprozess durchlaufen: Interviews, Nachweise ihrer Kenntnisse, Führungszeugnis, Referenzen. Die Senioren können sich ihre Betreuer auf der Internetseite selber aussuchen und diese auch persönlich buchen, wenn sie miteinander zurechtkommen.

Provision für Marktplatzbetreiber

Die Mechanik von Careship ist die Gleiche wie bei anderen Onlinedienstleistungen auch: Auf dem digitalen Marktplatz werden Anbieter und Nutzer der Dienstleistung zu festen Stundensätzen vermittelt. Bei Careship sind das 15 Euro. Der Betreiber behält eine Provision von 15 bis 20 Prozent für die Vermittlung und die Auswahl der passenden Betreuer. Die Anbieter der Leistung sind selbstständige Kleingewerbetreibende, die Stundenlöhne von circa zwölf Euro brutto bezahlt bekommen. Sie tragen die Kosten für ihre Kranken- und Sozialversicherung. Die Berufshaftpflicht zahlt der Marktplatz.

Kontroverse um Scheinselbstständigkeit

Dieses Geschäftsmodell ist umstritten. Die Stiftung Warentest nahm Putzdienste im Oktober 2014 unter die Lupe und kam dabei zu dem Ergebnis, dass die Dienstleistung nur in vier von zehn Fällen dem Onlineversprechen entsprach. Unter Experten ist zudem strittig, ob sich vermittelte Putzkräfte in einem scheinselbstständigen Rechtsverhältnis zu ihren Vermittlern und Auftraggebern befinden. Bei der Rentenversicherung gibt es eine Clearingstelle, die bei dieser Frage hilft.

14.000 medizinischen Pflegediensten

Antonia und Nikolaus Albert wollen keine neue Konkurrenz zu den 14.000 in Deutschland registrierten Pflegediensten schaffen, die medizinische Leistungen erbringen. Sie sehen sich vielmehr als Kooperationspartner dieser Dienste, die unter hohem Zeitdruck stehen, nach dem Gebührenschema der Pflegekassen arbeiten und keine Kapazitäten für die Alltagsunterstützung ihrer Patienten haben. Genau hier sehen sie ihre Nische.

208 Euro von den Pflegekassen

Auch der Zeitpunkt ist ideal, denn die Pflegereform bietet den Gründern enorme finanzielle Ressourcen. Seit Inkrafttreten des Pflegestärkungsgesetzes am 1. Januar 2015 erstattet die Pflegeversicherung Betreuungs- und Entlastungsleistungen je nach Pflegestufe und dem Grad der eingeschränkten Alltagskompetenz von bis zu 208 Euro pro Monat und Patient. Dieser Betrag entspricht bis zu 15 Stunden Careship-Betreuung pro Monat. Verständlich, dass Careship bei der Antragstellung hilft.

Auch Rocket Internet sahnt ab

Diesen prall gefüllten Finanztopf hat auch der Internetputzdienstleister Helpling (Rocket Internet) entdeckt. Dieses Start-up ist seit April 2014 auf dem Markt und bietet, beschleunigt durch Wagniskapital in Höhe von fast 60 Millionen Euro, seine Dienste ab 12,90 Euro/Stunde in mehr als 200 Städten an. Im Frühjahr hatte das Portal die Betreuungsplattform Familienhelfer übernommen. Eine Informationsseite der Plattform zeigt Möglichkeiten, wie man sich Putzdienstleistungen von der Pflegeversicherung erstatten lässt: Zusätzlich zu den anderen Leistungen der Pflegeversicherung könne man sich bis zu 160 Stunden Haushaltshilfe oder 2418 Euro pro Jahr erstatten lassen. Im Gegensatz zu Careship ist auf der Helpling-Webseite nicht ersichtlich, ob Nutzer eine bestimmte Betreuungsperson auswählen können, was insbesondere für demenzkranke Menschen wichtig ist.

Deutsche Bahn zeigt Interesse

Ein Partner von Careship könnte die Deutsche Bahn werden. Antonia Albert ist sicher, dass mehr alte Menschen reisen würden, wenn sie nur eine Hilfe hätten, die das richtige Ticket beschafft, den Weg zum Bahnsteig zeigt und beim Finden des gebuchten Sitzplatzes hilft. Bahnchef Rüdiger Grube ermöglichte der Gründerin kürzlich, ihr Konzept bei einer Veranstaltung zur Digitalisierung des Konzerns vorzustellen.

Bevor sie Gründerin wurde, hat Antonia Albert bei Rocket Internet gearbeitet. Zuvor hatte sie in den Niederlanden und der Schweiz Betriebswirtschaft studiert. Die britische Rundfunkanstalt BBC nahm die Wahlberlinerin in die Liste der Top-100 der inspirierensten Frauen auf. Ihr Bruder studierte Luft- und Raumfahrttechnik in den USA und der Schweiz.

Starthilfe von Axel Springer

Von August bis Oktober 2015 besuchten die beiden Geschwister die Start-up-Schmiede des Medienkonzerns Axel Springer, Plug and Play. Jetzt stehen sie auf eigenen Füßen und haben ihr Projekt zunächst in Berlin gestartet. Im Jahr 2016 wollen sie in weitere deutsche Städte gehen, aber nicht in einem Hauruckverfahren, wie es die Gründerin von Rocket Internet kennt. Die Zahl der Kunden liegt noch im zweistelligen Bereich. Angesichts von knapp drei Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland, von denen zwei Drittel zu Hause versorgt werden, dürfte es für das Berliner Start-up noch genügend Potenzial geben.

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