IFA

Wenn das Internet im Kühlschrank wohnt

Das Netz der Dinge ist in den Haushalten angekommen. Am Tablet lassen sich Fenster öffnen und Heizungen regeln. Und wenn das Baby weint oder der Trockner fertig ist, gibt es einen App-Alarm.

Foto: ZVEH

Noch genug Zitronensorbet im Eisfach? Den Trockner ausgeschaltet? Die Rollläden geschlossen? Wer es genau wissen will, muss nicht unbedingt zurück nach Hause eilen. Auch von unterwegs mit einer Smartphone-App lässt sich der Inhalt des Kühlschranks checken – alles kein Problem mehr im vernetzten Haushalt. Ein Besuch im eHaus der Internationalen Funkausstellung (IFA) zeigt, dass smarte Haustechnik inzwischen möglich ist. Energieeffizienz, Sicherheit und Komfort – diesen drei Anforderungen soll das smarte Haus gerecht werden. Das Haus der Zukunft erzeugt einen Teil seines Energiebedarfs selbst: mit Photovoltaik auf dem Dach, einem Windrad im Garten oder einer Brennstoffzelle im Keller, die aus Erdgas Strom und Wärme herstellt. "Jeder Verbraucher kann etwas zur Energiewende beitragen", sagt Jan Voosen, der Sprecher des Zentralverbands der Elektriker (ZVEH), beim Rundgang durch das eHaus.

Dazu bedarf es eines intelligenten Managements, das die Geräte steuert. Wäschetrockner oder Geschirrspüler starten im Idealfall dann, wenn die Solarzellen am meisten Energie liefern, aber so früh, dass sie zum Feierabend des Verbrauchers fertig sind.

Auf dem roten Sofa im Wohnzimmer des eHauses zeigt Voosen die App, mit der Hunderte Prozesse im vernetzten Haus gesteuert werden. Ein Tippen auf den Bildschirm genügt, um ein Fenster zu öffnen oder zu schließen, ein weiteres Tippen ändert die Farben der LED-Zimmerbeleuchtung. Noch ein Tippen und die Audioanlage ändert ihre Lautstärke. Die verschiedenen Funktionen können für jeden Raum separat gesteuert werden. Die intelligenten Fensterscheiben im Badezimmer lassen sich sogar mit einem Tippen von transparent auf Milchglas schalten (aber das hat nichts mit dem Internet, sondern mit der elektrischen Ladung der beschichteten Gläser zu tun).

App HomeConnect als Steuerzentrale für vernetzte Hausgeräte

Den wohl größten Nutzen entfaltet das vernetzte Haus in der Küche. Hier zeigt sich aber auch das größte Problem des vernetzten Hauses: die konkurrierenden Standards verschiedener Marken. Für die Internetsteuerung einer Waschmaschine von Miele, eines Geschirrspülers von Siemens und einen Dampfgarers von AEG benötigt der Verbraucher drei Apps. Wer will das schon?

Siemens beispielsweise setzt auf seine App HomeConnect. Sie ist die Steuerzentrale für die vernetzten Hausgeräte: Kühlschrank, Backofen, Spül-, Wasch- und Kaffeemaschine. Im Mittelpunkt stehen hier die Fernbedienung und Fernkontrolle, denn der immer größer werdende Funktionsumfang dieser Geräte lässt sich nur noch eingeschränkt mit Tasten und Drehschaltern steuern. "Dazu eignet sich der Bildschirm eines Tablets besser als das Display des Geräts", sagt Ingo Pietsch. Er ist Referent der Hausgeräte-Holding von Bosch und Siemens für Technologieprojekte.

So gehört zum vernetzten Backofen eine Rezeptdatenbank, die Tipps für die Vorbereitung gibt, eine Zutatenliste per E-Mail als digitalen Einkaufszettel sendet und dann Einstellungen wie Temperatur, Garfunktion und Zubereitungsdauer vorschlägt. Die Waschmaschine sendet eine Push-Benachrichtigung bei Programmende. Am Kaffeevollautomaten kann jeder Nutzer seinen persönlichen Lieblingskaffee einstellen. Die App zeigt an, wie viel Wasser und Energie der Geschirrspüler verbraucht. Und zwei Webcams informieren in Echtzeit über den Inhalt des Kühlschranks. Sollte die Gefrierschranktür nicht richtig verschlossen sein, erhält die App einen Push-Alarm.

Der Kühlschrank der Zukunft erstellt auch eine Einkaufsliste

Logische nächste Schritte sind die Integration weiterer Dienste. Eine Option sind Schnittstellen für die Fernwartung der Geräte durch den Kundendienst, wie Ingo Pietsch sagt. Ferner wird es darum gehen, intelligente Sensoren zu entwickeln, die den Nutzer entlasten und ihm Arbeit abnehmen.

Der vernetzte Kühlschrank der Zukunft wird deshalb nicht nur Webcam-Bilder seines Inhalts zeigen, sondern eine Einkaufsliste erstellen und womöglich sogar einen Lieferdienst beauftragen. Es wird darauf ankommen, diesen Prozess reibungslos und ohne Mehraufwand für den Verbraucher zu gestalten. Pietsch hält in diesem Zusammenhang nichts von RFID-Chips an Lebensmitteln und Barcodes, die beim Herausnehmen oder Hereinstellen der Produkte gescannt werden – zumal Fleisch, Obst und Gemüse keine Barcodes haben. "Das will der Kunde nicht." Pietsch hält elektronische Bilderkennung dagegen für ein geeignetes Mittel, um den Inhalt des Kühlschrankes zu dokumentieren. Eine weitere Zukunftsaufgabe wird sein, Standards für eine markenoffene Plattform zu entwickeln. Denn niemand will für jede Gerätemarke eine eigene App benutzen. Hier kocht jeder Hersteller noch sein eigenes Süppchen. Home Connect kann derzeit nur auf Geräte von Bosch und Siemens zugreifen.

BMW-Fahrer werden benachrichtigt, wenn die Terrassentür offensteht

Die Deutsche Telekom ist mit ihrer Plattform Qivicon schon einen Schritt weiter. Die Herstellerallianz Qivicon bietet ein Steuergerät, das elektrische Geräte im Haushalt mit dem Internet verbindet und die eigene Smart-Home-App. Ferner sind mehrere Partner-Apps (insbesondere von Energieversorgern) mit dem Gerät kompatibel: Cirka 30 Marken für Haushaltsgeräte – darunter Miele mit 400 vernetzungsfähigen Hausgeräten und Samsung – sowie neuerdings auch der Autohersteller BMW sind Partner der Plattform.

So können BMW-Fahrer Licht oder die Heizung für verschiedene Räume regulieren, Geräte ein- und ausschalten. Sie erhalten eine Nachricht, wenn ein Fenster oder eine Terrassentür offen steht. Die Funktionen lassen sich mit dem Bedienknopf "iDrive Controller" auf der Mittelkonsole des Autos ausführen. Das Informationsdisplay im Fahrzeug zeigt dann auch relevante Informationen aus dem Haus an.

Ein Qivicon-Partner ist das Schweizer Unternehmen Digitalstrom, dessen Technologie vorhandene Elektroinstallationen mit dem Netz verbinden kann. Dazu werden fernsteuerbare Schalter in Steckdosen und Verteiler eingebaut. Sie können Leuchten oder Jalousien per App steuern. Ganz neu ist eine Kooperation zwischen Digitalstrom und dem Armaturenhersteller Dornbracht. Wasserventile für Küche, Dusche und Badewanne werden können per App geöffnet werden und lassen Wasser mit einer vorgewählten Temperatur ein.

Auch hier ist mehr Komfort das Ziel. Mit den Worten "Ich möchte duschen" startet die Digitalstrom-Sprachsteuerung ein vorgewähltes Duschprogramm. Die Licht- und Audiosteuerung des Smart Home-Systems kümmert sich zusätzlich um das passende Ambiente und spielt eine Playlist aus.

"Der Smart-Home-Markt wird an Bedeutung gewinnen"

Um Service geht es bei einem neuen Angebot der Thermostat-App Tado, mit der sich Zentralheizung und Klimaanlage fernsteuern lassen. Die neue Anwendung Tado Care liest Funktionsdaten aus und warnt den Nutzer bei Störungen. Dann kann der Kunde direkt mit einem Installateur verbunden werden. Dazu arbeitet Tado mit Installateurnetzwerken wie HomeServe zusammen.

Sicherheit im Gebäude ist ein weiterer Aspekt des Smart Home: Dazu zählen nicht nur Sensoren an Türen und Fenstern sowie Wasser- und Rauchmelder, deren Zustand aus der Ferne abgefragt werden kann, Inzwischen gibt es auch Kameras, die Überwachungsbilder aus Räumen in Echtzeit übertragen, und Bewegungsmelder, die per App Alarm schlagen können.

Solche Funktionen mögen Einbrecher abschrecken oder bei Abwesenheit Zweifel und Ängste des Bewohners zerstreuen. Doch während man auf dem Sofa im eHaus sitzt und durch die Echtzeit-Kamerabilder der einzelnen Räume auf dem Tablet-Bildschirm zappt, fühlt man sich ein wenig in der Reality-Show Big Brother. Irgendwo hat das Smart Home dann auch Grenzen, wenngleich die Smart-Home-Version der Babyphones durchaus Freunde finden könnte. WiThings, ein Anbieter von vernetzten Gesundheitslösungen, stellt auf der IFA eine mit Sensoren für Luftgüte und Temperatur ausgestattete Videokamera mit Weitwinkel-Optik, Nachtsichtgerät und Geräuscherkennung vor. "Der Smart-Home-Markt wird an Bedeutung gewinnen", ist sich Jan Voosen sicher. "Insbesondere die Generation, die mit dem Tablet aufgewachsen ist, wird sich dafür interessieren."

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