Gründer-Studie

Warum Berlin schnell ein Start-up-Management braucht

Foto: Matthias Tunger / Getty Images

Berlin will führende Start-up-Metropole in Europa werden. Doch dazu braucht die Stadt ein schlagkräftiges Management für seine Gründerszene. Jetzt geht es um die Frage, wer dabei das Sagen hat.

Die Berliner Gründerszene braucht einen Kapitän, wenn sie führende Innovations-Metropole in Europa werden will. Das ist die wichtigste Forderung der Studie "Berlin gründet", die von der Unternehmensberatung McKinsey vorgelegt wurde. Ein neues Gremium mit der Bezeichnung "Delivery Unit" sollte das Management übernehmen. Sie könnte bereits im ersten Quartal des nächsten Jahres seine Arbeit aufnehmen, hoffen Beteiligte.

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hatte Berlin Partner, die Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landes Berlin, als Initiator des Gremiums genannt. "Ohne Steuerung lässt sich das nicht umsetzen", sagte er bei der Präsentation der Studie. Erforderlich seien ein koordiniertes Zusammenwirken und eine zentrale Umsetzung der Projekte.

"Wir werden mit allen Beteiligten sprechen", sagte Thomas Letz, koordinierender Kopf der Senatskanzlei. Wichtig sei, dass alle mitmachen. Auf einen genauen Termin für den Start der Delivery Unit will er sich nicht festlegen. "Klar ist aber, dass wir zeitnah starten wollen."

Delivery Unit: Blick ins Lexikon

Doch was ist mit "Delivery Unit" überhaupt gemeint? Da hilft ein Blick ins Lexikon, wo "Delivery" mit Auslieferung, Geburt und Förderung übersetzt wird. Die Bedeutung von "Unit" umschreibt das Wörterbuch mit Einheit, aber auch Aggregat. Die "Delivery Unit" könnte also eine Art kreativer Motor für den Aufbau der Berliner Start-up-Szene werden.

London und New York haben gezeigt, was solche "Delivery Units" mit relativ geringem Einsatz (in London 2,1 Millionen Euro Jahresetat, 10 bis 15 Angestellte) bewirken können. Die "Tech City Investment Organisazation" (TCIO) hat unter der Leitung erfahrener Unternehmensgründer in der britischen Hauptstadt dazu beigetragen, dass sich die Zahl der Start-ups im Großraum London seit ihrer Gründung 2011 um 700 auf 1300 mehr als verdoppelt hat. In der TCIO sitzen Vertreter der Stadt, des Handelsministeriums und der Wirtschaft an einem Tisch.

Alle Kräfte in einer Einheit bündeln

In Berlin sollten in der neuen Einheit, wie Mc Kinsey meint, alle Kräfte versammelt werden, die zum Fortschritt der Gründerszene beitragen können: Senat und Bezirksverwaltungen, Industrie- und Handelskammer, Investitionsbank, Berlin Partner, Technologiestiftung, Universitäten, Institute, Gründerzentren, Start-ups, Venture-Capital-Firmen und Business Angels.

Doch das ist nicht genug: Für einen Erfolg braucht die Delivery Unit Schlagkraft, um Initiativen durchzusetzen, Agilität, um schnelle Erfolge zu generieren, und Akzeptanz bei allen Beteiligten. Erforderlich sind also kurze Entscheidungswege und klare Regeln, ein unbürokratisches Vorgehen mit einem kleinen, kompetenten Team und eine anerkannte politische Leitung, die die Ziele vorgibt und im Konfliktfall schlichten kann.

Kraft durch Unabhängigkeit

Der bei der Präsentation der McKinsey-Studie gewählte Begriff der "Zentralen Anlaufstelle" taugt also wenig. Das ist zu passiv. Ausschlaggebend für ihren Erfolg in London war, "dass die Einheit die Umsetzung aller Projekte, sie sie verantwortet, aktiv gestaltet und nicht nur verwaltet", schreibt McKinsey in der Studie. Eine zentrale Eigenschaft der "Delivery Unit" ist also Durchsetzungskraft durch ihre Unabhängigkeit.

"Es ist schön, dass wir eine große Lust am Mitgestalten spüren", sagte Thomas Letz. Man müsse aber zwischen der Umsetzung dieser Idee und ihrer Steuerung unterscheiden. "Bei der Steuerung wird das Land natürlich eine zentrale Rolle einnehmen." Wie verwaltungsnah die Delivery Unit agieren werde, ist eine andere Frage. "Jeder Beteiligte hat seine Kompetenzen", so die Senatskanzlei. In der Senatswirtschaftsverwaltung heißt es nur, man sei noch in der Abstimmung und suche die bestmögliche Lösung.

"Der Aufbau einer Delivery Unit ist ein sehr guter Vorschlag", sagt Nicolas Zimmer, der Vorstandsvorsitzende der Technologiestiftung Berlin (TSB). Er hofft, dass dieses Konzept schnell realisiert wird. "Die Unit kann im ersten Quartal 2014 ihre Arbeit aufnehmen, ihre Aufgaben liegen schließlich auf der Hand", sagt Zimmer.

Neue Aufgabe für Berlin Partner

Nach seiner Einschätzung sollte die neue Delivery Unit bei Berlin Partner, der Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landes, angesiedelt sein. Berlin Partner fusionierte in diesem Jahr mit der TSB-Innovationsagentur. "In Berlin gilt der Grundsatz, dass Dienstleistungen für die Berliner Wirtschaft von Beteiligungen des Landes erbracht werden", sagt Zimmer und spricht sich damit gegen eine zu enge Bindung an die öffentliche Verwaltung aus. "Die Delivery Unit muss ein Plus zu dem sein, was wir schon haben. Das kann man nicht nebenbei erledigen."

"Die Technologiestiftung, zu deren Geschäftsfeld strategische Fragestellungen wie beispielsweise neue technologiebasierte Geschäftsmodelle gehören, wird ihren Beitrag zur Delivery Unit leisten können und dabei eine partnerschaftliche Rolle übernehmen", kündigte Zimmer an.

"Wir unterstützen die Idee der Delivery Unit für alle Start-ups in der Stadt", sagt auch Melanie Bähr, Geschäftsführerin Berlin Partner. "Wir können dabei mit unserer Expertise für Ansiedlungs- und Expansionsprojekte wichtige Impulse einbringen." Zudem habe Berlin Partner seine Dienstleistungen und das Standortmarketing auf die besonderen Bedürfnisse der digitalen Wirtschaft abgestimmt. "Durch unsere sehr gute Vernetzung in der Technologieförderung können wir darüber hinaus die Zusammenarbeit von Berliner Forschungseinrichtungen mit den jungen Gründern begleiten", sagte Bähr.

IHK will nicht locker lassen

Auch Jan Pörksen, bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) als Geschäftsführer für Existenzgründer zuständig, ist begeistert. "Es ist ungemein wichtig, dass Klaus Wowereit das Thema an sich gezogen hat", ließ er schon am Tag der Präsentation der Studie verlauten. "Wir werden ihn dabei unterstützen und nicht locker lassen, sodass der Schwung aus der Studie nicht nutzlos verpufft", mahnt der IHK-Manager zu Eile. Die neu einzusetzende Delivery Unit habe viel zu tun. "Je schneller sie ihre Arbeit beginnen wird, desto besser für den Standort", erklärte Pörksen.

"An erster Stelle gilt es jetzt, die richtigen Leute an Bord zu holen", sagte Pörksen. "Wir sollten uns da die Start-ups zum Vorbild nehmen: kurze Entscheidungswege, agiles Projektvorgehen und den Mut haben einfach mal Dinge auszuprobieren." Dabei sollte die IHK eine wichtige Rolle spielen. "Wir haben einen eigenen Start-up-Bereich in der IHK geschaffen, der die vorhandenen Stärken der IHK – wie das Serviceangebot, Netzwerk und der Kontakt zur Verwaltung und Politik – auch für diese Unternehmen nutzbar machen wird."

Berlin wird kein zweites Silicon Valley

Eine "Delivery Unit" wäre ein erster Schritt, um die Berliner Start-up-Aktivitäten zu strukturieren und Strategien zu entwickeln, um das Ecosystem wettbewerbsfähig zu machen. Schnelle Wunder sollte man dennoch nicht erwarten. "Niemand kann ein zweites Silicon Valley schaffen", lässt sich der Gründer des Wagniskapitalgebers Passion Capital, Stefan Glänzer, im britischen "Economist" zitieren. Er kennt Berlin und London gleich gut.

"Wir müssen mit dem Verständnis der verschiedenen Kulturen punkten und die Stärken miteinander kombinieren", sagte Glänzer der Berliner Morgenpost. "Globale Marktführer aus Europa sollten idealerweise einen Technologiechef (CTO) aus Osteuropa, einen Finanzchef (CFO) aus Großbritannien, einen Geschäftsführer (COO) aus Deutschland und einen Chiefdesigner aus Frankreich oder Italien haben. CEO sollte ein Skandinavier sein. In dieser Kombination sollten wir unschlagbar sein. Ob die Firmen dann in Stockholm, Hamburg, Berlin oder London sitzen, ist ziemlich egal."

Bleiben Sie informiert:
Die Berliner Morgenpost in sozialen Netzwerken.
Folgen Sie uns auf Twitter