Sehschule

Barmer und Start-up Caterna bieten erste App auf Rezept

Foto: Barmer

Kinder, die unter der Sehschwäche Amblyopie leiden und bei denen die herkömmliche Therapie nicht erfolgreich ist, können per Verordnung ohne Zuzahlung mit der Online-Sehschulung behandelt werden.

Für Versicherte der Barmer GEK gibt es von April an die erste Smartphone-App auf Rezept. Dabei handelt es sich um die Sehschulung des Berliner Unternehmens Caterna. Sie ist eine der weltweit ersten ausschließlich online verfügbaren digitalen Therapien.

Kinder, die unter der Sehschwäche Amblyopie leiden und bei denen die herkömmliche Therapie nicht erfolgreich ist, können per ärztlicher Verordnung ohne Zuzahlung mit der Online-Sehschulung behandelt werden.

Vertragspartner von Caterna und Barmer ist die OcuNet-Gruppe, ein bundesweiter Zusammenschluss großer augenmedizinischer Zentren und Praxen. Augenärzte, die Mitlied von OcuNet sind, können das Programm und die App verschreiben.

30 bis 60 Minuten tägliche Sehschulung werden vom Augenarzt für die Dauer von drei Monaten verordnet. Die Behandlung kann an jedem Ort der Welt erfolgen – vorausgesetzt, das Internet ist verfügbar.

Mehrere zehntausend Kinder betroffen

Bei der Amblyopie handelt es sich um eine Sehschwäche, die auf eine fehlerhafte Informationsverarbeitung im Gehirn zurückzuführen ist. Fünf Prozent der Bevölkerung Mitteleuropas leiden unter dieser Krankheit. Allein in Deutschland sind jedes Jahr mehrere zehntausend Kinder betroffen.

Um erfolgreich behandelt zu werden, müssen die Kinder oft mehrere Jahre ein Augenpflaster tragen. Damit soll das schwächere Auge aktiv in das Sehen eingebunden und die für das Sehen verantwortlichen Hirnregionen stimuliert werden. Das geschieht durch visuelle Reize mit schmalen Wellenmustern auf einem Bildschirm.

Das an der Technischen Universität Dresden entwickelte Verfahren der webbasierten Stimulationstherapie wird am Computermonitor angewandt, während das gesunde Auge abgeklebt ist. Dazu spielen die Kinder altersgerechte Computerspiele, während im Hintergrund für jedes Kind individuell konfigurierte, schmalbandige Wellenmuster über den Bildschirm laufen.

Die Stimulationstherapie von Caterna wird seit 2002 praktisch angewendet. Um die Wirksamkeit nach wissenschaftlichen Kriterien weiter zu untermauern, findet eine begleitende klinische Studie statt.

Übungen zu Hause am PC

Die Sehübungen werden für jeden Patienten online und gemäß seinem Therapieschema digital bereit gestellt. Nach einer Einweisung durch den Augenarzt werden die Übungen zu Hause am PC fortgesetzt. Zur Therapiekontrolle werden Sitzungsprotokolle automatisch dokumentiert. Sie stehen den Eltern auch in einer App für Smartphones und Tablets zur Verfügung. Eine Tagebuchfunktion erleichtert die Organisation der Tragezeiten des Augenpflasterns. Auch der behandelnde Augenarzt kann die Therapie- und Abklebezeiten online über die App verfolgen.

Das Therapieprogramm selbst kann nicht mit der App durchgeführt werden. "Dazu ist ein großer Bildschirm erforderlich, der das Sichtfeld des Kindes ausfüllt", erläutert ein Sprecher von Caterna. Geplant sei, dass Programm auch für große Fernseher mit Internetverbindung (SmartTV) anzubieten.

"Mit Plattformen wie Caterna wird die Zahl überflüssiger Arztbesuche reduziert", sagt Juliane Zielonka, Co-Organisatorin von Health20, einem weltweiten digitalen Netzwerk für patientienorientierte IT-Innovationen im Gesundheitswesen. "Die Kooperation von Barmer und OcuNet ist ein Signal, dass sich im Bereich Digital Health etwas bewegt", sagte Zielonka. "Ärzte sollten solche Angebote nicht als Konkurrenz verstehen."

Die Barmer GEK erweitert mit der Kooperation mit Caterna ihre Internet-Aktivitäten. "Das Internet wird in der Zukunft an Bedeutung gewinnen", sagte ein Barmer-Sprecher. "Die Sehschulung unterstützt und verkürzt die Therapie."

Paradebeispiel für neue Chancen des Internets

Das Internet wird im Gesundheitswesen in Zukunft eine größere Rolle spielen. Als Beispiel nennt der Barmer-Sprecher die Burn-out-Prophylaxe: "Zusammen mit der Leuphana-Universität Lüneburg bieten wir ein individuelles Online-Training zur beruflichen Stressbewältigung an."

Weitere Felder, in denen digitale Gesundheitsdienstleistungen denkbar seien, sind die Telematik bei chronische Kranken und die Krisenintervention. Man muss einen Patienten nicht in die Arztpraxis bringen, um seinen Blutdruck oder den Blutzuckerspiegel zu messen. Der Wert kann auch zu Hause gemessen und über das Internet an den Arzt oder einen Pflegedienst übertragen werden.

Die Barmer GEK hat für ihre knapp neun Millionen Versicherten einen Versorgungsvertrag mit der OcuNet Gruppe geschlossen, einem bundesweiten Zusammenschluss augenmedizinischer Zentren, deren Vertragspartner Caterna ist. Das Unternehmen wird durch Nicolaus Widera geleitet und durch einen Inkubator, die Berliner Start-up-Manufaktur Flying Health des Berliner Kinderarztes und Gesundheitswissenschaftlers Markus Müschenich, begleitet.

Caterna ist nicht nur ein Paradebeispiel für die neuen Chancen des Internets als Plattform für Gesundheitsdienste, das Unternehmen ist auch ein Beispiel für die Probleme der Branche. Seit 2002 versuchte das Dresdener Start-up, seine webbasierte Stimulationstherapie direkt zu vermarkten. Das junge Unternehmen hatte dazu Startkapital in Höhe von 650.000 Euro des HighTech-Gründerfonds (HTGF) und des Technologiefonds Sachsen eingeworben.

Der Versuch scheiterte, dieses Programm direkt bei Ärzten zu vermarkten. Die Kosten waren zu hoch. Das Start-up startete gemeinsam mit Markus Müschenich und seinem Inkubator "Flying Health" einen zweiten Anlauf und baute die Plattform als Lösung für Unternehmen auf.

Therapie mit Bits und Bytes

Für den Investor Markus Müschenich hat mit der Kooperation zwischen Barmer und Caterna ein neues Kapitel im deutschen Gesundheitswesen begonnen. "Das Programm ermöglicht eine digitale Therapie. Mit Bits und Bytes wird eine pharmakologische Wirkung erzeugt", sagt der Arzt. Das sei ein Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen, für die in Fachkreisen der Begriff "Software as a drug" geschaffen wurde. Die vom Arzt verschriebene Software habe die Funktion eines Medikaments übernommen. Die webbasierte Stimulationstherapie sehe nur vordergründig wie ein Computerspiel aus. Im Hintergrund würden aber Hirnfunktionen angeregt.

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