Metropolenvergleich

Berlin ist Schlusslicht bei den Start-up-Gehältern

Start-ups bieten coole Jobs: Designer-Büros, spannende Aufgaben, flache Hierarchien, Chancen zur Selbstverwirklichung. Doch wie sieht es mit der Bezahlung der Kreativen aus? Eine Studie gibt Einblicke.

IT-Fachkräfte werden in der boomenden Startup-Metropole Berlin schlechter bezahlt als ihre Kollegen in Hamburg, München und den anderen deutschen Gründerstädten. Auch wird es für Unternehmen künftig immer schwieriger werden, qualifiziertes Personal zu finden. Das geht aus einer Studie des Headhunters Robert Half hervor, die in diesen Tagen erschienen ist.

Robert Half, ein börsennotiertes Personaldienstleistungsunternehmen mit Sitz in den USA, analysiert einmal pro Jahr die eigene Datenbank und veröffentlicht im Anschluss seine Gehaltsstatistik. Angaben über die Größe der Datenbasis und der daraus resultierenden Repräsentativität machte die Firma nicht.

Überhaupt ist Datenmaterial über die Verdienste in der IT-Branche kaum verfügbar. Insbesondere die boomende Startupszene ist hier eine Black Box. Und Vermutungen, sie bediene sich in großem Umfang schlecht bezahlter Praktikanten, hat bisland niemand dementiert.

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Gewerkschafts-Index nennt höhere Gehälter

Die Gewerkschaft Ver.di dokumentiert seit 1996 die Gehälter in der IT-Branche, in der nur 35 Prozent der Beschäftigten in großen Unternehmen tätig sind, für die Tarifverträge gelten. Der Großteil (65 Prozent) der Beschäftigten muss sein Gehalt selbst aushandeln. Ihnen soll der Ver.di-Gehaltsindex als Orientierung dienen, der zehn Gruppen umfasst, in denen Berufe, Qualifikationen und Gehälter verknüpft werden.

Die Ver.di-Gehaltsangaben liegen deutlich über denen der Personalvermittlung, wie ein Beispiel für Systemadministratoren zeigt. Je nach Qualifikation, Berufserfahrung und Jobprofil sollte das Gehalt laut Gewerkschaftsindes zwischen 63.490 und 108.000 Euro liegen (Gruppe fünf bis zehn). Der Headhunter hat Administratoren dagegen für 40.000 bis über 80.000 Euro vermittelt.

Branchenverband sieht niedrigere Einkommen

Die von Robert Half angegebenen Gehälter seien "durchaus realistisch", teilte eine Sprecherin des Berliner Spieleentwickler Wooga mit. Der Bundesverbandes Deutsche Start-ups (BVDS) hingegen ist skeptisch. "In jungen Unternehmen sind deutlich niedrigere Gehälter üblich als in der etablierten IT-Wirtschaft", sagt Florian Noell, Chef des BVDS. Dem Startup-Monitor seines Verbandes zufolge erzielen Gründer ein monatliches Bruttoeinkommen von 2519 Euro, also deutlich weniger als in der Half-Studie beschrieben. Dabei beziehen Gründer in der Rhein-Ruhr-Region mit durchschnittlich 3296 Euro das höchste Einkommen, gefolgt von Gründern in Hamburg (3119), München (2818) und Berlin (2637).

Die Höhe der Gehälter hängt stark von der Entwicklungsstufe des Unternehmens ab: Gründer in der Anfangsphase erhalten durchschnittlich 1660 Euro. In Start-ups der anschließenden Wachstumsphase werden 3731 Euro gezahlt. Später werden Bruttoeinkommen von 6550 Euro für Gründer genannt.

Einkommen aus Beteiligungsprogrammen und immaterielle Vergünstigungen wie flexible Arbeitszeiten, Kinderbetreuung oder das Angebot, im Home Office zu arbeiten, sind in diesen Zahlen nach Noells Worten noch nicht enthalten. "Diese soften Faktoren werden in Zukunft an Bedeutung gewinnen", sagt Noell.

Arbeitsklima wird immer wichtiger

In dieser Frage stimmt ihm Constanze Buchheim zu, Gründerin des Berliner Personaldienstleisters iPotentials, der sich auf Unternehmen der Digitalwirtschaft spezialisiert hat. "Die Gehälter in Berlin steigen deutlich", sagt sie. "Geld ist zwar wichtig wie eh und je. Doch die Höhe des Einkommens ist für Bewerber nicht mehr alles", ergänzt Buchheim. Das Arbeitsklima sei für Bewerber extrem wichtig geworden. "Bewerber von heute haben den Wunsch nach Interaktion auf Augenhöhe mit ihrem Chef. Sie wollen nicht nur Geld dafür bekommen, dass sie eine Aufgabe erledigen."

Die Konkurrenz um die besten Mitarbeiter wird sich der Half-Studie zufolge in den kommenden fünf Jahren verstärken. Zwei Drittel der befragten IT- und Technologiechefs gingen in der Umfrage von einem um bis zu 30 Prozent steigenden Personalbedarf in den nächsten fünf Jahren aus. Ungefähr jeder zweite erwartet, dass es in der Zukunft schwieriger wird, neue Mitarbeiter zu finden und die vorhandenen an das Unternehmen zu binden. Letzteres sehen 73 Prozent der IT-Chefs kritisch. Neun von zehn Befragte bezeichnen die Personal-Akquise bereits heute als schwierig

Generation Y hat hohe Erwartungen

Hauptproblem der Personaler sind die Erwartungen und Qualifikationen der so genannten Generation Y, wie die Gruppe der heute 17- bis 38-Jährigen wegen ihres Hangs zum Hinterfragen (Y: phonetisch Why?, engl: Warum?) genannt wird. Ihren Fokus auf eine ausgeglichene Work-Life-Balance nennen 37 Prozent der IT-Chefs als Problem. 43 Prozent kritisieren die realitätsferne Ausbildung, 45 Prozent halten die Erwartungen an Gehalt und Sozialleistungen für überzogen. Doch die Unternehmen haben keine Wahl: 60 Prozent der IT-Chefs erwarten eine steigende Zahl von neuen Projekten oder auch umfangreichere Projekte (59 Prozent).

Die Prognose von Robert Half deckt sich mit einer Studie des Branchenverbandes Bitkom vom November 2014: Ihr zufolge werden in Deutschland derzeit rund 41.000 IT-Spezialisten gesucht. Die Zahl der offenen Stellen ist im Vergleich zum Vorjahr um rund fünf Prozent gestiegen.

Den größten Bedarf gibt es der Studie zufolge bei Netzwerk-Administratoren (37 Prozent) , Datenbank-Managers (35 Prozent) und Virtualisierungs-Experten (31 Prozent). Aber auch Support-Mitarbeiter, Programmierer und Anwendungsentwickler werden häufig nachgefragt.

Betrachtet man unterschiedliche Funktionsbereiche, so haben Sicherheits-Experten (28 Prozent), Software-Entwickler (25 %) und Netzwerk-Spezilaisten (25 %) die besten Chancen. Systemadministratoren und Anwendungsentwickler kommen jeweils auf 21 Prozent.

Gehälter in Berlin unter Durchschnitt

Interessant ist auch der Städtevergleich: Die Gehälter in Berlin liegen neun Prozent unter dem Bundesdurchschnitt, in Hamburg drei Prozent darüber, in München vier und in Stuttgart und Frankfurt/Main zwei Prozent.

Im Branchenblog t3n, das über die Gehaltsstudie berichtete, äußern zahlreiche Kommentatoren Kritik: Es melden sich einige IT-Fachleute zu Wort, die im ländlichen Raum deutlich weniger als die in der Studie angegebenen Summen verdienen. Darunter ist ein Webentwickler aus dem Westerwald, der sein Jahresgehalt mit 31.000 Euro angibt.

Weiterer Trend: In Süddeutschland scheinen IT-Kräfte höhere Gehälter zu bekommen, als die Half-Studie angibt. Ein Arbeitgeber schreibt: "Also ich zahle in München meinen fest angestellten Software-Entwicklern PHP ca. 70.000 Euro Brutto und den freien ca. 60-70 Euro in der Stunde. Alle haben mehr als 10 Jahre Erfahrung." Einige Kommentatoren geben zu bedenken, dass höhere Gehälter dort von den auch höheren Lebenshaltungskosten kompensiert werden. Ein anderer Kommentarschreiber bezweifelt einen Fachkräftemangel insgesamt: "Was die Unternehmen tatsächlich händeringend suchen, sind Fachkräfte unter 40 Jahren und unter 40K [40.000 Euro] Jahresgehalt".

>>> Studie: Zur vollständigen Übersicht der IT-Gehälter geht es HIER <<<

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