NeuroNation

Berliner Start-ups bieten Fitness für das Gehirn

Foto: Compassionate Eye Foundation/Chris Newton/OJO Images Ltd / Getty Images

Jogging ist gut für den Körper, Gehirnjogging schult das Gedächtnis. Berliner Start-ups bieten Online-Übungen an, mit denen sich das Hirn trainieren lässt. Brain Health ist ein Milliardenmarkt.

Demenz und Alzheimer sind noch eine Geißel der Menschheit. Jeder fünfte, der älter als 85 Jahre ist, leidet an den Symptomen. Die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken lässt sich mit Gehirnjogging senken, wie wissenschaftliche Studien zeigen. Zwei Berliner Start-ups bieten auf ihren Plattformen Übungen an, mit denen sich die Gehirn- und Gedächtnisleistung fördern lassen.

"NeuroNation ist ein Fitness-Studio für den Kopf", sagt Ulli Jendrik Koop von XL Health, einem Berliner Unternehmen, das Gesundheitsstart-ups beim Aufbau und der Finanzierung ihrer Unternehmen hilft. Der auf Start-ups der digitalen Gesundheitswirtschaft spezialisierte Inkubator, so werden solche Firmen genannt, hat jetzt gemeinsam mit Spiegel.net einen siebenstelligen Betrag in NeuroNation investiert.

NeuroNation bietet 50 Übungsmodule an. "Mit ihnen lässt sich das Kurzzeitgedächtnis, das Merken von Zahlen und Kopfrechnen trainieren",sagt Koop. 14 Übungen sind kostenfrei. Wer mehr will, schließt eine Premium-Mitgliedschaft für sieben Euro im Monat ab. Auch gegen das Hyperaktivitätssyndrom ADHS scheint das Training geeignet. Morgenpost-Leser können die Gehirnjogging-Methode im Onlineportal der Morgenpost testen. NeuroNation ist jetzt auch mobil verfügbar. Kürzlich ging die Android-App live. Eine iOS-App ist in Vorbereitung.

NeuroNation ist besser als Sudoku

Die von den Informatikern Rojahn Ahmadi, Ilya Shabanov und Jakob Futorjansk gegründete Plattform nimmt für sich in Anspruch, wirkungsvoller als andere Methoden zu sein. "Spiele und Rätsel wie Sudoku oder Kreuzworträtsel sind unbestreitbar besonders für Senioren eine Möglichkeit, im Alter fit zu bleiben. Doch neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass NeuroNation über eine effizientere Methode für Gehirntraining verfügt", sagt Koop.

Forscher des Max-Planck-Instituts haben zirka 100 Jugendliche und 100 Senioren jeweils 100 Trainingssitzungen am Computer absolvieren lassen. Jede Sitzung bestand aus zwölf Tests, sechs zur Auffassungsgabe und je drei zum Arbeitsgedächtnis und zum Erinnerungsvermögen.

Max-Planck-Studie beweist Wirkung

Insbesondere beim Arbeitsgedächtnis wurde eine deutliche Steigerung der kognitiven Fähigkeiten festgestellt – sowohl bei den älteren als auch bei den jüngeren Teilnehmern, so ein Ergebnis der Cogito-Studie. Bei älteren Probanden wurden von Tag zu Tag sogar geringere Schwankungen bei der Leistungsfähigkeit festgestellt als ei den jungen.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen Psychologen der Freien Universität Berlin. Sie verglichen eine Gruppe, die herkömmliche Merktechniken traininert mit einer Gruppe, die das Arbeitsgedächtnis nach der NeuroNation-Methode übte. Letztere schnitt im anschließenden Vergleichstest besser ab.

Memorado bietet ähnliche Plattform

NeuroNation arbeitet bereits seit 2011 an seinem Gehirnjogging-Konzept. Jetzt hat ein weiteres Berliner Start-up, das ein ähnliches Modell verfolgt, seine Trainingsplattform freigeschaltet: Memorado. Auch hier gibt es einen Einstufungstest, Gratis-Übungen und den Premium-Zugang. Dieser kostet im Monat je nach Dauer der Mitgliedschaft zwischen 3,90 Euro (für 24 Monate) und 14,90 Euro (für 1 Monat).

Die Gründer Marius Luther und Marius Jeuck hoffen – wie auch NeuroNation – auf einen Boom. Eine Marktstudie des Unternehmens SharpBrain aus den USA zufolge wird der Jahresumsatz mit Trainern für Hirnfunktionen bis zum Jahr 2020 um das Sechsfache auf sechs Milliarden Dollar (4,5 Milliarden Euro) steigen. 48 Prozent der befragten Verbraucher gaben an, ein Gedächtnistrainingsprogramm habe ihnen geholfen.

Interessanter Nebenaspekt der SharpBrain-Prognose: Neben den Trainingsprogrammen (Software) wird der Markt Produkte mit einer Hardware-Komponente sehen: Das könnten Apps sein, der Herz- und Hirnfunktionen auf dem iPhone anzeigen (EKG und EEG) oder ein Programm, das Herzrhythmusstörungen erkennt, schreiben die Marktforscher.

Pharmakonzerne investieren in "Brain Health"

Auch Pharmakonzerne scheinen von diesem Marktsegment überzeugt: So arbeitet Bayer HealthCare mit dem US-Start-up Cognifit zusammen, das einen Online-Hirntrainer für Patienten mit Multipler Sklerose entwickelt hat. Der Pharmakonzern Merck hat eine Kooperation mit dem australischen Start-up CogState.

Auch erste große Krankenkassen in Deutschland zeigen Interesse: Wie Ulli Jendrik Koop von XL Health durchblicken lässt, könnte es Online-Gedächtnistraining schon bald zur Vorbeugung oder sogar als Reha-Maßnahme auf Krankenschein geben.

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